Bericht vom 19. Thüringer Milchtag

06.03.2015

© Frank Hartmann

Aus Sicht der Molkerei (Michael Feller), des Erzeugers (Steffen Steinbrück) und des Wissenschaftlers (Sascha Weber) gab es am Nachmittag interessante Perspektiven auf den Milchmarkt.

Meine Glaskugel“, sagte Neumarks Co-Vorstandschef Steffen Steinbrück auf dem Thüringer Milchtag in Erfurt, „ist nicht größer als die meiner Vorredner.“ Damit sicherte sich der Chef eines der größten Michviehbetriebe des Landes die Aufmerksamkeit der Berufskollegen. Denn zu Prognosen, was nach dem Quotenende kommt, was der freie Milchmarkt einem Betrieb wie der Erzeuger eG Neumark bringen wird, ließ sich Steinbrück nicht hinreißen.

 

Zuvor hatte Dr. Klaus Wagner als Vorsitzender der gastgebenden Landesvereinigung Thüringer Milch seine Kollegen auf Veränderungen eingestellt, die „eindeutig mehr Chancen als Risiken“ in sich trügen. Das Ende der Milchquote sollte als Motivation zur Weiterentwicklung der Betriebe gesehen werden. Die Eroberung des „grenzenlosen Milchmarktes“ könne freilich nur gelingen, wenn zukunftsfeste Erzeuger und Verarbeiter sowie die Politik an einem Strang zögen: „Bei Strafe unseres Untergangs: Dazu sind hier in Thüringen lokal verlässliche Rahmebedingungen erforderlich.“

 

Leise Zweifel

 

Diese verantwortet seit vorigem Dezember Fachministerin Birgit Keller mit, die wenige Tage vor dem Milchtag auch Gespräche mit Vertretern des Bundes Deutscher Milchviehhalter geführt hatte (BDM). Keller konstatierte auf dem Milchtag, dass die Zeichen der Zeit auf Export stünden, ließ aber gewisse Zweifel durchblicken, ob ein mögliches Mengenproblem allein mit dem Export beantwortet werden sollte. Keller erinnerte daran, dass der rot-rot-grüne Koalitionsvertrag auf eine Stärkung der Regionalität setze. Die Ministerin bekannte sich zum Quotenende und zu einem EU-Sicherheitsnetz im Falle von Marktverwerfungen. Eine „flächenbezogene, maßvolle  Tierhaltung“ im Freistaat gab sie als agrarpolitisches Ziel heraus, und „das im Einklang mit wettbewerbsfähigen Betrieben“. Der Vorverurteilung großer Betriebe erteilte sie eine Absage. Zur Kenntnis zu nehmen sei aber, dass die Gesellschaft in Fragen der Tierhaltung Forderungen artikuliere, die zu verschärften Rechtsrahmen führen können. TBV-Präsident Helmut Gumpert zeigte zwar Verständnis dafür, dass Politiker dem „Zeitgeist“ folgten, um gewählt zu werden. Akzeptieren könne er das aber nicht. Stattdessen müssten wissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlage (agrar-)politischen Handelns sein. Gumpert attestierte den Molkereien eine wachsende Verantwortung auf einem freien Milchmarkt. Aufgabe der (Außenhandels-)Politik sei es, die Molkereien bei der Erschließung neuer Märkte zu unterstützen. Seine Berufskollegen ermunterte der TBV-Präsident, nicht „auf Teufel komm raus“ Milch zu produzieren.

 

Angesichts drohender Liquiditätsengpässe forderte Gumpert von der Landesregierung Abschlagszahlungen auf die Direktzahlungen, Ausgleichs- und KULAP-Leistungen in Höhe von mindestens 80 % im Dezember, sollten die zu erwartenden Verzögerungen eintreten. Der Kontrollaufwand sei groß, aber: „Geld muss her!“ An die Milchverarbeiter richtete Gumpert die Forderung, einen Preishorizont von sechs Monaten zu etablieren. „Die Milchbauern müssen im Voraus den Preis kennen.“

 

Wo der Milchpreis in sechs Monaten liegt, konnte bzw. wollte Michael Feller, Vertriebschef beim DMK, im Congress-Center der Erfurter Messe nicht sagen. Er bestätigte lediglich, dass es derzeit globale Tendenzen für ein leichtes Anziehen der Preise gebe. Feller umriss sehr detailliert das (globale) Umfeld, in dem sich das DMK bewegt, und ließ keinen Zweifel daran, dass der hiesige Milchüberschuss nur über den Export verwertet werden könne. Daher habe das DMK hierzulande investiert. Parallel verstärkte man seine Anstrengungen, um einen Fuß auf die Märkte ferner Länder zu bekommen.

 

Quotiert und frei?

 

Eine Option sei, hier produziertes Milchpulver in Eigenregie im Zielland zu veredeln. Als genossenschaftlich organisiertes Unternehmen, das seinen Mitgliedern die Milchabnahme garantiert, falle der künftigen Milchliefermenge natürlich eine Schlüsselrolle zu. In einer Umfrage unter den DMK-Lieferanten hätten diese angezeigt, bis 2020 rund 18 % mehr Milch zu melken. Darauf, so Feller, müsse sich das DMK einstellen. Einen Vorschlag, der sicher heftige Debatten auslösen könnte, hatte sogleich Dr. Sascha Weber vom Thünen-Institut parat: Molkereigenossenschaften sollten mit ihren Erzeugern über feste Abnahmequoten mit Garantiepreisen diskutieren. Darüber hinausgehende Mengen könnten frei verhandelt werden.

 

Steffen Steinbrück, der die Investitionsmotive und -entscheidungen sowie die betriebswirtschaftliche Strategie der Neumärker umrissen hatte, äußerte sich in seinem Vortrag nur einmal zur Zukunft. Und das betraf seine Molkerei. Von der erwarte er die verlässliche Milchabholung, die Produktion nachfragegerechter Erzeugnisse in Topqualität, schnelle, vollständige und monatliche Bezahlung der Milch und einen auskömmlichen Preis.

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