Rückkehr der Feldraine?

19.11.2014

© Carmen Rudolph

Hecken und Gehölzstreifen im Agrarraum wirken als Erosionsbarriere und fördern die biologische Vielfalt.

Für manch älteren Menschen gehören sie zu den Kindheitserinnerungen auf dem Dorf – Feldraine, in denen es den ganzen Sommer brummt, summt und raschelt. Heute sind die mit regional typischen Gräsern und Kräutern bewachsenen Streifen zwischen oder am Rande von Ackerflächen weitgehend verschwunden. In der modernen Landwirtschaft verloren die Feldraine ihre Bedeutung als Grenzmarkierung und als Futterquelle für das Kleinvieh.

„Trittsteine“ und Erosionsbarriere

Dass die Bedeutung von Saumbiotopen mittlerweile anders bewertet wird, zeigte sich auf der Fachtagung „Biotopverbund im Agrarraum durch Feldraine und Wegränder“, zu der die Stiftung Lebensraum Thüringen (SLT) Ende Oktober in den Etzdorfer Hof der Agrar eG Buchheim-Crossen eingeladen hatte. „Solche naturnahen Strukturen sorgen als Ausbreitungskorridore und Trittsteine für eine Vernetzung von Lebensräumen“, verdeutlicht SLT-Vereinsvorsitzender Dr. Dietrich von Knorre. Neben einer Beförderung der biologischen Vielfalt sieht von Knorre aber ebenso einen Nutzen für Landwirte, etwa in der Funktion als Erosionsbarriere. Nicht zuletzt aufgrund dieser Multifunktionalität würden Feldraine und andere naturbetonte Strukturelemente über Agrarumweltmaßnahmen finanziell bezuschusst bzw. finden künftig im Rahmen des Greenings Aufmerksamkeit – in beiden Fällen freilich nur, wenn sie zur bewirtschafteten Fläche gehören. „Daraus ergeben sich Chancen für mehr Artenvielfalt in einer über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft, ohne dass eine nachhaltige landwirtschaftliche Produktion als Grundlage für unsere Ernährung ins Hintertreffen gerät“, ist der SLT-Vereinsvorsitzende überzeugt.

Der grüne Erfurter (Feld)Weg

Wie Landwirte, Kommunen, Vereine und Bürger bei der Wiederbelebung vernachlässigter Feldwege zusammenarbeiten können, erläuterten Dr. Ulrich Boßneck und Janette Köhler von der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) der Stadt Erfurt am Beispiel des Projekts „Anlage von Wegebegleitstrukturen in der Agrarlandschaft“. Immerhin 61 % der Fläche der Landeshauptstadt samt eingemeindeter Dörfer sind Acker- und Grünland. Auf Grundlage einer vom Stadtrat verabschiedeten Konzeption zur Biodiversität wurden im Umland bislang 3,5 km Feldwege mit standortgerechten Bäumen, Sträuchern und Grasstreifen neu eingefasst. Um dies zu ermöglichen, verglich die Behörde die vorgefundene Breite von sieben ausgesuchten kommunalen Feldwegen mit den im Katasterplan angegebenen Lagen und Maßen. Dabei ergaben sich unterschiedlich breite Streifen, die für den Ackerbau genutzt wurden und nun für eine Begrünung zur Verfügung standen. Die Planung  und Bepflanzung erfolgte in Abstimmung mit den jeweiligen Anrainern und Nutzern der Feldwege. Die Finanzierung des insgesamt 84  000 € teuren Begrünungsprojektes übernahm die Stiftung Naturschutz. Organisatorische Unterstützung kam von der Stadt, die auch die weitere Pflege sicherstellt.
Maik Schwabe von der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft (TLL) informierte auf der Fachtagung über das von der EU kofinanzierte Thüringer Kulturlandschaftsprogramm (KULAP), und hier speziell zu den Maßnahmen zur Etablierung naturbetonter Strukturelemente. Der Freistaat nimmt bei diesen mit einem Anteil von gerade mal 0,06 % an der landwirtschaftlichen Nutzfläche nicht gerade eine Spitzenposition in Deutschland ein. „Blühstreifen, Schonflächen oder Schutzstreifen passten aus verschiedenen Gründen bisher nicht in das Konzept der meisten Betriebe“, so Schwabe. Die Anlage von naturbetonten Strukturelementen auf Ackerland (A-Maßnahme) honoriert das KULAP. Dabei handelt es sich etwa um Blühstreifen, Schonstreifen oder Gewässerschutzstreifen. Neu ist, dass der Landwirt diese auch als ökologische Vorrangfläche im Greening anrechnen lassen kann (V-Maßnahme).
Eine weitere Abstufung betrifft die Lage. Liegt zum Beispiel ein Blühstreifen innerhalb einer naturschutzfachlich abgegrenzten Gebietskulisse, etwa zum Schutz von Rebhühnern, Feldhamstern oder Kiebitzen, ist der Fördersatz höher. Dafür müssen aber auch mehr Auflagen erfüllt werden. Ein jährlicher Wechsel der KULAP-Fläche ist möglich. „Bei einem einjährigen Blühstreifen ohne Kulissenbezug ergibt sich nach Abzug der Kosten ein Deckungsbetrag von 582 Euro pro Hektar“, rechnet Schwabe eine exemplarische A-Maßnahme vor. Dies sei für ertragsschwächere und zum Teil mittlere Standorte ein akzeptabler Ausgleich.

