Biosphärenreservat Rhön: Gutes Image mit Auflagen

26.05.2014

© Birgitt Schunk

Wie viel Schutzgebiet will und kann man sich noch leisten? Das diskutiert man in der Rhön.

Die Rhön steckt schon im Namen des großen Landwirtschaftsbetriebes am Ortsrand von Dermbach im Wartburgkreis. „Wir sind überzeugte Rhöner“, sagt Dr.  Gerold Ditzel, Vorstandschef der Agrargenossenschaft „Rhönland“. Der Betrieb liegt mitten im Biosphärenreservat Rhön und arrangiert sich mit dessen Philosophie. „Messbare Vorteile haben wir dadurch allerdings nicht – im Gegenteil“, so Ditzel mit Blick auf strengere Auflagen bei Baumaßnahmen. Doch man will, dass es in der Rhön, die zu Urgroßvaters Zeiten als Notstandsgebiet galt, vorwärtsgeht. „Deshalb unser klares Bekenntnis.“ Der Schutzstatus wertet auf, doch er verlangt dem Landwirtschaftsunternehmen einiges ab. Die jetzt anstehende Erweiterung der Kern- und Pflegezonen im Biosphärenreservat hat den Betrieb in den letzten drei Jahren Zeit und Nerven gekostet. Was anfangs auf dem Tisch lag, war wegen Wirtschaftseinschränkungen nicht zu akzeptieren. „Wir sind inzwischen zu einer einvernehmlichen Lösung über die entsprechenden Flächen gekommen“, so Ditzel. Auf die letzte Fassung der neuen Verordnung für das Biosphärenreservat wartet man allerdings noch. Sie wird festlegen, was der Landwirt künftig darf und was nicht. Gegen Bestrebungen, das Düngen zu verbieten, waren die Landwirte der Region vor zwei Jahren Sturm gelaufen.

Als Bekenntnis zur Rhön sieht die Agrargenossenschaft auch ihre Mitgliedschaft im Verein „Dachmarke Rhön“. Diese will eine einheitliche Identität nach innen und einen hohen Wiedererkennungswert nach außen schaffen. Regionale Gütesiegel werden vergeben. „Als Direktvermarkter können wir so gemeinsam mit den Berufskollegen unsere Produkte besser und geschlossener präsentieren“, ist Ditzel überzeugt. Die Rhön ist ein positiver Imageträger. Als Gastronomiebetrieb trägt die hofeigene Rhönlandscheune   drei Disteln. Sie stehen für einen regionalen Wareneinsatz von mindestens 60 %. Bei den Produkten, die von hausgemachten Nudeln über Knackwurst bis zum Eierlikör reichen, hat allerdings nur das Rindfleisch das Siegel der Dachmarke. Die weithin bekannten Rhönland-Qualitätsnudeln indes, die stark nachgefragt und komplett auf dem Hof hergestellt werden, sind außen vor. Der erforderliche regionale Wareneinsatz wird nicht erreicht. „Selbst wenn wir wollten – wir können in der Rhön keinen hochwertigen Hartweizen, den wir für unsere Nudeln brauchen, anbauen“, sagt der Betriebsleiter. „Bei 84.000 Legehennen schaffen wir es außerdem nicht, selbst für das Futter zu sorgen.“ Gentechnikfreie Lieferungen beziehe man aus dem 128 km entfernten hessischen Hanau, doch das liege nicht mehr in der Rhön. Deshalb fehlt das Siegel. „Hier muss neu über die Kriterien nachgedacht werden“, lautet Ditzels Botschaft. „Die Dachmarke darf die größeren Landwirtschaftsbetriebe, die die Kulturlandschaft der Rhön maßgeblich prägen und eine starke Direktvermarktung haben, nicht aus den Augen verlieren.“ Das Gütesiegel der Rhön müsse offen sein für den Hühnerhalter im Nebenerwerb mit 30 Tieren und auch den Agrarbetrieb mit rund 80.000 Legehennen, die beide regional verankert sind und nach strengen Auflagen wirtschafteten.

Aus Sicht von Barbara Landgraf, der Geschäftsführerin der Dachmarke GmbH, gibt es branchenweise immer wieder Strategiegespräche, um nachzubessern. „Wir sollten aber glaubwürdig bleiben. Einem Biosphärenreservat steht es gut an, die Latte etwas höher zu hängen“, sagt sie. Derzeit hat der länder­übergreifende Verein Dachmarke Rhön e. V. rund 280 Mitglieder – nur 39 davon kommen aus dem Thüringer Teil des Mittelgebirges. Barbara Landgraf zufolge ist dies historisch gewachsen, da die Dachmarkeninitiative vom hessischen und bayrischen Teil der Rhön ausging. „Wir dürfen auch die Dimensionen nicht vergessen, denn wenn ein Thüringer Betrieb wie die Agrargenossenschaft Dermbach bei uns als ein Mitglied zählt, dann entspricht dies auf hessischer Seite von der Größenordnung her vielen Familienbetrieben.“

An einem Strang ziehen längst nicht alle in der Rhön. Das hat die Debatte um die Erweiterung der Kern- und Pflegezonen des Biosphärenreservates in den letzten beiden Jahren deutlich gemacht. Martin Henkel, Bürgermeister der Stadt Geisa, sieht keinerlei Pluspunkte für die Kommune durch den Schutzstatus: „Die Regionalentwicklung wird erschwert und mehr Touristen kommen auch nicht.“ Werde ein Gewerbegebiet erschlossen, würden beispielsweise mehr Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen fällig. Das bringe mehr Kosten und höhere Preise für die Flächen mit sich. „Ein klarer Standortnachteil.“ Die Stadt will keinen Quadratmeter freiwillig für die Erweiterung des Biosphärenreservats hergeben. Henkel ist auch dagegen, aus der Rhön – so wie geplant – ein „Sternenlichtreservat“ zu machen. „Dann wird sogar noch vorgeschrieben, wann welche Lampe an sein darf.“

Nach Angaben des Thüringer Umweltministeriums sollen die Kernzonen um 705 auf 1.467 Hektar vergrößert werden, um den geforderten Anteil von drei Prozent an der Gesamtfläche zu erreichen. Die Pflegezonen werden um 4.380 auf 8.314 ha aufgestockt. Das entspräche 17 % der Gesamtfläche. Diese Erweiterung war Voraussetzung zum Erhalt des Schutzgebietsstatus nach den entsprechenden UNESCO-Kriterien.

Laut Ministerium ist die Abstimmung mit den landwirtschaftlichen Nutzern fast abgeschlossen. Bei 200 ha Offenland gebe es noch Klärungsbedarf. Als Nächstes sollen nun die Eigentümer einbezogen werden. „Hier wird es noch einmal große Diskussionen geben“, mutmaßt Geisas Bürgermeister Henkel. Das förmliche Verfahren zur Erweiterung soll 2015 beginnen. Bis dahin werden die Debatten um Wohl und Wehe des Biosphärenreservates noch einmal richtig Fahrt aufnehmen.

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr