Landluft im Radio

26.09.2014

© Birgitt Schunk

Am frühen Morgen war der Hörfunksender im Bullenstall in Pfersdorf: Betriebsleiter Toralf Müller (M.) steht den Moderatoren Sina Peschke und Marco Fischer Rede und Antwort.

Das Frühstücksradio der Landeswelle Thüringen sendete kürzlich live aus mehreren Agrarunternehmen. Angeschoben worden war die Aktion von der Initiative „Heimische Landwirtschaft“. Man wolle den Menschen erklären, wie moderne Landwirtschaft heute funktioniere, sagte Projektleiterin Evelyn Zschächner den Moderatoren Sina Peschke und Marco Fischer ins Mikrofon. Gegenüber der BauernZeitung ergänzte Zschächner: „Unsere Landwirte sind stolz auf ihren Beruf und wollen durch diese Art der Öffentlichkeitsarbeit zeigen, was sie jeden Tag für uns alle leisten. Denn ohne Landwirte bliebe so mancher Frühstückstisch leer.“

Warum sind die Bullen nicht auf der Weide?

Mit Übertragungswagen, Technikern und Redaktionsteam waren sie u. a. nach Südthüringen gekommen, um den Hörern Interessantes und Wissenswertes unterhaltsam zu vermitteln. Fünf Stunden lang wurde live gesendet. Zwischen Songs, Interviews und Nachrichten stand Toralf Müller, Chef des Agrarunternehmens Pfersdorf eG auch ohne Mikrofon immer wieder Rede und Antwort. Zwar hatte das Team vor der Sendung ein „Drehbuch“ geschrieben, die Themen benannt und Fragen notiert. „Doch das ist nur erst mal ein Leitfaden, in den Gesprächen vor Ort gibt es immer wieder Veränderungen und Reaktionen auf die jeweilige Situation“, erklärte Marie-Therese Engemann von der Landeswelle. Bullenaufzucht, Kälberstall und Mutterkuhherde – das waren hauptsächlich die Stationen, die Sina Peschke und Marco Fischer hautnah den Hörern an diesem Morgen nahebrachten.

Da machte die Moderatorin durchaus auch keinen Hehl daraus, dass ihr die Bullen irgendwo „leidtun“ würden, wenn sie nur im Stall heranwachsen und nicht auf saftigem Grün. Immerhin werden am Standort Pfersdorf 2 000 Bullen gehalten. Toralf Müller klärte auf – erst im Vorgespräch und einige Zeit später dann live auf Sendung: „So viele Bullen auf die Weide zu stellen, ist zu gefährlich. Bei Ochsen wäre es möglich, doch in Deutschland gibt es keinen Markt für deren Fleisch. In Amerika ist dies anders.“ Und schon war man beim Verbraucher, der die Weichen in bestimmte Richtungen stellt. Dabei ließ die Radiomoderatorin freilich auch den Hörern erklären, was nun den Unterschied zwischen Bullen und Ochsen ausmacht und ob man das wilde Temperament der männlichen Mastrinder, die nie auf eine Kuh treffen werden,  etwas in geordnete Bahnen lenken muss. „Gibt es da vielleicht etwas zur Beruhigung in den Tee?“ Toralf Müller verneinte und stellte klar: Die Gabe von Hormonen sei in Deutschland schon seit Jahren verboten.  

Warum müssen die Tiere 250 km fahren?

Und letztendlich ging es um saftige Steaks, die auch die Rinder aus der Pfersdorfer Anlage liefern. 30 Bullen gehen von hieraus wöchentlich zur Schlachtung. Teilweise werden sie bis zu 250 km gefahren. „Das ist recht weit und sicher auch stressig für die Tiere“, fand die Moderatorin und hakte nach. Müller erläuterte, dass es im Bereich der Schlachtung in den letzten Jahren eine starke Konzentration gegeben habe. „Durch die hohen Auflagen und die damit verbundenen Kosten haben viele Schlachter aufgegeben. Die Wege sind weiter geworden.“

Neugierig war das Radioteam auch in einer anderen Hinsicht. Schließlich wird überall über  Tierwohl und Haltungsbedingungen diskutiert. Und so ging es um die Frage, ob denn nicht  noch ein wenig mehr Luxus fürs liebe Vieh wie Streicheln oder Musik in den Alltag einziehen könnte. „Wenn es bezahlt würde, könnten wir das alles machen“, erwiderte Müller auf den Vorschlag. „Der Landwirt sitzt immer zwischen zwei Stühlen, wenn es um Ökonomie und Tierwohl geht.“ Autos und Handys könnten nicht teuer und edel genug sein, aber beim Essen werde gespart, wo es nur geht. Hier wolle der Verbraucher alles spottbillig haben.

Für Müller und seine Mitarbeiter war der Tag selbst eine völlig neue Erfahrung. „So haben wir im Betrieb Rundfunk  mal von der anderen Seite erlebt“, sagte er. „Nicht nur durch die Vorgespräche, sondern auch am Tag selbst habe ich ein echtes Interesse und Neugier der Radioleute verspürt. Ernste Hintergründe sind dann im lockeren Gespräch verständlich und unterhaltsam an den Hörer gebracht worden. Es sollte ja schließlich auch keine agrarwissenschaftliche Sendung werden. Der Aufwand hat sich gelohnt.“

Und auch Moderatorin Sina Peschke bekannte im Nachgang: „Ich habe viel hinzugelernt.“ Sie sieht sich zwar nicht als unbeleckt, „denn mit den Kindern war ich schon öfters auf dem Bauernhof und weiß, wie dies und jenes funktioniert“. Doch bei Großbetrieben gehe es um andere Dimensionen und es sei für sie erstaunlich gewesen, wie modern viele Anlagen und wie fortgeschritten die Tierhaltung inzwischen seien. Aber sie wisse auch, dass es viele  Kompromisse gebe. „Solange Menschen nicht bereit sind, für Lebensmittel weitaus mehr zu zahlen, wird es diese weiter geben.“

Warum wissen die Menschen so wenig?

In vielen  Gesprächen habe sie immer wieder festgestellt, wie wenig die Leute eigentlich über die Arbeit der Bauern wüssten. Sie ermunterte die Hörer ihrer Sendung, den Kontakt zur Landwirtschaft zu suchen, auf die regionale Herkunft der Produkte zu schauen und die Augen nicht vor Tatsachen zu verschließen. „Wer gerne Steaks und Bratwurst isst, der muss auch wissen, dass dafür Tiere aufgezogen werden müssen und zur Schlachtung gehen.“ Auch der Sender selbst zog ein positives Fazit zu seiner Tour durch die Agrarbetriebe. „Die Sendewoche vom Bauernhof war für uns eine ganz tolle Sache. Wir haben es geschafft, frische Landluft und Stallgeruch ins Radio bringen. Wir haben das Leben und Arbeiten in den Agrarbetrieben, spannend und lustig, vor allem aber realistisch aufbereitet“, meinte Programmchef Marco Kamphaus gegenüber der BauernZeitung. „Wir hatten viele Tiere im Programm, viele interessante Menschen und ihre Geschichten. Das alles kommt im normalen Radioalltag manchmal zu kurz, obwohl doch die Mehrheit der Thüringer auf dem Lande lebt.“

www.heimische-landwirtschaft.de; www.landeswelle.de 

Information und Unterhaltung
Vom 8. bis 12. September sendete die Landeswelle aus fünf Agrarbetrieben von 5 bis 10 Uhr live. Los ging es in der Geratal Agrar GmbH in Andisleben (Schweine, Pfefferminzanbau). Es folgten die Gönnatal-agrar eG in Lehesten (Milch- und Gefügelproduktion), die Agrarproduktion Zorgeland in Heringen (Ackerbau, Kartoffeln), Pfersdorf (siehe Beitrag) und das Obstgut Geier in Lumpzig. Parallel schätzten die Radiohörer über mehrere Wochen das Gewicht einer Kuh aus Wolkramshausen. Nach Senderangaben beteiligten sich rund 10 000 Hörer daran. Auf den Grünen Tagen brachte die Kuh 552 kg auf die Waage. Ein Hörer aus Bad Frankenhausen gewann mit seinem Tipp 10 000 €.


Birgitt Schunk

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