Aus Sicht der Praktiker blüht die Bürokratie

Mit Matthias Döring, Geschäftsführer der Geratal Agrar GmbH & Co. KG Andisleben, und Landwirt Hermann Hoyer aus Achelstädt ergriffen zwei Praktiker das Wort. Döring ist ein Thüringer Pionier bei der Anlage naturnaher Landschaftselemente, mit der er in seinem Betrieb bereits in den 1980er Jahren begann. Dazu gehören Blühstreifen zur Gliederung großer Ackerflächen in Feldblöcke, auf denen insgesamt 19 verschiedene Kulturen angebaut werden. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte entstanden außerdem zwölf Kilometer Windschutzstreifen sowie neue Feldwege und Ackersäume. Auf diesen Arealen gelang es, seltene Wildkräuter wie Sommer-
Adonisröschen, Kornblume, Feldrittersporn, Ackersteinsame, Dreiteiliger Ehrenpreis, Gemeine Sichelmöhre oder Stängelumfassendes Hellerkraut anzusiedeln. Das enge KULAP-Korsett mit vorgegebenen, für den jeweiligen Standort aber nicht immer optimalen Saatgutmischungen für die Blühstreifen sowie das Wirrwarr der sich teilweise gegeneinander ausschließenden Förderregeln erschweren nach Meinung des engagierten Landwirts zunehmend die Bemühungen um
intakte Biotope. „Ich denke, der bürokratische Aufwand ist für jene Betriebe, die dem Anliegen gegenüber aufgeschlossen sind, ein Haupthinderungsgrund. Stehe ich doch selbst manchmal kurz davor, die Flinte ins Korn zu werfen“, sagt Döring.

Hoyer sprach auf der Fachtagung als Mitglied der Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung über seine Erfahrungen beim Bodenschutz unter anderem durch Direkt- bzw. Mulchsaat, permanente Fahrgassen, Zwischenfrüchte und Untersaaten. Zu den unkonventionellen Maßnahmen gehören das Anlegen von Biotopen auf dem Acker zur Förderung von Prädatoren bzw. der gezielten Bekämpfung von Schädlingen wie Feldmäusen und die Schneckenbekämpfung mit Walzen bei Nacht und Tau.

In der Diskussion und am Rande der Fachtagung kam ein Aspekt zur Sprache, den man nicht sofort mit dem Thema der Veranstaltung in Verbindung bringt: Intakte Saumbiotope tragen zur Verschönerung des Dorfes bei und können es touristisch aufwerten.

Zierde für das Dorf und gutes Image

Nicht zuletzt bietet das Anlegen solcher Streifen an beliebten Spazierwegen oder Landstraßen eine Möglichkeit, die teilweise verloren gegangene Verbundenheit der Bevölkerung mit der Landwirtschaft wieder herzustellen. Unter diesem Gesichtspunkt wären Feldraine, Blühstreifen und Co. auch aktive Öffentlichkeitsarbeit und ein (gefördertes) Instrument zur Imagepflege.

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