Akribie und Ironie der Wetterfrösche

07.02.2014

© Sabine Rübensaat

Starkes Team: Dr. Jurik Müller, Falk Böttcher und Martin Schmidt (v. r.) in der Vorhersagezentrale der Leipziger Außenstelle vom Wetterdienst.

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Ärgern Sie sich eigentlich über die Bezeichnung Wetterfrosch?

■ Ich habe damit überhaupt kein Problem, im Gegenteil: Das ist doch so etwas wie ein Ritterschlag.

Auch wenn der Frosch Spott erntet, weil er zu früh auf die Leiter geklettert ist oder es verpasst hat, den Wetterwechsel anzuzeigen?
■ Das passiert einfach. Der Meteorologe ist ein selbstironischer Mensch. Der kennt die Scherze, die der Volksmund von sich gibt, und kann damit gut umgehen.

Haben Sie mit Ihrer Prognose schon mal so richtig daneben gelegen?
■ Oh ja. Ich erinnere mich an einen wunderschönen Sommertag im Jahre 2000 in meinem Heimatdörfchen Plößnitz. Plötzlich verdunkelte sich der Himmel und meine Frau meinte, dass es wohl gleich ein Unwetter geben würde. Das kann nicht sein, erwiderte ich. Denn es war eine Niederschlagswahrscheinlichkeit von null Prozent vorhergesagt worden. Keine drei Minuten später goss es wie aus allen Kannen.

Das war also das klassische Hoch, das dann aus dem Keller gepumpt werden musste?
■ Genau. Mein Irrtum war damals zum Glück nur persönlicher Natur und keine amtliche Vorhersage, die daneben ging. Dafür konnte ich dann Jahre später bei einem Landwirt aus der Region punkten, der ganz genau wissen wollte, wann der angekündigte Regen fällt. Denn die Frage war, ob er es noch schafft, vorher sein Getreide zu ernten.

Konnten Sie ihm helfen?
■ Ich habe geantwortet: Bis 20.15 Uhr muss der Mähdrusch unter Dach und Fach sein. Das war natürlich mehr aus dem Bauch heraus gesagt. Aber später rief dann der Landwirt an, um sich zu bedanken. Die Prognose hatte mit einer leichten Verzögerung von fünf Minuten gestimmt. Das klappt natürlich nicht immer so.

Wann haben Sie begonnen, sich fürs Wetter zu interessieren? Welche Rolle spielten die Eltern?
■ Das Elternhaus stand in Weimar und hatte nichts mit Meteorologie zu tun. Mein Vater war Schriftsteller und Maler. Allerdings wurde der erste Schneefall des Winters immer freudig begrüßt, wie ich frühzeitig mitbekam. Also habe ich, wenn die kühlen Tage begannen, gebannt aufs Thermometer geschaut, um zu wissen, wann der Regen in Schnee übergeht. Es war spannend, die Quecksilbersäule zu verfolgen. Das entscheidende Erlebnis hatte ich aber als Achtjähriger im Februar 1956.

Was war da geschehen?
■ Die vorhergehenden zwei Monate waren verhältnismäßig mild. Doch dann folgten blizzardartige Schneestürme. Selbst im Tiefland bildeten sich bis zu drei Meter hohe Schneewehen. Der Winter hatte sich als Wolf im Schafspelz gezeigt. Dieser Wetterumschwung, diese Naturgewalt hat mich fasziniert. Und sicherlich geprägt.

Inwiefern?
■ Dass man Frost und Schnee nicht als Bedrohung, sondern als naturgegeben empfindet und dem viel abgewinnen kann. Als ich von 1967 bis 1969 als Wetterbeobachter an der Hydrometeorologischen Station Gehlberg bei Oberhof arbeitete, waren im Winter die Skier meine ständigen Begleiter. Sonst hätte ich täglich acht, mitunter bis 30 Kilometer zu Fuß durch den Schnee stapfen müssen. Und wohl kaum die zum Teil unter der weißen Pracht versteckten sogenannten Kannentotalisatoren finden können.

