Estland - digitale Gesellschaft

10.12.2013

Bildautor: © Heike Mildner

Blick auf Tallinn

Wussten Sie schon? In Tallinn, der Hauptstadt Estlands, ist das NATO- Internet-Verteidigungszentrum beheimatet. Hier arbeiten die besten Computer-Sicherheitsspezialisten, Softwareentwickler, Juristen und Managementexperten von Banken, IT-Unternehmen, Internetdienstanbietern und den Streitkräften freiwillig für die Netzsicherheit und schützen vor Angriffen aus dem Internet.

Klein und fein

Man fragt sich, wie das möglich ist. Sicher, Estland ist ein kleines Land mit seinen rund 1,3 Millionen Einwohnern. Flächenmäßig ist es nur wenig größer als die Schweiz. Allerdings ist es zur Hälfte mit Wald bedeckt, zu rund einem Fünftel mit Moor- und Sumpfgebieten, und die Bewohner konzentrieren sich in den wenigen Städten. Es erscheint daher naheliegend, dass sich ein solch übersichtliches Land flächendeckend in Technologie versucht. Aber halt! Estland ist ein sehr junger Staat, zumindest was seine Eigenständigkeit anbelangt. Nach dem Ende der russischen Herrschaft 1991 musste vieles neu entwickelt werden – auch ein eigenes Verwaltungssystem. Und weil ein kleines Land keine hohen Verwaltungskosten tragen kann, entschied man sich für eine transparente, dezentrale und vor allem digitale Variante. Mit der Umstellung wird neben immensen Kosten auch bis zu einer Woche Arbeitszeit im Jahr pro Beamtem und ein Papierberg so groß wie die Olaikirche, die höchste Kirche Estlands (123,7 Meter), eingespart.

Gläserne Gesellschaft?

Kernstück dieses Systems ist eine elektronische Identifikationskarte, die jeder in Estland ab seinem 15. Geburtstag erhält. Diese Karte entspricht dem deutschen Personalausweis und enthält zusätzlich die Sozialversicherungsnummer. Die multifunktionale Karte fungiert als Pass, als Krankenkassenkarte, als Fahrkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel, als EC-Karte und sogar als digitale Unterschrift. Außerdem ist sie der Schlüssel zu allen digitalen Diensten der öffentlichen Verwaltung. Spätestens hier schrillen die Alarmglocken: Eine Karte, die in alle meine persönlichen Daten Einsicht gewährt? „Aha“, denkt sich da der skeptische Deutsche, „ein gläserner Mensch!“ – „Keinesfalls“, werden wir beschwichtigt und aufgeklärt, dass nur derjenige eine Berechtigung hat, der auf einen bestimmten relevanten Bereich zugreifen kann, dass er jedoch niemals alle Informationen sieht.

Fälschungssicher

Die Karte unterliegt mit einer 2048-bit-Verschlüsselung und zwei PINs, einer zur Identifizierung und einer anderen für die digitale Unterschrift, den höchsten Sicherheitsstandards in der EU und ist damit absolut fälschungssicher. In dreizehn Jahren habe es noch keine Fälschung gegeben! Hingegen habe man immer wieder Probleme mit gefälschten Unterschriften, erläutert Taavi Kotka im Ministerium für Wirtschaftsangelegenheiten und Kommunikation den Gästen aus Deutschland.

Sehr effizient scheinen die Esten auch beim Einkaufen. Mobile Payment ist das Zauberwort und verheißt: „Nie mehr in der Schlange stehen.“ Gemeint ist eine kostenlose Dienstleistung, mit der Rechnungen über einen mobilen Zahlungsservice per Handy beglichen werden können. Einsatz findet es beim Bezahlen in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Läden, Bars oder am Automaten.

Digitaler Alltag

Nun, bei all der Digitalisierung – wer kommt denn da noch mit? Es wird online gewählt, die Steuer erklärt und Verträge werden unterschrieben. In den Dörfern gibt es keine Behörden mehr – alles funktioniert nur noch online. Wie kommen damit die Älteren und technisch weniger Versierten zurecht? Ganz einfach: Im ganzen Land wurden Kurse abgehalten, wie all diese Dinge zu bedienen sind. Und der Erfolg gibt dem Aufwand Recht.

Und da wir schon beim sozialen Aspekt sind: In einem Pilotprojekt wird in diesem Jahr der flächendeckende Einsatz von Elektroautos getestet. Ziel ist es, den CO2-Ausstoß zu vermindern. Dazu wurde das Netz der Stromtankstellen ausgebaut, sodass innerhalb von 50 Kilometern „getankt“ werden kann. Mit den 500 Autos wurden Sozialhelfer ausgestattet, die häufig Hausbesuche machen – oft über die Stadtgrenzen hinweg. Interessant wird es werden, ob die Autobatterien den Frost überleben.

Überflieger?

Ganz überflügelt haben uns die Esten aber nun auch wieder nicht. Bisher wird die Energie noch hauptsächlich aus der Verbrennung von Schieferöl gewonnen. Aber auch hier wird an Lösungen mit alternativen Energien gearbeitet. Hohes Potenzial wird in der Windkraft und Biomasse gesehen. Dennoch bleibt festzuhalten: Eine Mischung aus Einsicht und Mut hat Estland so weit gebracht, neue Ideen und Technologien umzusetzen. Das Motto: „Geht nicht – gibt´s nicht!“ wäre auch hierzulande bei manchem Problem ein Ansatz.

 

Daten und Fakten

Skype ist eine Software, um über das Internet kostenlos zu telefonieren. Drei Esten brachten im August 2003 die heute weltweit bekannte Telefonkonferenz-Software auf den Markt.
Electronic Banking: 99% der Bankgeschäfte wurden 2012 in Estland elektronisch erledigt.
M-Parking: Mehr als die Hälfte alle Parkscheine wurden 2012 in Tallinn über die Handyrechnung bezahlt.
E-Tax: 94 % der Steuererklärungen wurden 2012 digital eingereicht.
I-Voting: Seit 2005 kann man in Estland über das Internet wählen. Damit waren die Esten Vorreiter. 2011 wurde fast ein Viertel aller Stimmen bei der Parlamentswahl via Internet abgegeben.

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