Biberpopulation

08.06.2017

© DJV

An der Kreck hat der Biber schon ganze Arbeit geleistet. Der Damm ist wie aus dem Bilderbuch. Dort, wo das Wasser des Flüsschens sonst fließt, steht es jetzt fast auf gleicher Höhe zum angrenzenden Grünland. Die Flächen sind feuchter als früher. „Das ist kein Einzelfall“, sagt Dietmar Koch, der Chef der Agrar GmbH „Am Straufhain“.


Etwa seit drei Jahren leben die Landwirte der Region mit dem Biber, was spürbar ist: „Wir Landwirte haben nichts gegen den Biber, aber wir haben etwas dagegen, dass die Folgen auf uns abgewälzt werden“, stellt Koch klar. Schließlich gehe es um Eingriffe ins Pacht-, Eigentums- und Beihilferecht. „Wenn Flächen versumpfen, gibt es hierfür keine Zahlungen mehr.“ Ungeklärt sei zudem, wer die Bäume, die der Biber fällt, wegräumt. Koch warnt auch vor Ertragsausfällen und fordert wie seine Berufskollegen klare Regeln und Entschädigungen. „Doch in Erfurt zuckte man bislang mit den Achseln.“


Beim NABU Thüringen hält man die „Forderungen nach einem Schadensausgleichsfonds nicht für zielführend und die Schaffung von biberfreien Gebieten in der offenen Landschaft in Thüringen für rechtswidrig“. Stattdessen müssten die bestehenden Fördermöglichkeiten an den Biber angepasst, nutzungsfreie Uferrandstreifen an Gewässern geschaffen und über eine standortangepasste Bewirtschaftung am Ufer und in der Aue nachgedacht werden, heißt es in einer Mitteilung. Dem NABU zufolge seien Schadensmeldungen durch den Biber „in den meisten Fällen überzogen“. Der Biber sorge sogar dafür, dass sich der Wasserstand in den Bächen erhöht und das Wasser wieder länger in der Landschaft zurückgehalten wird. „Auch die Landwirte dürften sich freuen, wenn der Biber bei langanhaltenden Trockenperioden  das Wasser in der Landschaft hält“, findet Marcus Orlamünder, der NABU-Biberbeauftragte.


Doch Dietmar Koch kann sich nicht freuen. Verschiedene Argumente führt er hierfür ins Feld. Durch das Versumpfen von Flächen seien Sauergräser und Schilf auf dem Vormarsch. „Steigt der Anteil weiter, ist die Fläche nicht mehr förderfähig.“ Auch gehe es wahrlich nicht nur um ein paar Quadratmeter, denn der Wasserrückstau habe maßgeblichen Einfluss auf das großflächige Drainagesystem. „Das Wasser ist in Ruhe und kann nicht abfließen, dadurch setzt sich Dreck ab und das komplexe Entwässerungssystem funktioniert nicht mehr“, so Koch. Es gehe insgesamt um großflächige Vernässungen auf Acker und Grünland, die auf die Landwirte zukämen – und teilweise schon da seien. Koch verweist auf einen Weizenschlag, der sich derzeit hellgrün zeigt. Das Wasser führe hier zur Verdichtung im Boden, es gebe weniger Sauerstoff. Und das führe wiederum zu schlechteren Qualitäten, geringeren Erträgen und somit Einbußen – deshalb auch die Forderung nach einem Ausgleichsfonds.


Mit der Problematik hat sich der Südthüringer Regionalbauernverband an Agrarministerin Birgit Keller und Umweltministerin Anja Siegesmund gewandt. „Die Konflikte mit dem Biber werden sich in Zukunft in ganz Thüringen weiter vermehren, wenn sich am Umgang mit der Problematik nichts ändert“, heißt es in dem Schreiben. Insbesondere im Landkreis Hildburghausen sei der Druck durch Biber, die aus Bayern einwandern, sehr hoch. Die Landwirtschaft sieht deshalb den Naturschutz in der Pflicht, schnellstmöglich Maßnahmen zu ergreifen. Über einen Fonds müssten Präventivmaßnahmen wie Dammdrainagen, Baumschutz an Gewässern, Zaunmaterial, Beseitigung von gefällten Gehölzen und so weiter bezahlt werden.


In ihrem Antwortschreiben verweist Birgit Keller auf die notwendige Abstimmung zwischen ihrem Haus und dem Umweltministerium, stellte aber gleichzeitig ein gemeinsames Konzept zur Biberproblematik in Aussicht. Geprüft würden derzeit „mögliche Instrumente wie Beratung, Präventionsleistungen und Schadensersatzzahlungen“. Die Landwirte mahnen, dass eine schnelle Lösung nicht wegen Kompetenzgerangels auf der Strecke bleiben darf.


Umweltamtsleiter Roland Müller vom Landratsamt Hildburghausen macht deutlich, dass der Biber eine streng geschützte Art ist und Eingriffe wie die Entnahme eines Biberdamms als Straftat gelten. Nachdem es 2007 den ersten Bibernachweis in der Region bei Bad Colberg gegeben habe, gehe man jetzt davon aus, dass die Art flächendeckend vorhanden ist. Müller zufolge ist nicht jeder Eingriff verboten. So dürften Neben- und Unterdämme beseitigt werden. „Das ist in Einzelfällen möglich, aber nur in Absprache mit der Naturschutzbehörde.“ An Hauptdämmen hingegen dürfe sich niemand vergreifen. Was die durch den Biber gefällten Bäume angeht, so gebe es ein klare Regelung. Die Beräumung der Bäume im Uferbereich sei Sache der Eigentümer. Mit ihnen müssten die Betriebe sich einigen. In jüngster Zeit hatte die Untere Naturschutzbehörde als Entgegenkommen quasi selbst die gefällten Stämme entfernt. Möglich sei dies jedoch alljährlich erst ab Ende März. Vorher sei der Biber darauf als Nahrung angewiesen. „Werden die Bäume zu früh entfernt, fällt der Biber neue“, weiß Müller.


Ein mögliches Hilfsprogramm, das erst bei Existenzbedrohung greift, lehnen die Landwirte jetzt schon ab. „Wegen 500 Quadratmetern, die vernässen, geht ein Betrieb nicht gleich kaputt“, sagt Norbert Wirsching vom gleichnamigen Familienbetrieb in Rieth. „Den Schaden haben wir aber – egal wie groß –, und die Flächen werden entwertet.“ Das jedoch will der Berufsstand nicht hinnehmen.

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