Zukunft birgt Chancen

15.11.2013

Im Gespräch: Alexander Müller, Dr. Gerald Thalheim, René Rothe und Dr. Andreas Eisen (v. l.)

Winterschulungen haben begonnen

Im Gespräch: Alexander Müller, Dr. Gerald Thalheim, René Rothe und Dr. Andreas Eisen (v. l.) © Genossenschaftsverband

Was die Zukunft bringt – mit absoluter Sicherheit kann das niemand vorhersagen. Doch Prognosen sind möglich, und Alexander Müller, ehemaliger Staatssekretär im Bundesagrarministerium und derzeit Senior Fellow am Potsdamer Institut for Advanced Sustainability Studies (IASS), versuchte sich bei der Auftaktveranstaltung der Winterschulungen des Genossenschaftsverbandes vergangene Woche in Schkeuditz darin. Auf Basis aktueller Kenntnisse zeichnete er mögliche Entwicklungen auf, die die Landwirtschaft vor Herausforderungen stellen werden. „Die Welt wird sich in den nächsten zwanzig, dreißig Jahren dramatisch verändern – vor allem aus europäischer Sicht“, stellte er seinem Vortrag voran. Das hängt vor allem mit dem erwarteten Bevölkerungswachstum zusammen. Während Europas Einwohnerzahl schrumpfen und die Amerikas stabil bleiben wird, kann für Asien mit einem leichten Wachstum gerechnet werden. Deutlich emporschnellen werde jedoch die Bevölkerungszahl Afrikas, was einerseits die dortige Nachfrage steigen lässt, andererseits aber auch wegen der verbreiteten Armut vor Probleme stelle. Weltweit zeichne sich überdies ein „gewaltiger Strukturwandel“ ab: Der Anteil an urbaner Bevölkerung wird zunehmend die der Bevölkerung ländlicher Regionen übersteigen.

 

Flächenproduktivität muss steigen

Es stehe also fest, dass die weltweite Nahrungsmittelproduktion steigen werde. „Die Frage ist, auf welche Regionen sich dieses Wachstum verteilt“, so Müller. Steigende Nachfrage werde auch Auswirkungen auf die Preise von Futtermitteln haben. Zusätzlich verstärkt die Nutzung von Bioenergie diesen Trend. In den USA werde inzwischen mehr Mais für bioenergetische Zwecke genutzt als für Futter. Für Mais wie für Rapsöl zeichne sich ab, dass ihr Preis zunehmend an den des Mineralöls geknüpft ist. „Der Energiepreis ist der neue Basispreis – zumindest für bestimmte Agrarprodukte“, schlussfolgerte er. Die notwendige Steigerung der Produktionsmenge an Agrargütern werde sich im Wesentlichen nur über eine Steigerung der Flächenproduktivität erzielen lassen. Denn das weltweite Potenzial, neue Landwirtschaftsflächen zu erschließen, sei gering. Damit lenkte Müller den Blick auf die aus seiner Sicht entscheidende Frage: Wo gibt es weltweit für geeignete Flächen zum richtigen Zeitpunkt ausreichend Wasser? Was wiederum zu den Herausforderungen des globalen Klimawandels führt – gerade in den Weltregionen mit einem hohen Bevölkerungswachstum sind zunehmend Dürreperioden zu erwarten. Aber nicht nur in den „Hotspots“ würden Anpassungsstrategien notwendig werden. Parallel dazu wachse der Druck auf die Landwirtschaft, auch den Ausstoß an klimaschädlichen Gasen zu reduzieren.

Müllers Fazit wies sowohl Risiken als auch Chancen auf: Der Weltmarkt werde wachsen, zugleich zeichnen sich dramatische Veränderungen und große Knappheiten ab. Auf dieser Grundlage sei zu klären, wie man die Landwirtschaftsbetriebe aufstelle, um sie wettbewerbsfähig zu halten.

