Eine erste Rechnung

27.11.2017

© Sabine Rübensaat

Auf Klärung wartet auch noch die Frage, welche Herdenschutz-Hunderassen in Thüringen förderfähig sind.

Im Landtag diskutieren die Abgeordneten in ihren Fraktionen und in den Ausschüssen derzeit intensiv die Landeshaushalte für die Jahre 2018 und 2019. Dass sich im Etat des Umweltressorts die jährliche Summe von 13 Mio. € für die vom Wolf geplagten Weidetierhalter des Freistaates wiederfinden wird, darf angezweifelt werden.


Die 13 Mio. € sind das Ergebnis von überschlägigen Berechnungen des Thüringer Bauernverbandes (TBV), des Schaf- und des Ziegenzuchtverbandes, die den Weidetierhalten mit der Wiederkehr des Wolfes nach Thüringen jährlich entstehen könnten, heißt es in einer Mitteilung. Anfang voriger Woche übergab TBV-Präsident Dr. Klaus Wagner die Kalkulation als Teil eines Forderungskataloges bei einem Treffen an Umweltministerin Anja Siegesmund. Wagner erklärte, dass es nicht sein könne, „dass Schaf- und Ziegenhalter ihre Existenz opfern. Wenn man sich für die Rückkehr des Wolfes entscheidet, muss man auch bereit sein, die anfallenden Kosten zu tragen.“ Er erinnerte daran, dass mit Merinolangwollschafen bereits Tiere einer vom Aussterben bedrohten Haustierrase Opfer des Wolfes geworden sind. Gefahr bestehe für die in ihrem Bestand ebenso bedrohte Thüringer Wald Ziege.

 

Kalkulation provoziert auch Kritik


Der größte Teil der errechneten Kosten (7,4 Mio. €) entfällt demnach auf Verlammungen, zu denen es infolge eines Wolfsangriffes kommt. Man gehe hierbei von einer Verlustrate durch Aborte bzw. Totgeburten in Höhe von 25  % aus. Eingeschlossen in die Kalkulation haben die Verbände jährliche Unterhaltskosten für Herdenschutzhunde in Höhe von 5,5 Mio. €. Beide Berechnungen setzen voraus, dass alle tragenden Mutterschafe und Ziegen in ganz Thüringen in einem Jahr eine Wolfsattacke erleiden und landesweit fast 2 100 Herdenschutzhunde im Einsatz sind.


Dass diese Art der Berechnung durchaus nachvollziehbare Kritik provozierte, ist kaum verwunderlich. Umweltstaatssekretär Olaf Möller wurde in der Thüringer Allgemeinen mit den Worten zitiert: „Wenn die Verbände als Gesprächspartner bei Entschädigungen ernst genommen werden wollen, müssen seriöse Zahlen auf den Tisch.“ Beim NABU Thüringen hieß es, „mit reinen Fantasie- und Wunschzahlen könne man keine sachliche Politik zugunsten der Weidetierhalter machen“. Und selbst unter Landtagsabgeordneten sollen die 13 Mio. € unverständliches Kopfschütteln ausgelöst haben.


Unabhängig davon haben die Verbände in ihrem Forderungskatalog detailliert aufgeführt, welche präventiven Maßnahmen für Weidetierhalter Kosten verursachen und welche Folgeschäden bislang nicht ersetzt werden bzw. in Zukunft auszugleichen sind (siehe Kasten). Damit treffen sie zweifellos den Kern der Debatte. Denn nicht nur in der Öffentlichkeit machen sich die wenigsten eine Vorstellung davon, was die Gegenwart des Wolfes für Weidetierhalter in der Praxis und im Alltag bedeutet. Vor drei Wochen konnte man sich darüber auch während einer Landtagsdebatte ein Bild machen. Dass der Aufbau eines schutzgerechten Nachtpferches im wilden Gelände drei zu entlohnende Arbeitsstunden in Anspruch nimmt oder ein einziger Herdenschutzhund mindestens 2  000 € Unterhalt im Jahr kostet, derartige Überlegungen stellten die Abgeordneten nicht an. Gleichwohl sahen sie sich an der Seite der Schäfer stehen, sprachen sich für Entschädigungen nach Wolfsattacken aus und lobten, mit Ausnahme der CDU-Abgeordneten, das Wolfsmanagement des Umweltministeriums. Ein Antrag der CDU, der eine Wolfsverordnung ähnlich der Kormoranverordnung verlangt, wird in den nächsten Monaten den Umwelt- und den Agrarausschuss beschäftigen.

 

Schäfer werden keine Wolfsfreunde mehr


Der Schafzuchtverband kündigte an, dass man eine detaillierte Kostenkalkulation für die Schäfer im Ohrdrufer Wolfsgebiet vor­legen werde, sobald das KTBL seine Berechnungen für Herdenschutzmaßnahmen in der Schafhaltung veröffentlicht, was wohl kurz bevorsteht. Auf den regio­nalen Informationsveranstaltungen für Schaf- und Ziegenhalter – die abschließende fand vorige Woche für Nordthüringen in ­Ebeleben statt –  machten die meisten Schäfer keinen Hehl ­daraus, was sie vom Wolf halten: nämlich nichts. Verbandsgeschäftsführer Christoph Ingelmann erneuerte die Forderung nach einer Entnahme der Ohr­drufer Wölfin, weil sie sich mehr als einmal von Schutzzäunen ­habe nicht abhalten lassen.

 

 

 

Auflistung auszugleichender Verluste und Aufwendungen der Weidetierhalter:
Direkte Schäden durch Wolfsattacke: Erstattung verendeter, verschollener, verworfener Tiere, Ablammverluste, Ausbleiben der Brünstigkeit und der Nichtbedeckung; Erstattung indirekter Personen- und Sachschäden im Fall des Herdenausbruchs; Kostenerstattung für die Suche ausgebrochener Tiere und die Untersuchung der Herde; Ausgleich für Erlös- und Produktionsausfall bei Milchrassen; Kosten für Ohrmarken, Gutachter, Transport, Reinigung und Tierarzt sowie Wollverluste sind auszugleichen; Übernahme der Versicherungskosten bei Verlust der Police oder bei Prämienerhöhung; Realistische Entschädigungssätze auch für Rinder und Pferde.

Prävention: Zu begleichen sind Anschaffung spezieller Elektrozäune gemäß Wolfsmanagementplan inklusive Diebstahlsicherung und Vorrichtungen für das Anbringen von Flatterbändern; Kostenerstattung für Mulchen und Freischneiden entlang der Zaunführung; Übernahme der Personal- und Sachkosten für den Aufbau und die Unterhaltung der Präventionsmaßnahmen; Übernahme von Schulungs- und Beratungskosten; Kostenersatz für Anschaffung und Unterhaltung von Herdenschutzhunden.

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr