Sozialer Mehrwert

22.11.2013

Auf dem Archehof: Jürgen Pohl mit Holger Hinrichs und Michael Urbe

Ein Anker

Auf dem Archehof: Jürgen Pohl (r.) mit Holger Hinrichs und Michael Urbe. © Karsten Bär

Wenn Jürgen Pohl und Michael Urbe über den Archehof und seine Tiere reden, kommen sie schnell ins Fachsimpeln: Über die Erzgebirgsziege und die Probleme, einen Bock dieser kaum noch existenten Rasse zu finden. Über die Bronzeputen und die Schwierigkeiten, von ihnen Nachwuchs zu ziehen. Oder über das Sachsenhuhn: „Ganz faul im Legen“, meint Jürgen Pohl und seufzt. „Alles nicht so einfach.“

 

Ideelle Werte

Finanziell kommt bei den alten Rassen nicht viel herum. Aber: „Es geht um die ideellen Werte“, sagt Landwirt Pohl. Natürlich meint er damit den Erhalt der Rassenvielfalt. Doch ebenso gut betrifft der ideelle Wert des Archehofes auch die Lebenshilfe, die er Menschen zu geben vermag. Michael Urbe ist ein Beispiel dafür. Denn auf dem „Fachwerk- und Archehof Klosterbuch“ hat er die Bedingungen gefunden, eine Lebenskrise zu bewältigen. „Ich bin trockener Alkoholiker“, erzählt der 52-jährige Urbe. „Hier zu sein hilft mir, auf dem richtigen Weg zu bleiben.“

Über den Verein Be-Greifen e. V., der „gestrandeten Menschen“ Hilfe und die Chance auf einen Neuanfang geben will, kam er vor einigen Jahren nach Entgiftung und Reha in den kleinen Ort Klosterbuch im Muldental bei Leisnig, wo er zunächst eine befristete Arbeitsgelegenheit beim Archehof e. V. erhielt. Inzwischen lebt er dauerhaft im Dorf und arbeitet für die Familie Pohl, die auf dem denkmalgeschützten Fachwerkhof auch ein rustikales Gästehaus betreibt. Dem Archehof e. V. und seinen Tieren ist Michael Urbe nach wie vor treu, die ehrenamtliche Arbeit dort ist für ihn mehr als ein Hobby. „Für mich stand fest: Wenn ich mich verändere, dann möchte ich mit Tieren arbeiten“, erzählt der gebürtige Radeberger. 

 

Soziale Landwirtschaft

Arbeit im Freien, mit Tieren und mit den Jahreszeiten, strukturierte Tagesabläufe, das Erleben der Sinnhaftigkeit des eigenen körperlichen Tuns – die Tätigkeit in der Landwirtschaft kann auf vielfältige Weise Menschen unterstützen, die auf welche Weise auch immer gehandicapt sind. Das reicht vom Jugendlichen, der seine Orientierung sucht, bis hin zum Behinderten. „Soziale Arbeit passt sehr gut in Landwirtschaftsbetriebe“, sagt Mareike Krüger vom Thüringer Ökoherz e. V., „auch weil damit ein Beitrag zur Strukturentwicklung des ländlichen Raumes und zur Einkommensdiversifizierung der Betriebe geleistet werden kann.“ Allerdings stecke die „Soziale Landwirtschaft“ in den neuen Bundesländern noch in den Kinderschuhen. Woran Ökoherz etwas ändern will: Gemeinsam anderen Akteuren, wie Gäa e. V., Ekoconnect e. V. und Naturland, lädt er am 29. November zu einem „Theorie- und Praxisdiskurs“ zur Sozialen Landwirtschaft ein, der auf dem Fachwerk- und Archehof Klosterbuch stattfinden wird und Anregungen geben will, wie Soziale Arbeit in Landwirtschaftsbetriebe integriert werden kann.

Der Veranstaltungsort ist wohlgewählt, denn nicht nur Michael Urbe hat auf dem Archehof Halt gefunden – Menschen, die Lebenshilfe brauchen, trifft man in Klosterbuch häufig. Das Ehepaar Pohl gehört zu den tragenden Personen in den Vereinen Archehof e. V. und dem Förderverein Be-Greifen 

e. V. Während ihr Mann einen kleinen 11-ha-Ökobetrieb bewirtschaftet, betreibt Elsbeth Pohl-Roux ein Telekommunikationsunternehmen, das die Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt fördert. Soziales Engagement durchdringt auf dem Fachwerk- und Archehof alles.

Wofür auch  Holger Hinrichs ein Beispiel ist. Nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma hat der junge Mann auf dem Hof als Rehabilitant ein vorübergehendes Zuhause und auch eine Aufgabe gefunden, die ihm helfen soll, seine körperlichen Beeinträchtigungen so gut es geht zu überwinden. Er betreut auf dem Hof ein Schwalbenprojekt des NABU. Womit er – zumindest während der Brutsaison – gut zu tun hat: Mit 50 Mehl- und Rauschschwalbenpaaren, die hier brüten, ist der Fachwerk- nicht nur ein Archehof, sondern auch vom NABU ausgezeichnetes „Schwalbenfreundliches Haus“.

Fachtagung „Einstieg in die Soziale Landwirtschaft“, 29. November, 17.30 Uhr, Klosterbuch 25, 04703 Leisnig, Anmeldung: Tel. (0 36 43) 4 95 30 88

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