Glyphosat: Was ist die Alternative?

07.12.2017

Screenshot © Frank Hartmann

Solche Motive findet man derzeit allerorten, wenn in der Öffentlichkeit über Glyphosat geurteilt wird. Dieses hier gehört zur Pressemeldung des Grünen-Abgeordneten Olaf Müller. Darüber steht: Weitere Zulassung von Glyphosat führt in die Sackgasse.

Zu prüfen, welche Alternativen sich Landwirten für den Einsatz von Herbiziden mit dem Wirkstoff Glyphosat bieten, nannte Agrarministerin Birgit Keller im September letzten Jahres eine wichtige Aufgabe. Denn sollte es zu einem Verbot kommen, würde Landwirten ein Werkzeug genommen. Gut eineinhalb Jahre und einen Landtagsbeschluss später stimmte eine qualifizierte Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten für eine Zulassungsverlängerung um fünf Jahre.

 

Pro und Kontra vor und  nach EU-Entscheidung


Der TBV begrüßte diese Entscheidung, denn „die zugrundeliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse hinsichtlich der Unbedenklichkeit des Wirkstoffes ließen kein anderes Ergebnis zu“, erklärte TBV-Präsident Dr. Klaus Wagner. „Für die Akzeptanz der Entscheidung hätten wir allerdings eine einheitliche Position der geschäftsführenden Bundesregierung sehr begrüßt.“ Der agrarpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Landtag, Olaf Müller, sprach hingegen von „einem rücksichtslosen Durchboxen von Industrieinteressen“ und kritisierte die Zustimmung der Bundesregierung gegen den Widerspruch der Umweltministerin. „Der massive und großflächige Einsatz von Glyphosat führt in eine Sackgasse. Denn Umwelt, Mensch und Landwirtschaft werden darunter leiden“, warnte Möller. Als Berufsstand, so Bauernpräsident Wagner, „können wir nur betonen, dass eine wissenschaftliche Risikobewertung für die Zulassung von Wirkstoffen und Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft stets das Hauptargument bleiben muss. Politischer Aktionismus ohne wissenschaftliche Basis ist nicht zielführend und hilft weder den Landwirten noch dem Verbraucher.“


Mit ihrer Mehrheit brachten die regierungstragenden Fraktionen im vorigen Jahr ihren Antrag durch den Thüringer Landtag, der die Landesregierung u.a. aufforderte, den Einsatz von Glyphosat im Kleingartenbereich oder in öffentlichen Einrichtungen zu verbieten. Einschließen darin wollten die rot-rot-grünen Abgeordneten auch die Verwendung bei der Vorerntebehandlung, was zu diesem Zeitpunkt bereits Restriktionen unterlag. Zudem sollte die Landesregierung die „Entwicklung praxistauglicher Alternativmethoden zum Glyphosateinsatz im Rahmen der Agrarforschung der EU, des Bundes und der Länder“ unterstützen.


Die Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft erhielt in der Folge vom Agrarministerium den Auftrag für ein Glyphosatprojekt, über das die TLL bei der Jahrestagung Düngung und Pflanzenschutz in der vorigen Woche in Erfurt Bericht erstattete. Bis 2019 geht es darum, den Einsatz von Glyphosat in der hiesigen Landwirtschaft zu erfassen, Feldversuche zur Unkrautbekämpfung mit Glyphosat und mechanischer Unkrautbekämpfung durchzuführen, eine Arbeitsgruppe zum Thema mit Praktikern zu gründen, eine Empfehlung zum sachgerechten Glyphosateinsatz zu erarbeiten sowie Schulungen und Fachveranstaltungen zum Thema durchzuführen.


Eine erste, vom Umfang nicht repräsentative Befragung mit Fragebögen und Interviews ergab laut Reinhard Götz kein einheitliches Bild zum betrieblichen Glyphosat-einsatz. Von den 50 Betrieben gaben 40 an, kontinuierlich Glyphosat einzusetzen, die übrigen zehn sehr wenig oder gar nicht. Bei 88  % der Anwender spielt der Einsatz des Herbizids insbesondere zur Bekämpfung von Ausfallraps eine wichtige Rolle. Auf fast der Hälfte der Fläche, auf der dann Weizen nachfolgt, setzen diese Betriebe glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel ein. Eine nennenswerte Bedeutung schreiben diese Betriebe zudem der Bekämpfung von Ausfallweizen vor der Wintergerste zu, gleichwohl die Anwendung gemessen an der Fläche deutlich hinter dem Raps liegt. Gut 30 % der Betriebe gaben an, auf der gesamten Rapsstoppelfläche Glyphosat anzuwenden, bei gut einem Viertel bewegt sich die behandelte Fläche bei unter 25 %. Über die Gründe dieser unterschiedlichen Herangehensweise könne man Götz zufolge nur Vermutungen anstellen, was vom Standort bis zur Erfahrung des Betriebsleiters reichen kann.


