Umweltschutz

15.07.2013


Eine Feldfahrt führte die Teilnehmer der Tagung zu den ökologischen Vorrangflächen des Lehr- und Versuchsgutes Köllitsch. Die Zusammensetzung der Ansaatmischungen für Blühstreifen bestimmt mit darüber, welchen Arten die Fläche zugute kommt (kleines Bild.) Fotos: Karsten Bär



 

 

 

Das passt zusammen: Landwirtschaft kann Umweltschutz hervorragend ergänzen – wenn die Landwirte konkrete Ziele kennen und wissen, wie sie bestimmte Maßnahmen umsetzen sollen. Diese Erfahrung hat Wolfram Kunze gemacht. Der Mitarbeiter der Wurzener Außenstelle des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) betreut im Landkreis Leipzig naturschutzbezogene Agrarumweltmaßnahmen und weiß: „Viele Landwirte sind aufgeschlossen dafür, einen Beitrag zum Natur- und Artenschutz zu leisten.“ Im Landkreis Leipzig habe man inzwischen einen guten Stand erreicht, so der LfULG-Mitarbeiter. Naturschutzbezogene Agrarumweltmaßnahmen seien auf insgesamt 264,25 ha realisiert worden. „Die meisten davon mit 208,33 ha auf insgesamt 221 Schlägen als Naturschutzbrache“, erklärt Kunze.


Vor allem mit Blick auf die verpflichtenden Umweltmaßnahmen, die für die kommende Agrarförderperiode der EU unter dem Titel „Greening“ eingeführt werden sollen, wird das Thema künftig noch mehr Relevanz für die Landwirtschaft bekommen.  „Als wir diese Veranstaltung planten, glaubte ich, dass wir heute mehr über die konkrete Ausgestaltung des Greenings wüssten“, sagte Hennig Stahl (LfULG) zu Beginn der Tagung „Biologische Vielfalt im Ackerbau – ökologische Vorrangflächen anlegen und pflegen“ am 26. Juni im Lehr- und Versuchsgut Köllitsch. Noch immer sei allerdings vieles unklar. Doch wie auch immer: Das Greening wird kommen – und gefragt seien geschickte Konzepte, Umweltmaßnahmen auf Landwirtschaftsflächen zu integrieren. Ansätze hierfür aufzuzeigen, war Anliegen der Tagung in Köllitsch.


Viele kleine Flächen, statt wenige große


Besser als wenige große Flächen, auf denen die Umwelt Vorfahrt haben soll, sind viele kleine Flächen, die gut verteilt sind, berichtete Wolfram Kunze von seinen Erfahrungen, was aus Naturschutzsicht sinnvoll ist. Blühstreifen oder Brachen könnten entlang von Schlaggrenzen, Feldwegen, Hecken- und Waldsäumen oder Gewässern angelegt werden – letzteres sei gleichzeitig ein Beitrag zum Gewässerschutz. Vor allem böten sich ohnehin ertragsschwache oder schwer bewirtschaftbare Teilflächen an, etwa Fels- oder Sandkuppen, Senken, Feuchtstellen oder erosionsgefährdete Hänge.  Optimal sei es, beispielsweise bei der Schaffung von Nahrungs- und Rückzugsflächen für Arten wie dem Rebhuhn, wenn entsprechende Flächen mehrerer Betriebe räumlich nah beieinander angelegt würden.


Bei Neuanlage von Blüh- und Brachstreifen mit fünfjähriger Verpflichtung empfiehlt es sich Kunze zufolge, in den Saatmischungen sowohl ein- und zweijährige als auch ausdauernde Arten zu verwenden. Konkurrenzstarke Pflanzen sollten dabei nur einen geringen Anteil ausmachen. Mitunter mache es sich erforderlich, durch Bodenbearbeitung dazu beizutragen, dass bestimmte Arten nicht zu dicht werden und den Bestand dominieren. Ein eher lichter Pflanzenbestand ist für das Rebhuhn geeigneter. Altpflanzenbestand sollte durchaus zugelassen werden, da er über den Winter die Nahrungsquelle für verschiedene Vogelarten darstellt. In der Regel muss aller zwei Jahre gemulcht werden. Dies ermöglicht es, den gesamten oder einen Teil des Pflanzenbestands über den Winter stehen zu lassen. Bei Maßnahmen, die auf den Schutz des Kiebitzes zielen, ist es wiederum sinnvoller, jährlich zu mulchen, da diese Art niedrige Vegetation bevorzugt.


„Viele Landwirte sind naturschutzbezogenen Agrarumweltmaßnahmen gegenüber sehr positiv eingestellt“, freut sich Wolfram Kunze. Jedoch bedürfe es eines Ausgleichs für die entstehenden Ertragseinbußen. Und ebenso wichtig sei es, dass die jeweilige Maßnahme gut begründet und ein konkretes Ziel benannt werde. Sehr aufgeschlossen zeigten sich etwa viele Landwirte in der Region um Wurzen gegenüber dem Rebhuhnschutz. „Die Art ist ein Sympathieträger“, macht der LfULG-Mitarbeiter deutlich und betont zugleich: „Der Landwirt muss fair und als gleichberechtigter Partner behandelt werden.“ Eine praktikable Umsetzung und einfache Beantragung der Maßnahme erhöhten ebenfalls die Akzeptanz. Hierzu seien auch motivierte und kompetente Ansprechpartner in der Agrarverwaltung hilfreich.


