Bekämpfung beim Feldmausbefall

19.10.2012

 

 

Alte Bauern, berichtete Dr. Lars Fliege als Moderator des TBV-Workshops zum Feldmausbefall am Monatg dieser Woche in Pfiffelbach, hätten ihm versichert, einen derartigen Befall mit Feldmäusen noch nicht erlebt zu haben. Die Schäden durch Ertragsverluste sind enorm. Sie erreichten bis zu 50 % der Betriebsergebnisse. Auswirkungen würden auch im Jahr 2013 zu spüren sein, denn die noch junge Herbstsaat hat bereits Schaden genommen. Erste Kollegen in den betroffenen Regionen (Landkreis Sömmerda und angrenzende Kreise) brachen bereits Winterrapsflächen um. „Unter diesen Bedingungen ziehen wir noch immer mit Legeflinten über die Schläge“, brachte Fliege das Dilemma auf den Punkt.

Die jüngste Entscheidung, per Notfallverordnung in Thüringen breitflächig Feldmausköder mit dem Wirkstoff Chlorphacinon ausbringen zu dürfen, sei richtig, so der TBV-Vizepräsident. Allerdings reiche die zugestandene Menge lediglich für geschätzte 2.600 ha aus. In dieser Größenordnung war im Mai für die am stärksten betroffenen Flächen vom Freistaat die Ausnahmegenehmigung beantragt worden. Ziel müsse es laut Fliege aber sein, das Streuen von Chlorphacinon-Ködern in Jahren wie diesen grundsätzlich wieder zuzulassen.


Ohne EU-Zulassung


Allerdings hat der Wirkstoff seine EU-Zulassung zur breitflächigen Anwendung bereits im Jahr 2007 verloren, erläuterte Dr. Achim Holzmann vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) die Rechtslage. Gestattet seien heute nur noch die bekannten Zinkphosphid-Präparate und auch die nur zur verdeckten Ausbringung. Seit September dürfen Zinkphosphid-Köder per Ausnahmegenehmigung auch an Thüringer Feldrändern platziert werden.

Die Mühsal beziehungsweise das nahezu aussichtslose Unterfangen, auf Tausenden Hektar mit Legeflinten gegen den Extrembefall vorzugehen, brachte die „Pappröhre“ als Köderstation hervor. Matthias Döring von der Geratal Agrar GmbH Andisleben berichtete von einer guten Wirkung, als der Köderstoff die Giftlinsen ummantelte. Diese Verfahrensweise lehnte aber das BVL ab. Nunmehr teste man die rechtssichere Röhre, in der Köder und Giftlinsen nebeneinanderliegend verklebt sind. „Diese Variante ist allerdings fast wirkungslos“, so Döring, der sich die Pappröhre als probates Mittel bei der Erstausbreitung von Mäusen vorstellen kann. An die „Agrarbürokratie“ und „Naturschutzverbände“ sandte Döring den Hinweis, dass trotz 30 ha Blühstreifen, 15 Kulturen in der Fruchtfolge sowie Sitzkrücken der Feldmausbefall seit drei Jahren angestiegen sei. Ihn ärgere, dass man die Fachkompetenz der Landwirte infrage stelle, eine Bemerkung, für die die gut 140 Zuhörer Beifall spendeten. Darunter war auch Hans-Dieter Zacher vom Thüringer Lehr-, Prüf- und Versuchsgut Buttelstedt. Er will mit seinen Mitarbeitern sogar esoterische Versuche nach Vollmonden unternommen haben, um der Mäuse Herr zu werden …


Drei Mann auf 1 800 ha


Fakt ist, dass drei Mann in Buttelstedt mit Legeflinten auf 1.800 ha im Einsatz sind. Auch mit Bodenbearbeitungsmaßnahmen habe man die Feldmauspopulation nicht brechen können. Jüngster Versuch ist die Anschaffung einer Mausköderlegemaschine der schweizerischen Maschinenbaufirma Zimmermann. Der Spezialpflug legt in einer geformten „Erdröhre“ in 15 bis 30 cm Tiefe die Köder ab. Mit der Einscharmaschine, so Zacher, ließen sich Befallsnester einrahmen. „Wie die Pappröhe ist auch der Pflug kein Allheilmittel.“ Es gebe erste Überlegungen zum Bau eines Dreischaargerätes in Thüringen. Auch Zacher sieht keine Alternative zum flächigen Ausbringen von Chlorphacinon-Ködern. „Wir haben in Buttelstedt mehr Rote Milane als ganz Hessen, obwohl wir bis 2007 regelmäßig Chlorphacinon angewendet haben“, drückte Zacher seinen Zweifel über den vom Umweltbundesamt (UBA) als für Vögel stark toxisch eingestuften Wirkstoff aus. Mit diesem Zweifel stehen er und viele Berufskollegen nicht allein da.

Reinhard Götz, der bei der TLL das Referat Pflanzenschutz leitet, sieht das ebenso. Er erklärte, dass Chlorphacinon „ökotoxikologisch vertretbar“ sei. Diesbezüglich sei es sogar günstiger als der zugelassene Wirkstoff Zinkphosphid. Es gebe nichts, so Götz weiter, was auf Vergiftungen von Vögeln hinweise. Dass der Wirkstoff dennoch als derart gefährlich eingestuft wurde, erklärte der TLL-Fachmann mit unkorrekten, nicht aus der Praxis gewonnen Daten. Es seien lediglich Computersimulationen zum Einsatz gekommen. Dass mit dieser Bewertung einhergehende behördliche Versagen des flächigen Einsatzes bot im Übrigen für die Industrie keinen Anreiz mehr, ein Verfahren auf Wiederzulassung anzustrengen. Das bestätigte Rolf Barten von der Firma Frunol. Vorwürfen von Landwirten, ihre Situation auszunutzen und den Preis des Chlorphacinon-Köders um das Vierfache angehoben zu haben, widersprach Barten mit dem Hinweis auf die kleine Produktionsmenge, die hohe Kosten verursache.


Streuen muss sein


Reinhard Götz stellte noch einmal klar, dass erstmals seit 40 Jahren kein Streumittel zur Bekämpfung einer so starken Feldmaus-Population zur Verfügung stehe. „Wir denken, dass es ohne das Streuen nicht geht.“ Aus seiner und aus Sicht der TLL müsste zuerst eine neue korrekte ökotoxikologische Bewertung her, damit die Industrie in ein neues Zulassungsverfahren geht. Daneben sollte mit dem Naturschutz ein Flächenatlas für besonders gefährdete Vogel­areale erstellt werden.


Endlich forschen


Parallel dazu besteht enormer Forschungsbedarf zur Feldmausbiologie oder etwa zur  Ausbreitungsdynamik. Dr. Jens Jacob vom Julius-Kühn-Institut (JKI) gab zu bedenken, dass für Langzeituntersuchungen, aus denen sich etwa Erkenntnisse zum bestmöglichen Bekämpfungszeitpunkt ableiten ließen, die notwendigen Mittel fehlten. Aus aktuellen Studien des JKI, die auch auf Daten des DDR-Pflanzenschutzdienstes zugreifen konnten, habe man ein Prognosemodell zum Feldmausbefall erarbeitet. Die Trefferquote liege bei rund 80 %. Noch in diesem Jahr soll es online gehen. Für den Raum Erfurt sagt es für den Herbst 2012 einen sehr hohen Feldmausbefall mit bis zu 200 wieder geöffneten Löchern voraus. Auch der Raum Jena ist stark betroffen. BZ

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