Befragt wurden die Betriebe unter anderem zur Bodenbearbeitungstechnik auf der Stoppel. Hier zeigen sich kaum Unterschiede zwischen den Gruppen. Im ersten Arbeitsgang dominiert die Scheibenegge, in den nachfolgenden der Grubber. Der Pflug spielt bei der Stoppelbearbeitung lediglich bei den Betrieben ohne Glyphosat­einsatz eine Rolle und hier auch nur bei jedem vierten.

 

Keine chemischen Alternativen


In den beiden folgenden Jahren will die TLL zudem ihre 2017 begonnenen Versuche zur Reduzierung der Aufwandmenge fortführen. Eine Reduzierung (1,5 l/ha Taifun) unter Zugabe von schwefelsaurem Ammoniak (5 kg/ha) zeigte eine vergleichbare Wirkung  wie die volle Taifun-Aufwandmenge (3,0 l/ha). Mit anderen Zusätzen (Kantor, Mero) in der reduzierten Variante lagen die Effekte unter dem schwefelsauren Ammoniak. Als gänzlich unzureichend  und keine Alternative zu glyphosathaltigen Herbiziden beschrieb Götz die Wirkung des noch nicht zugelassenen Beloukha (16 l/ha) mit dem Wirkstoff Perlagonsäure. Ohne die noch folgenden Ergebnisse vorwegnehmen zu wollen, „denken wir, dass es keine ernsthaften chemischen Alternativen“ zu Glyphosat gebe bzw. „geben wird“, so Pflanzenschutzfachmann Reinhard Götz. Er kündigte für das kommende Jahr erste Ergebnisse aus begonnenen Großparzellenversuchen bei der Südzucker in Friemar und im TLPVG Buttelstedt an, die verschiedene mechanische Verfahren auf der Stoppel gegen Ausfallkulturen und Verunkrautung in ihrer ackerbaulichen Wirkung und ihrem finanziellen Aufwand bewerten sollen.


Von den 50 befragten Betrieben wollte die TLL natürlich wissen, welche Mehrkosten sie beim Wegfall bzw. Verzicht von Glyphosat erwarten. Die Anwender schätzen   (Stoppel, Vorsaat, Vorernte) mit höheren Kosten zwischen 70 und 80 €/ha, ihre Kollegen, die Glyphosat kaum einsetzen, zwischen 10 und 37 €/ha. Das deckt sich mit Berechnungen der TLL, wie sie sich in ihrem bedauerlicherweise nicht veröffentlichen „Standpunkt zu Glyphosat“ aus dem Jahr 2015 finden: Inklusive witterungsbedingter Ertragsrisiken könnten sich die zusätzlichen Kosten (u.a. Arbeit, Technik, Pflanzenschutz) auf bis zu 150 €/ha summieren.

 

Wo ist die Anwendung unverzichtbar?


In seinem Fazit nannte Reinhard Götz neben der Ermittlung von Alternativverfahren wie die zur nichtchemischen Bekämpfung von Ausfallraps und des zusätzlichen Aufwandes auch die Eingrenzung auf die „unverzichtbaren Anwendungsgebiete“ von Glyphosat-Herbiziden als Projektziele. In der Diskussion wandte dann auch ein Praktiker ein, dass man bei Verzichts- bzw. Verbotsdebatten erosionsgefährdete Areale oder Hanglagen in benachteiligten Gebieten, die man pfluglos bearbeiten müsse, nie vergessen dürfe. Den Praktiker lud Götz gleich mit ein, an der Arbeitsgruppe mitzuwirken, die sich in diesem Dezember das erste Mal treffen wollte. Neben der TLL sind bislang sieben Betriebe in dieser „AG Glyphosat“, die im Erfahrungsaustausch über Minimierungsstrategien diskutieren und eine Handlungsempfehlung zur sachgerechten Glyphosatverwendung erarbeiten will.

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