Was bitte waren Kannentotalisatoren?
■ Spezielle Niederschlagsmesser für das Gebirge, die wie Milchkannen aussahen und oben mit einem Windschutzring versehen waren. Um das Einfrieren zu verhindern, wurde eine Salzlösung angesetzt und eine Art Vaselineöl als Verdunstungsschutz hinzugefügt. Durch das Wiegen vorher und danach konnten wir die exakte Niederschlagsmenge berechnen. Diese Kannentotalisatoren mussten alle vier bis fünf Tage angelaufen werden. Das war eine sportliche Herausforderung besonders dann, wenn zwei bis zweieinhalb Meter Schnee lagen.  

Mit anderen Worten: Für Ihren Beruf muss man viel Leidenschaft mitbringen!
■ Um Leiden erdulden zu können, genau. Aber diese Tätigkeit hat mir trotzdem viel Spaß gemacht. Meine Eltern haben immer gesagt, dass ich zu jener Zeit am gesündesten war. Ich möchte sie nicht missen, auch wenn das heutzutage gar nicht mehr so funktionieren würde. Was aber keinesfalls heißt, dass im Zeitalter der Wettersatelliten das Messen von Niederschlag und Temperaturen ebenso überflüssig ist wie die Wetterbeobachtung nach den Regeln unserer Vorfahren.

Woher rührt eigentlich Ihr Faible für alte Bauernregeln?
■ Die Lokalredaktion einer Tageszeitung hatte mich einmal gebeten, für die Osterausgabe einen Beitrag über alte Bauernregeln zu schreiben. Der kam so gut an, dass sich die Anfragen häuften. Ich habe mich daraufhin gezielt mit dem Thema beschäftigt, alte Niederschriften studiert.  Einen Grundstock an konventionellen Regeln hatte ich ja schon, begann dann aber, das Wissen um Bräuche und Mythen zu erweitern. Und fing an, auch regionale, selbst Bauernregeln aus Ländern wie Ungarn zu sammeln und in ein verständliches Deutsch zu übertragen. Das gelang am besten in Reimform. Aus meiner eigenen Feder stammen mittlerweile 4 000 Wetter-, Witterungs-, Pflanzen-, Tier- und Ernteregeln.

Warum haben Sie sich so viele Mühe gemacht?
■ Weil ich großen Respekt vor dem habe, was unsere Vorfahren über riesige Zeiträume an Wetterbeobachtungen angestellt und zusammengetragen haben. Ich kann es überhaupt nicht verknusen, wenn gerade auch Berufskollegen diesen Fundus an Wissen gering schätzen. Denn das zeugt meiner Ansicht nach von wissenschaftlicher Arroganz.  Die Bauern waren vor Hunderten von Jahren, als es noch keine technischen Hilfsmittel gab, auf eine präzise, langfristige Wetterbeobachtung und deren Weitergabe angewiesen, um ihre Ernte möglichst verlustarm einbringen zu können. Da die meisten Bauern des Schreibens unkundig waren, brachten Mönche deren Wissen und Erfahrungen in den Klöstern zu Papier.

Sie wissen sicherlich aus dem Effeff, was seinerzeit zum Dreikönigstag gesagt wurde?
■ War bis Dreikönig noch kein Winter, so folgt auch keiner mehr dahinter. Aber ich weiß, worauf Sie hinaus wollen: Am 6. Januar war sehr mildes, sonniges Wetter, und gute vierzehn Tage später gab es dann doch einen Wintereinbruch.

Wie erklären Sie sich das?
■ In zwei von zehn Fällen bestätigt sich die Regel nicht. Das war im bereits erwähnten Jahr 1956 und übrigens auch im vergangenen Jahr der Fall. Es kam dann doch zu Schnee und Kälte. Mitunter stellt man auch fest, dass sich einzelne Regeln widersprechen. Allerdings lässt sich nie genau nachvollziehen, wo sie genau entstanden sind. Das aber ist wichtig für die Gültigkeit der Aussage. Wenn eine zum Beispiel vom Nordrand der Alpen stammt, lässt sie sich nicht einfach an die Küste verfrachten. Ich gehe, was diesen Januar betrifft, davon aus, dass es ein Intermezzo war und der Winter wirklich nicht mehr die Kraft zu Höhenflügen hat.