 

Widersprüchliche Signale

In dieser Hinsicht sendet die EU mit ihrer neuen Agrarpolitik aus Sicht vieler Betriebsleiter widersprüchliche Signale aus. Dr. Gerald Thalheim, Bereichsleiter im Genossenschaftsverband, umriss die Eckpunkte der neuen Agrarförderung und ging dabei insbesondere auf die kürzlich erfolgte Einigung der Agrarministerkonferenz (AMK) zur nationalen Umsetzung der Reform ein. Das Greening kommt, wenn auch nicht in der befürchteten Schärfe. Eine Degression der Direktzahlungen gibt es nicht, dafür eine gesonderte Förderung der ersten Hektare eines Betriebes, was zu Einbußen bei den größeren Betrieben führt. „Was daran positiv ist: Wir haben deutlich gemacht, dass Großbetriebe viele Arbeitskräfte beschäftigen“, konnte Thalheim dieser Entscheidung zumindest einen guten Aspekt abgewinnen. „Darin findet auch unsere Lobbyarbeit ihren Widerhall.“ Verbandsdirektor René Rothe verwies auf die Schwierigkeit, innerhalb der AMK zu einem Kompromiss zu gelangen und urteilte: „Es ist keine schöne Lösung, aber es hätte auch deutlich schlimmer werden können.“ Der Genossenschaftsverband will sich weiter für die Interessen der Agrargenossenschaften einsetzen und dabei nach den Worten von Thalheim auf Gerechtigkeit drängen – etwa in der Frage der Junglandwirteförderung, bei der man nicht einsehe, dass ein Einzellandwirt darauf Anspruch habe, eine Genossenschaft jedoch nicht.

 

Mit Kritik konstruktiv umgehen

Gesellschaftliche Erwartungen haben nicht nur die neue EUAgrarpolitik geprägt, sondern beeinflussen auch zunehmend die alltägliche Arbeit landwirtschaftlicher Betriebe, etwa in Fragen des Umweltschutzes. Über seine Erfahrungen im Umgang mit Umweltgruppen berichtete Wolfgang Grübler, Vorstandsvorsitzender des Agrarunternehmens Lommatzscher Pflege eG. Vorwürfe gebe es von dieser Seite häufig, es komme darauf an, diejenigen zu identifizieren, die an einer sachlichen Auseinandersetzung interessiert sind und sie in das Finden von Kompromissen einzubinden. Wichtig ist es aus Grüblers Sicht, dass sich Landwirte kommunalpolitisch als Gemeinde-, Stadt- und Kreisräte einbringen und das Feld nicht denen überlassen, die ohne ausreichende Kenntnis ihre fachfremden Ansichten durchsetzen wollen. Nicht immer sei es erfolgversprechend, das Gespräch mit Kritikern zu suchen. Dennoch müsse man sich dem stellen. „Nichtstun ist keine Lösung“, bestätigte auch Gerald Thalheim. Der Genossenschaftsverband wolle die Agrargenossenschaften im Umgang mit Kritik nicht allein lassen, ergänzte Dr. Andreas Eisen, wie Thalheim Bereichsleiter im Genossenschaftsverband. Strategie des Verbandes sei es, berechtigte Kritik aufzunehmen, aber auch über moderne Landwirtschaft aufzuklären. Was nicht immer einfach sei, wie Eisen mit Blick auf tierhaltungsintensive Regionen im Nordwesten Deutschlands mit enormen Gülleüberschüssen und damit verbundenen Akzeptanzproblemen erklärte: „Oft haben wir die Situation, dass den ostdeutschen Agrarbetrieben die Fehler anderer angelastet werden."

 

Winterschulungen

Der Genossenschaftsverband will im Rahmen seiner Winterschulungen für Agrargenossenschaften kompaktes Praxiswissen für den Arbeitsalltag vermitteln. Geplant sind Schulungen zu sechs Themen: „Aufsichtsräte in Genossenschaften“, „Neue Gedanken zur Düngestrategie“, „Zukunft der Agrargenossenschaften“, „Buchhalterschulung“, „Neues aus den Amtsstuben – politische und ökonomische Rahmenbedingungen“ und „Zukunft der Milchproduktion in meinem Betrieb“. Die genauen Termine werden bekannt gegeben.  www.genossenschaftsverband.de

 

 

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