Tierschutz ist ein Prozess

14.10.2014

© Anja Nährig

Sauengruppe im Wartestall: Ob das Platzangebot ausreicht, entscheidet der Amtsveterinär auf Grundlage der Haltungsverordnung und den Bedingungen vor Ort, etwa Genetik und Alter der Tiere.

„Anforderungen an die Haltung von Schweinen müssen bezahlbar sein und bezahlt werden.“ Dafür bekam Walter Pfeifer vom TBV in der vollbesetzten Böslebener Bauernscheune Applaus. Dorthin waren Schweinehalter und Tierärzte der Einladung der Veterinärabteilung des Sozialministeriums (TMSFG) zu einer Informationsveranstaltung gefolgt. In seinem kurzen Vorwort hatte Pfeifer die momentane wirtschaftliche Lage umschrieben: um 30 % gesunkene Getreidepreise; ein nicht unwahrscheinlicher Preisverfall bei der Milch von bis zu 25 % bis zum Jahresende; tiefrote Zahlen bei den Schweinemästern, die derzeit 20 bis 25 € je Tier verlieren würden; Einbruch der Ferkelpreise innerhalb von drei Monaten von verträglichen 56 auf 36 Euro pro Ferkel. Walter Pfeifer vergaß freilich nicht zu erwähnen, dass Deutschland innerhalb von 15 Jahren seinen Eigenversorgungsgrad bei Schweinen von 87 auf 117 % gesteigert hat. Damit bestimmt der Export maßgeblich über den wirtschaftlichen Erfolg der Branche mit.

Ferkel boomen

Auch in Thüringen hat sich etwas getan. Während laut Agrarstatistik die Masttierzahlen in den letzten sieben Jahren um fast 30 000 auf 206 000 Stück zurückgegangen sind, stieg die Zahl der Zuchtsauen und Ferkel beträchtlich. Im Mai dieses Jahres erfasste man 99 200 Zuchtsauen und 338 000 Ferkel, ein Plus im Vergleichszeitraum von zehn bzw. 25 %.
Struktur- und Wirtschaftsdaten der hiesigen Schweinebranche sollten in Bösleben aber keine Rolle spielen. Vielmehr ging es um den Tierschutz in der Nutztierhaltung, die Vorgaben, deren Interpretation und die Umsetzung in der Praxis. Nicht zuletzt die Vorgänge in der Sauenzuchtanlage in Thiemendorf führten dazu, dass sich in der ersten Jahreshälfte das Sozialministerium als oberste Fachaufsichtsbehörde, die Veterinärämter, Agrarministerium und landwirtschaftliche Fachverbände gemeinsam mit der Umsetzung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung im Freistaat beschäftigt hatten. Denn die bietet, trotz Ausführungshinweisen, allerhand Interpretationsspielraum.
Dr. Hubertus Even (TMSFG) warb dafür, die Haltungssysteme so zu gestalten, dass das Schwein damit klarkommt, wohl wissend, dass nicht alles geht. Schweine seien unsere intelligentesten Nutztiere; in den Ställen stünden heute empfindliche Hochleistungstiere. Stress und Angst zu vermeiden sollte erstes Ziel sein, und hier spiele der menschliche Faktor eine bedeutende Rolle.
Trotz Zucht besäßen Schweine ihr ursprüngliches Verhalten und wollten das ausleben. Dazu gehöre, so Dr. Hubertus Even, etwa der Nestbau. Deshalb müsse jeder Jungsau bzw. Sau in der Woche vor der Abferkelung „ausreichend Stroh oder anderes Material zur Befriedigung ihres Nestbauverhaltens zur Verfügung gestellt werden“. Aus fachlicher Sicht sollte die Nestgröße 1 m² groß sein.

Tier bestimmt Angebot

Sowohl im Deckzentrum als auch danach in der Gruppe ist den Tieren laut der Haltungsverordnung ausreichend Platz zur Verfügung zu stellen. Das betrifft das Umdrehen, Aufstehen, Liegen oder Ausstrecken. Hier gelten die bekannten Mindestgrößen. Even wies aber darauf hin, dass die allein nicht der Maßstab sein könnten. Genetik und Alter der Tiere müssten beim Platzangebot mit beachtet werden. Dass das Einhalten von Mindestgrößen kein Persilschein für die korrekte Haltung sein muss, unterstrich der Veterinärreferent des Sozialministeriums mit dem Hinweis auf ein Gerichtsurteil, wo im Einzelfall entschieden wurde, dass die ausgestreckten Gliedmaßen der liegenden Sau nicht in die Nachbarbucht ragen sollten. Derartige Gerichtsentscheidungen seien aus fachlicher und aus Sicht der Praktiker freilich hochproblematisch.
In der Folge wies Even unter anderem auf die allzeit zu garantierende Wasserversorgung für alle Tiere sowie das Schwanzkupieren hin. Letzteres dürfe nicht dazu dienen, ungünstige Haltungsbedingungen zu kaschieren. Vielmehr gelte es, alle infrage kommenden Ursachen für das Schwanzbeißen zu suchen und abzustellen. Das Kupieren müsse das letzte Mittel bleiben.
TMSFG-Referatsleiterin Dr. Anke Bokeloh fasste in Bösleben ein bei den Praktikern besonders „beliebtes“ Thema an, das des Beschäftigungsmaterials. Auch hier lassen die rechtlichen Vorschriften Raum zur Auslegung. So sei etwa ein Plastikrohr, was eine Metallstange umschließt, „als einziges Beschäftigungsmaterial nicht geeignet“, weil stereotypes Stangenbeißen nicht als Beschäftigung gelten könne, zitierte Bokeloh das Bundesagrarministerium.

Nur Biospielzeug  

Nach der eingangs erwähnten Abstimmung der Verantwortlichen im Freistaat in der ersten Jahreshälfte hält man von Beschäftigungsmaterial aus Kunststoff wenig und „erscheint organisches Material hinsichtlich der Befriedigung des Erkundigungs- und Beschäftigungsbedürfnisses aus fachlicher Bewertung als geeigneter“, so eine Protokollnotiz. Bokeloh stellte für Thüringen klar, dass „das Fehlen von nicht permanent zugänglichem und geeignetem Beschäftigungsmaterial als verordnungswidrig und CC-relevant zu maßregeln“ sei. Als Beispiel für geeignetes Material nannte die Referatsleiterin eine Kette mit Holz oder starke Naturfaserseile.
In der Diskussion reagierten einige Praktiker natürlich auf die dargebotenen Themen. So wurde hinsichtlich der Haltungseinrichtungen kritisiert, dass man diese, natürlich gesetzeskonform, erst vor zehn oder zwölf Jahren erneuert habe. Bezahlt seien sie aber lange noch nicht.

Daten nicht von QS?

Diskutiert wurde auch die Novelle des Arzneimittelgesetzes samt Antibiotikadatenbank. Die Praktiker forderten, die staatliche Datenbank so einzurichten, dass die Antibiotikadaten der QS-Teilnehmer problemlos eingepflegt werden können. Aus Sicht des Sozialministeriums sei dies derzeit aber nicht möglich, weil sich die QS GmbH „außerstande sehe, die rechtlich vorgegebenen Daten für den Tierhalter zu melden“. Dem wurde seitens von QS-Teilnehmer­betrieben heftig widersprochen. Aufgelöst werden konnte der Streit in Bösleben nicht mehr.

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