Ist das Wetter an der Küste denn so gänzlich anders?
■ Mitunter schon. So kann es passieren, dass es im Luv der Mittelgebirge noch schneit, während die Küste im Lee, also auf der dem Wind abgekehrten Seite, der norwegischen ­Gebirge liegt. Wenn der Wind von Nordwesten hereinstreicht, sprechen die Segler dann vom sogenannten Wolkenbesen. Die Wolken werden hier vertrieben, während sie sich im Landesinneren und vor allem am Gebirge stauen. Die Folge sind dann Regen oder Schnee.

Was einmal mehr für die Wichtigkeit der regionalen Wettervorhersage spricht, die wir dank Ihrer langjährigen Mitarbeit und der Unterstützung Ihrer Kollegen unseren Lesern wöchentlich bieten können. Auffällig dabei ist immer wieder der Bezug zu den aktuellen landwirtschaftlichen Arbeiten. Wo haben Sie die Fachkenntnis her?
■ Das hängt mit meiner Promotion zusammen, die im Rahmen einer außerplanmäßigen Aspirantur erfolgte. Ich hatte die Gelegenheit, mich intensiv mit Bodenkunde und Pflanzenproduktion zu beschäftigen, ebenso mit Fragen der Melioration, des Düngemitteleinsatzes und vielem mehr. Mein Betreuer und Doktorvater hat mich ganz schön in die Mangel genommen und sowohl ständig mein Wissen kontrolliert als auch den Stand der Erarbeitung meiner Dissertation hinterfragt. Das war mitunter lästig und hatte manche Nachtschicht zur Folge. Aber ich weiß das heute umso mehr zu schätzen.

Bäuerliche Wurzeln haben Sie aber nicht, oder?
■ Doch, mütterlicherseits. Meine Großeltern waren Bauern in einem kleinen Ort bei Eisenach. Als Kind war ich oft dort, durfte auf dem Wagen mitfahren, der Stroh oder Getreide transportierte. Das war mitunter ganz schön aufregend. Wenn man ganz oben saß und der Wagen sich neigte, hatte man das Gefühl, umzukippen. Die Erinnerungen daran sind noch sehr lebendig. Ich hatte dort einen Lieblingsplatz oberhalb der Felder mit einer Aussicht bis zum Inselsberg. Dort habe ich dann angefangen, meine Wetterbeobachtungen in einem kleinen Büchlein niederzuschreiben. Da war ich in der dritten oder vierten Klasse. Später dann, als Oberschüler, habe ich mich für ein Jahr als phänologischer Beobachter im Bereich des Böckelsberges und Kirschbachtales bei Weimar versucht. Dieses Areal unweit meines Elternhauses wurde teils landwirtschaftlich, teils für den Obstbau genutzt. Mein Faible speziell für die Agrarmeteorologie kommt wohl nicht von ungefähr.

Heutzutage wird viel von Klimawandel gesprochen, mitunter werden gar Schreckensszenarien gezeichnet. Was halten Sie davon?
■ Ich bin da vorsichtig, spreche lieber davon, dass die Wetterextreme zunehmen. Diese gab es früher natürlich auch schon. Sie wurden nur anders bewertet. Ein Beispiel: Wenn vor 200 Jahren, als es nur Pferdekutschen gab, 20 bis 30 cm Schnee fielen, kam der Schlitten zum Einsatz. Wenn heute soviel Schnee herunter kommt, dann bricht alles zusammen. Es hat übrigens auch früher schon schwere Stürme, gar Tornados gegeben. Sind es nun mehr geworden, weil sie heute aus einem Netz registriert werden, das dichter als früher ist? Oder spielt auch die heutige Form rascher Nachrichtenübermittlung eine Rolle? Es gibt da noch viele Fragen, auf die die Wissenschaft  eine Antwort finden muss. Eines steht angesichts der langen meteorologischen Messreihen jedoch fest: Auf die letzten 20, 30 Jahre entfiel das Gros der wärmsten Jahre. Das ist zumindest ein Hinweis darauf, dass etwas in der Natur passiert, das es bislang in dieser Form nicht gegeben hat.

