Gerade so Sonderkultur

11.11.2015

© Frank Hartmann

Zur Kartoffelwahl standen 2015 Ballerina, Gala, Belmonda und Concordia. Ministerin Keller und Dietmar Barthel (THÜKAV) gratulieren Reiner Lachmann von der Norika, die die Gala züchtet.

Mutig sei gewesen, wer nach dem preislich verheerenden Jahr 2014 erneut Kartoffeln in die Erde steckte. Es schmerze, so Bernhard Göring von der Agrar GmbH Gamstädt, wenn die viele Arbeit eines Jahres nicht belohnt werde, zumal sich der Handel und die Verarbeiter hätten schadlos halten können und die Bauern die Misere allein auslöffelten. Mit Sarkasmus begegnete Göring auf dem Kartoffeltag in Friemar seiner Enttäuschung darüber, dass die Anbaufläche in Thüringen 2015 knapp unter die 1 800 ha (inklusive Saatware) gefallen ist: „Damit reicht es für die Kartoffel gerade noch so zur Sonderkultur.“
Dass das mal anders war, daran erinnerte in ihrer Begrüßung Anne Buhlau, Leiterin des Bad Salzunger Landwirtschaftsamtes, das mit der Versuchsstation Friemar und der TLL Gastgeber der Tagung war. Vor 26 Jahren wuchsen in den Bezirken Gera, Erfurt und Suhl noch auf 65 000 ha und damit auf 7 % der Nutzfläche Kartoffeln.


Göring, der dem Erzeugnisverband Thüringer Qualitätskartoffeln (THÜKAV) vorsitzt, der u. a. drei Erzeugergemeinschaften unter seinem Dach vereint, zog in Friemar eine kurze Bilanz des Kartoffeljahres. Waren die Legebedingungen zwar zu feucht bzw. verzögerte sich das Legen zum Teil, boten die Knollen dennoch gute Ansätze.

 

Regen war ein Witz


Die 30 mm Niederschlag, die in der Summe im April und Mai gemessen wurden, hätten zunächst das Schließen der Bestände nicht behindert. Während infolge der Trockenheit die frühen Kulturen aber schnell zusammenbrachen, konnten späte Reifegruppen zum Teil noch vom Sommerniederschlag profitieren. Die Erträge der frühen Reifegruppen schwankten zwischen 220 und 280 dt/ha, die der späten zwischen 340 und 450 dt/ha. Man rechnet mit einem Durchschnittsertrag von 340 dt/ha und damit rund 50 dt/ha unter dem langjährigen Mittelwert. Bei einem Teil der Pflanzkartoffeln würden sich laut Göring die Anbauer aufgrund von Virusproblemen auf Aberkennungen einstellen.


Das europaweit mäßige Kartoffeljahr wirkte unterdessen positiv auf die Nachfrage und den Markt, Gingen die Knollen zur Ernte zwischen 14 und 16  €/dt weg, erzielen die Landwirte für Lagerfrüchte derzeit 20 bis 24 €/dt. Dass diese Preise für einen halbwegs rentablen Kartoffelanbau notwendig sind, rechnete TLL-Fachmann Dr. Joachim Degner vor, der die Produktionskosten mit Winterweizen verglich und somit indirekt auch der Abkehr vom Kartoffelanbau auf den Grund ging. Danach sind die Produktionskosten nicht nur viermal höher als beim Weizen. Ein höheres Risiko bildeten auch die deutlich stärkeren Preiseausschläge. In der Summe spreche daher vieles für die Einführung eines Systems zum Risikoausgleich.


Nicht zu vergessen die ackerbaulichen Herausforderungen, auf die u. a. TBV-Vize Dr. Lars Fliege in seinem Grußwort einging. Denn: „Im Kartoffelanbau ist jedes Jahr anders.“ Fliege muss es wissen, baut man in Pfiffelbach selbst Kartoffeln an. Und so hieß es beispielsweise in dieser Saison, dem Unkraut mechanisch beizukommen, weil die Trockenheit dem ohnehin eingeschränkten Herbizideinsatz Grenzen aufzeigte.

 

Wissen nicht abschaffen


Bernhard Göring nutzte die Anwesenheit von Agrarministerin Birgit Keller, um sie auf ein drängendes Problem aufmerksam zu machen, das nicht nur die Kartoffelanbauer drückt. Um ein „Kompetenzzentrum für die Kartoffel“, wie Friemar es ist, zu halten, könne man dieses nicht nur mit Saisonkräften betreiben, so die Kritik. Und auch die TLL, so Göring eindringlich, brauche angesichts der Altersstruktur ihrer hervorragenden Mitarbeiter jungen Nachwuchs, der dieses geballte Wissen für die Landwirte in die Zukunft trägt.
Die Ministerin würdigte das Engagement des THÜKAV bei seinem Knollenmarketing. Schulprojekte („Kids an die Knolle“) und das Heichelheimer Kartoffellegen und -ernten mit Prominenten sind Beispiele. Und natürlich die Wahl der „Kartoffel des Jahres“, woran sich 2015 bei diversen Verkostungen über 1 000 Thüringer beteiligten. Auch die Landwirte in Friemar stimmten ab. Wie bei den Menschen im Land fand hier die Gala, dicht gefolgt von der Ballerina, die größte Zustimmung.

 

Die Ergebnisse der Landessortenversuche (LSV) zu Kartoffeln im AINFO unter: www.thueringen.de/th9/tll .

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