Estland – Landwirtschaft

22.11.2013

Landwirtschaft in Estland

Eine Milchviehanlage für 560 Tiere in Nordestland. Gerade wird die Milch abgeholt (o.). Auf moderne Technik setzt auch der Familienbetrieb von Kalle Hamburg beim Kartoffelanbau (u.). © Annika Schäfer, Heike Mildner

Estland ist mit 45 227 km² etwas kleiner als Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zusammen (52.665 km²), hat aber nur 30 Einwohner pro Quadratkilometer. In MV sind es immerhin 69, und schon dort fühlt man sich manchmal recht einsam. Es gibt eine Menge Wald- und Moorgebiete, sodass nur 21 % der Fläche landwirtschaftlich genutzt werden können.  Auf der Hälfte davon wird Getreide angebaut (297.000 ha). Früher war es vor allem der Roggen, das estnische Nationalgetreide: Roggenbrot ist in aller Munde, „Kali“, der estnische Kwass, wird aus Roggen gebraut, und die  berühmten Tallinner Türme (siehe Serienlogo) waren in der Hansezeit durch den Export von Roggen finanziert worden. Doch das ist lange her. Zwar gibt es in Estland noch immer einen eingetragenen Verein mit mehr als hundert Mitgliedern, der alljährlich denjenigen, der die größte Roggenanbaufläche vorzuweisen hat, zum Roggenkönig ernennt und sich auch sonst um den Anbau der traditionsreichen Körnerfrucht verdient macht, doch hat der Weizen – rein anbaustatistisch – den Roggen abgelöst: Weizen wächst auf 21,9 % der Anbaufläche, Roggen bringt es im Verbund mit Triticale und Buchweizen nur auf 3,8 %, mit Hafer  (4,8 %) und Gerste (20,2 %) kommen wir auf 50,7 %. Auf dem Rest wachsen Futter- und Industriepflanzen, Leguminosen und Kartoffeln (1,6 %).

Einen der Kartoffelanbauer lernen wir auf unserer Estlandreise persönlich kennen: Kalle Hamburg. Vor 20 Jahren zog es den gelernten  Elektroingenieur von der Hauptstadt aufs Land und von der Elektrotechnik zum Kartoffelanbau. Auf seinen 160 ha rund um den attraktiven Hof in Ingliste im Kreis Raplamaa baut er zwar auch Getreide an, aber seine Leidenschaft gilt den 40 ha mit Saatkartoffeln. Gemeinsam mit acht weiteren Kartoffelanbauern hat er eine Genossenschaft gegründet. Neben einem zentralen Lager und einer Waschanlage für die Kartoffelernte von insgesamt 330 ha ziehen die acht auch wettertechnisch an einem Strang. Vernetzt mit elektronischen Wetterstationen können sie beispielsweise den besten Zeitpunkt für den Pflanzenschutz gegen Phytophthora bestimmen. Die Krautfäule ist auch in Estland gefürchtet. Daher experimentiert Kalle Hamburg mit verschiedensten Sorten. Mit 75 t/ha hält er den estnischen Kartoffelernterekord. Und das als Elektroingenieur.

Organisiert ist Kalle Hamburg im Zentralverband der estnischen Bauern, kurz Bauernverband (Eesti Talupidajate Keskliit), der 2.000 Mitglieder hat und vornehmlich die Interessen der Klein- und Familienbetriebe vertritt. Dessen Geschäftsführer Kaul Nurm beugt im Gespräch mit den deutschen Journalisten, die mit unterschiedlichen Interessenvertretern für den Berufsstand ja sehr wohl vertraut sind, gleich mal Verwechslungen vor: „Im Bauernverband sind in Estland diejenigen, die selbst die Arbeit machen. Es gibt noch ­einen anderen Verband. Zur ­Arbeitskleidung von dessen Mitgliedern gehört eine Kra­watte.“ 

Der polemisch gehaltvolle Hinweis zielt auf den Zentralverband der estnischen Landwirtschaftsproduzenten (Eesti PÕllumajandustootjate Keskliit). Dessen Vorsitzenden Juhan Särgava haben wir an diesem Tag auch schon getroffen, und er trug keine Krawatte, dafür allerdings ein leicht bayerisch anmutendes Jackett. Aber warum auch nicht? Mit Juhan Särgava, der einen über 1 000 ha großen Biobetrieb leitet, haben wir uns in Nordestland eine hochmoderne Milchviehanlage angesehen: hell und luftig, 2011 gebaut, 560 Kühe der estnischen Holstein-Rasse mit eigener Nachzucht, sechs Lely-Melkroboter, einem Ausmistroboter, viel Kuhkomfort und acht Arbeitskräften. Zum Betrieb gehören 2 400 ha landwirtschaftliche Nutzfläche, insgesamt arbeiten 33 Leute dort.

 

Obwohl nach dem Gesamtvolumen der Produktion Estland in der Statistik der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) nur auf Platz 82 steht, ist die Milch für die estnische Landwirtschaft die wichtigste Grundlage. Ihr Anteil an der landwirtschaftlichen Brutto-Wertschöpfung Estlands liegt bei 30 %. Die estnische Milchproduktion, so erfahren wir bei unserem Besuch, hat einige charakteristische Züge: Die Herden sind relativ groß (etwa 80 % der Milch kommen von Herden mit mehr als 100 Kühen), die Milch ist von hoher Qualität (95 % sind Elite- oder Premiumqualität),  und etwa ein Drittel der Milch wird per Roboter gemolken. 

Der Konsum der Milchprodukte hat in Estland eine lange Tradition. Vielen Gerichten gibt erst Butter oder ein Schuss saurer Sahne den richtigen Geschmack. Und da die Esten sehr erfindungsreich sind, werden sie ein absolutes Hightech-Produkt mit zur Grünen Woche bringen: den sogenannten Herz-Käse. In ihm wirkt ein Bakterium namens Tensia, das den Blutdruck unter Kontrolle zu halten hilft. Beim Treffen mit dem Erzeuger und Vertretern des Estnischen Molkereiverbandes haben wir ihn am Abend zuvor verkosten dürfen, und geschmeckt hat er. Den Blutdruck haben wir nicht gemessen.

Exportschlager Estlands sind jedoch nicht Kartoffeln oder Milch, sondern Beeren. Laut FAO belegt der baltische Staat den elften Platz in der weltweiten Stachelbeerproduktion. Auch Johannis- und Him- sowie Heidelbeeren stehen ganz oben auf der Hitliste, und immer gefragter sind Wildbeeren aus den estnischen Wäldern. Die Esten selbst nutzen ihre Beeren gern für Marmelade. So gern, dass sie beim EU-Beitritt die Zuckerquote nicht einhielten und Bußgeld zahlen mussten. Aus Protest dagegen haben sie in Brüssel Marmelade verteilt. 

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