Woraus resultiert das?

■ Eine Ursache dafür ist zweifellos die mit der Industrialisierung verbundene Abgabe von Kohlendioxid und Spurengasen in die Atmosphäre. Wenn wir uns jetzt schon auf dem Weg der ansteigenden Temperaturen befinden und die Emmissionen setzen sich fort, besteht die Gefahr, dass das sogenannte goldene Gleichgewicht der Atmosphäre aus dem Ruder läuft. Das muss im Interesse künftiger Generationen verhindert werden. Die Wissenschaft steht hier in der Verantwortung, aber auch die Gesellschaft als Ganzes. In jedem Falle ist es wichtig, in die Klimawandelforschung zu investieren.

Sprechen die Fachleute mittlerweile nicht eher von Klimaprojektionen?
■ Richtig. Es gibt verschiedene Modellansätze, deren Simulationen, bildlich gesprochen, je weiter sich diese in die Zukunft bewegen, wie Rauchfahnen auseinander gehen. Voraussetzung sind aber immer belastbare Untersuchungsergebnisse, wie sich beispielsweise die veränderten Klimabedingungen auf die Vegetationsperiode auswirken. Arbeiten der von uns betreuten Studenten haben ergeben, dass sich die phänologischen Frühlingsphasen innerhalb der letzten 60 Jahre um drei Wochen nach vorn verlagert haben. Einen ähnlichen Effekt, nur nicht so stark ausgeprägt, gibt es bei den Herbstphasen. Das Vegetationsende verschob sich etwa um eine Woche nach hinten.

Für den Landwirt doch eigentlich ein Vorteil.
■ Zweifellos. Wer beispielsweise Kulturen mit Schnittnutzung hat, kann diese dank längerer Vegetation viel besser nutzen. Allerdings verschafft sich die mehr und mehr aufgeheizte Atmosphäre ein Ventil, was sich nicht nur in Sturmfluten äußert, sondern auch in einer regional ungünstigeren Verteilung von Niederschlägen. Also auf eine lange Trockenperiode können dann verstärkt Starkniederschläge wie Hagel folgen, die wiederum zu Ernteausfällen führen. Deshalb ist der Landwirt gut beraten, sich auf solche Extreme einzustellen und vor allem darauf zu achten, den Boden ganzjährig zu bedecken, um Erosionen zu vermeiden.

Sie haben seit 1998 die Außenstelle Leipzig der Abteilung Agrarmeteorologie des Deutschen Wetterdienstes geleitet und sind seit Beginn dieses Jahres im Ruhestand. Wofür werden Sie jetzt mehr Zeit haben?
■ Für Gartenarbeiten beispielsweise. Ich mag Frühblüher, aber auch Rosen. In Gedanken bin ich schon dabei, ein weiteres Buch zu schreiben. Es soll sich mit Bräuchen um die Weihnachtszeit beschäftigen. Vorher erscheint aber mein drittes Buch, auf das ich schon sehr gespannt bin. Es enthält die besten Bauernregeln für jeden Tag mit dem Untertitel „365 Regeln, die wirklich stimmen“.

Stimmt es, dass Sie einer weiteren Leidenschaft verfallen sind?
■ Wenn Sie damit das Sammeln von Nussknackern meinen, dann ist das richtig. Ich habe mittlerweile über 100 Stück. Das älteste Exemplar wurde vor mehr als einem halben Jahrhundert gefertigt.

Welches ist das für Sie wertvollste?
■ Eine Nachbildung des Königs Balthasar. Es handelt sich um eine limitierte Auflage. Allerdings fehlen mir noch Caspar und Melchior. Wenn ich die Heiligen Drei zusammen habe, gibt mir das garantiert neuen Aufschwung!

Das Gespräch führte Wolfgang Herklotz

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