Rebhuhn gilt als Sympathieträger


Bestätigung fanden Wolfram Kunzes Ausführungen anhand eines praktischen Beispiels: Wilfried Große, Landwirt aus Köllmichen in der Nähe von Mutzschen, schilderte seine Erfahrungen mit der von ihm initiierten Wiederansiedlung von Rebhühnern in seiner Heimatregion. Große betreibt einen knapp 200 ha großen Familienbetrieb mit 110 Milchkühen. Rebhühner in freier Natur kennt er noch aus seiner Kindheit. Und er hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die zwischenzeitlich in der Region ausgestorbene Art wieder anzusiedeln. Er züchtet die Tiere selbst und wildert sie aus – nicht allerdings, ohne für passenden Lebensraum zu sorgen. Der Erfolg beruhe auf drei Säulen, sagt Wilfried Große: „Züchter, Landwirte und Jäger müssen an einem Strang ziehen.“ Der Landwirt hat mit Naturschutz- und Stoppelbrachen – insgesamt 19 ha – Lebensraum für Rebhühner geschaffen und Nachbarbetriebe davon überzeugt, ebenfalls solche Flächen zur Verfügung zu stellen. Auch Gespräche mit den Jagdpächtern hat er geführt, um das Raubwild einzudämmen. „Vor allem den Waschbär“, sagt er. 2010 begann Wilfried Große mit der Zucht von Rebhühnern. 70 Jungtiere setzte er 2011 aus. Nachweislich mindestens zwölf sind über den Winter gekommen. Seine Bemühungen scheinen erfolgreich zu sein.


Über die Schaffung ökologischer Vorrangflächen mittels der Produktionsintegrierten Kompensation (PIK) in Brandenburg informierte während der Tagung Holger Pfeffer vom ZALF Müncheberg. PIK biete die Möglichkeit, die Flächeninanspruchnahme durch Ausgleichsmaßnahmen zu reduzieren. Dabei werden Flächen durch den Landwirt nach Kriterien bewirtschaftet, die eine ökologische Aufwertung nach sich ziehen. Aufwand und Ertragsausfall werden ersetzt. Hinzu komme eine Anreizkomponente. Im großen Maßstab praktiziert wird die PIK im Rahmen der „Komplexen Kompensationsmaßnahme Zülowniederung“ als Eingriffsausgleich für den Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg. Dabei sei es das Ziel, sowohl eine ökologische Aufwertung herbeizuführen, als auch die landwirtschaftliche Nutzung und die Beihilfefähigkeit der Flächen zu erhalten. PIK bedeute, dass infolge von Kompensationen keine Flächen stillgelegt würden, sondern nutzungsbasierter Naturschutz betrieben werde, so Pfeffer.


Vogelschutz fest ins Konzept integriert


Schon lange macht auch das Lehr- und Versuchsgut Köllitsch Erfahrungen mit ökologischen Vorrangflächen, wovon sich die Tagungsteilnehmer bei einer Feldfahrt nach der Veranstaltung überzeugen konnten. Bereits Mitte der 90er Jahre sei in Köllitsch ein agrarökologisches Konzept entwickelt worden, schilderte Betriebsleiter Ondrej Kunze. Hierzu wurden unter anderem Baumreihen und Hecken angepflanzt. Vogelschutz sei ein fester Bestandteil der Bewirtschaftung. Auf den Flächen lege man Lerchenfenster, im Durchschnitt zwei je ha, und Kiebitz-inseln an. Blüh- und Ackerrandstreifen sowie eine späte Schnittnutzung gehören ebenfalls dazu.

Anders als andere Betriebe kann das LVG als Einrichtung des Freistaates allerdings keine Förderung für Agrarumweltmaßnahmen beantragen. Die betroffenen Flächen können lediglich als aus der Produktion genommen gemeldet werden. Nachteil: Es muss jährlich gemulcht werden, damit die Fläche beihilfefähig bleibt. Damit gehen jedoch bestimmte naturschutzfachliche Vorteile verloren. Aus diesem Grund wurde im Vorjahr eine Ausnahmegenehmigung beantragt, um den Altpflanzenbestand über den Winter als Deckungs- und Nahrungsraum für verschiedene Arten zu erhalten. „Diese Möglichkeit besteht, wenn naturschutzfachliche Gründe dafür sprechen“, bestätigte Henning Stahl, fügte jedoch hinzu: „Für viele Betriebe ist es allerdings eher abschreckend, eigens einen solchen Antrag stellen zu müssen.“

 

Karsten Bär, BauernZeitung


 

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr