Die Stunde der Wahrheit

20.07.2015

Ferkel © Sabine Rübensaat

Den entscheidenden Gedanken formulierte Peter Fuglsang gleich zu Beginn des Treffens: „Wir wollen nicht übereinander, sondern miteinander reden!“ Mit „wir“ waren die zehn Landtagsabgeordneten der Grünen, der Links-Partei und der SPD, Vertreter aus dem von den Linken geführten Agrarministerium, der TLL, der „Interessengemeinschaft der Schweinehalter in Thüringen“ (IGS), des TBV, der aus Dänemark angereiste Mitgesellschafter Per Kirketerp und natürlich sein Landsmann Peter Fuglsang, Geschäftsführer der 9 000er Sauenanlage in Thiemendorf, gemeint.


Keine Frage: Diese Konstellation, zumal komplett geduscht und in rot-grüne Besucherkluft gekleidet, sucht ihresgleichen. Der Anlass freilich ist weniger amüsant. „Es bereitet uns Sorge und Frust, dass über uns, unseren Betrieb und unsere tägliche Arbeit so negativ gesprochen wird.“ Darin schloss Fuglsang ein, wie im politischen Erfurt über die Schweinehaltung im Freistaat und über Thiemendorf im Speziellen gesprochen wird. „In Thiemendorf und Schöngleina hat es über Monate und Jahre hinweg systematische Tierquälereien gegeben. Auch nach erfolgten Kontrollen trat keine grundsätzliche Besserung ein. Auch, wenn die Hürden dafür hoch liegen, müssen wir bei fortgesetzten Verstößen ein Tierhaltungsverbot für den Betreiber prüfen“, erklärte etwa Ende April Roberto Kobelt, agrarpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion. Die Grünen waren es, die jetzt den Kontakt zum Betrieb gesucht hatten. Dieser gewährte am 6. Juli Einblicke in die Anlage und die einzelnen Haltungsabschnitte, beginnend mit der Abferkelung. Die Besucher konnten sich in den großen Abteilen frei bewegen.


Große Ruhe im Bestand

Die Muttersauen mit ihren durchschnittlich 15,5 lebend geborenen Ferkeln überzeugten nach Einschätzung aller Besucher in Kondition, Ruhe und Gelassenheit. In den Wartebereichen mit verschiedenen Systemen der Gruppenhaltung wies Peter Fuglsang auf die Besonderheiten einer Anlage aus den 1970er Jahren hin, die Stück für Stück rekonstruiert und umgebaut werden muss. Auch hier zeigten sich die Sauengruppen von den Besuchern unbeeindruckt. Ein Abteil mit mehr als 700 Sauen bot während des über drei Stunden dauernden Betriebsbesuches die Möglichkeit, über die hierzulande sehr kontrovers diskutierten Kastenstände zu sprechen. Hier gebe es noch Klärungsbedarf. Allerdings machte Fuglsang auch deutlich, wie schwierig es sei, sich in der jetzigen Phase für bestimmte Maße zu entscheiden, da die damit verbundenen Investitionen auch Rechtssicherheit für die Betriebe erfordern. „Wir brauchen Rechtssicherheit, keine individuelle Auslegung“.
Fragen zum Antibiotikaeinsatz im Betrieb und der tierärztlichen Betreuung stellten die Abgeordneten ebenso, wie zur Notwendigkeit von Nottötungen. Und natürlich interessierten sich die Gäste für den Stand der seit einem Jahr andauernden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen den Betrieb. Dazu war niemand auskunftsfähig. Auf Nachfrage der BauernZeitung erklärte die Staatsanwaltschaft in Gera, dass ihr die polizeilichen Ermittlungsergebnisse noch nicht vorlägen. Zur Erinnerung: Zweimal bereits wurde der Betrieb von Dutzenden Polizisten des Landeskriminalamtes und Veterinären durchsucht.


Kontrolle und Mängel

Freimütig berichten konnte Fuglsang hingegen über Kontrollen des Veterinäramtes, nachdem eine Tierschutzgruppe Ende 2013 in den Betrieb eingedrungen war und Filmaufnahmen öffentlich gemacht hatte. Laut dem Geschäftsführer hätte man die Kritikpunkte und Mängel abgestellt. Dies bestätigte das Veterinäramt seinerzeit auch der Öffentlichkeit.  
Die meisten Abgeordneten zeigten sich nach dem Besuch positiv überrascht. Dagmar Becker, agrarpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, sagte unserer Zeitung: „Die Anlage und auch die Schweine waren in einem guten bis sehr guten Zustand.“ Mehr Transparenz sei nötig, „auch um die nicht immer richtigen Vorstellungen der Bevölkerung über derartige Anlagen im Speziellen und die moderne Tierhaltung im Besonderen zu korrigieren“. Becker äußerte Verständnis dafür, dass sich die Tierhalter insgesamt langfristigere Planungshorizonte und angemessene Übergangsfristen wünschten. Tilo Kummer von den Linken erklärte, selten auf so einen ruhigen Tierbestand wie in Thiemendorf getroffen zu sein. Er habe sehen können, wie sich ein DDR-Altbau, Stück für Stück und nach Wirtschaftslage, im Interesse des Tierwohls verändere. In den Vollspaltenböden wollte Kummer nichts Böses erkennen, „zumal auch Stroh Vor- und Nachteile hat.“ Auch lobte Kummer das Management der Seuchenhygiene.


Kritischer Dialog

Der Grünen-Abgeordnete Kobelt, der gemeinsam mit seiner Fraktionskollegin Babett Pfefferlein eigens zu einer Pressekonferenz nach Erfurt geladen hatte, zeigte sich „von dem, was wir sehen konnten“, was aber nur ein Ausschnitt gewesen sei, positiv überrascht. Offenbar hätten Kontrollen der Behörden Wirkung erzielt. Anders als seine Fraktionskollegin gab sich Kobelt misstrauisch. Auch sah er nach dem Besuch keinen Anlass, seine Aussage zu „systematischen Tierquälereien“ zu überdenken. Beide Politiker betonten, in den Forderungen ihrer Partei nach einer ökologischen Nutztierhaltung bestätigt worden zu sein.


Der von Melanie Große Vor­spohl (IGS) geäußerten Bitte, mit den Schweinehaltern im Lande im Gespräch zu bleiben und den kritischen Dialog fortzuführen, wollten sich die Landtagsabgeordneten nicht verschließen. Die Praktiker könnten und wollten zeigen, wie sie sich aktuellen und künftigen Herausforderungen stellen. FH

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