Estland – Geschichte

28.11.2013

Kanal in Estland © Heike Mildner

Als das estnische Landwirtschaftsministerium deutsche Journalisten einlud, das Partnerland der Grünen Woche 2014 für zwei, drei Tage aus der Nähe zu betrachten, war mein Freude riesig. Genau 30 Jahre zuvor – 1983, kurz nach meinem 18. Geburtstag – hatte ich einen ganzen Studentensommer lang in Tallinn gelebt und gearbeitet und mit dieser persönlichen Erfahrung im Lebensgepäck die Entwicklung des kleinen Landes am finnischen Meerbusen  immer mit Interesse verfolgt. Wiedererkannt habe ich dennoch kaum etwas. Sicher: die Innenstadt von Tallinn mit ihrem wunderschönen mittelalterlichen Kern gab es auch vor 30 Jahren schon. Aber wie hierzulande wurde auch dort viel gesandstrahlt und saniert. Das Rathaus hatte ich beispielsweise schwarz in Erinnerung. Nun strahlt es in freundlichem Hellgrau. 

Ab etwa elf Uhr drängen sich tausende Touristen durch die Innenstadt. Auf dem Markt reihen sich die Stände mit Keramik, Wollsachen und Bernsteinschmuck. Man hört viel Deutsch. Und das liegt an der Geschichte. 1227 eroberte der deutsche Schwertbrüderorden Reval – das heutige Tallinn – und übernahm die Herrschaft über die Esten. Unter „Balten“ verstand man lange Zeit nur die deutsche Oberschicht in der Bürgerschaft und auf den Rittergütern, die auch unter der Herrschaft des russischen Zaren ihren Einfluss behielten.  Später nannte man sie Deutsch-Balten und Hitler holte – nachdem er sich mit Stalin darüber verständigt hatte, dass das Baltikum sowjetisch wird – die „Baltendeutschen“ heim ins Reich: Von 16 300 (1934) blieben nur 670 (1959).  Dagegen stieg der Anteil der Russen in Estland als Sowjetrepublik von 8,2 % (1934) auf 30,3 % (1979). 

Als ich 1983 als Studentin auf dem Bau arbeitete, waren vom Brigadier aufwärts immer Russen in den verantwortungsvolleren Positionen. Dass sich nach der Unabhängigkeit Estlands im August 1991 die Verhältnisse diesbezüglich in ihr Gegenteil verkehrt haben, wundert kaum. Damals wäre die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale, die seit 1900 mit ihren riesigen Zwiebeltürmen als Sinnbild der Russifizierung Estlands auf dem Tallinner Domberg steht, fast abgerissen worden. Heute ist sie besonders unter den russischen Touristen ein besonderer Anziehungspunkt.

Seit 22 Jahren bestimmen die 1,3 Millionen Esten selbst über die Entwicklung ihrer Kultur und Gesellschaft, und was sie in dieser Zeit geschafft haben, ist erstaunlich. 2004 wurde das Land Mitglied der NATO und der EU, 2011 löste der Euro die estnische Krone ab, und als erstes Land in Europa führte das nördlichste Land im Baltikum 1994 die Einheitsbesteuerung ein. Derzeit führen Esten 21 % ihres Einkommens an den Staat ab – egal ob Person oder Firma. Kein stundenlanges Brüten über der Steuererklärung. Für Esten ist der Fall in zehn Minuten erledigt – einschließlich Online-Überweisung, denn die Breitbandabdeckung liegt bei 99 %. Da möchte man glatt in die estnische Nationalhymne einstimmen: „Mu isamaa, mu õnn ja rõõm“ – „Mein Vaterland, mein Glück und (meine) Freude“. Was ihre finno-ugrische Sprache betrifft,  gönnen Esten sich 14 Fälle, und es dürfen gern auch mal ein paar Vokale mehr sein. Gespart wird an anderer Stelle: Die estnische Staatsverschuldung ist mit 10, 1 % (2012) die niedrigste in Europa. 

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