Schweinehaltung: Sachkunde vonnöten

18.11.2014

© LVG Köllitsch

Vor der Tötung eines Tieres muss es unbedingt betäubt werden.

Zuletzt bekam das Thema durch etliche teils von Tierschutzorganisationen lancierte Medienberichte noch einmal eine besondere Brisanz: Der Umgang mit Selektionstieren in der Schweinehaltung, insbesondere mit kleinen Ferkeln, die zu krank oder zu schwach zum Überleben sind. Aus Tierschutzgründen notwendig, um unnötiges Leiden zu vermeiden, ist das Nottöten von Ferkeln für Mitarbeiter in den Haltungsbetrieben mit besonderer Verantwortung verbunden. Es muss so schmerzfrei wie möglich für das Tier erfolgen, dabei den rechtlichen Bestimmungen gerecht werden – und ist doch zugleich eine Aufgabe, die wohl keiner gern übernimmt.

 

Der rechtliche Rahmen ist klar definiert

Mit der Praktikerschulung „Sachgerechter Umgang mit Selektionstieren (Schwein)“ hat das Lehr- und Versuchsgut (LVG) Köllitsch Schweinehaltern erstmals ein Weiterbildungsangebot unterbreitet, mit dem sie Sachkenntnis für die tierschutzgerechte Nottötung von Selektionstieren erwerben können. Das Angebot ist neu und ergänzt die bislang offerierten Lehrgänge zum Erwerb der Sachkunde zum Töten nach Tierschutzschlachtverordnung. Letztere sind mit zwei Theorie- und einem Praxistag sehr aufwendig und richten sich vor allem an Praktiker, die gewerblich schlachten und von Rechts wegen einen solchen Sachkundenachweis benötigen. Für Nottötungen ist hingegen kein Sachkundenachweis erforderlich – wohl aber Sachkunde vonnöten. Denn über den richtigen Umgang mit Selektionstieren herrsche in den Betrieben durchaus Verunsicherung, meint Ute Jarosch, stellvertretende Betriebsleiterin des LVG Köllitsch und zugleich Referentin für berufliche Bildung. Auch auf Anregung des für Veterinärwesen zuständigen sächsischen Sozialministeriums habe man sich daher des Themas angenommen: „Da darf es keine Grauzone geben, die Mitarbeiter dürfen mit dem Problem nicht allein gelassen werden“, sagt sie.

 

Auf rein rechtlicher Basis ist die Problematik hinreichend geklärt, wie Sylvia Juhnke, Tierärztin beim Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt im Landkreis Nordsachsen, im ersten Vortrag der von rund 40 Teilnehmern besuchten Schulung deutlich machte. Nach dem Tierschutzgesetz darf ein Tier nur bei Vorliegen eines vernünftigen Grundes getötet werden. Dazu zählt es, wenn das Weiterleben eines Tieres mit nicht behebbaren Leiden verbunden wäre, z. B. bei neugeborenen Ferkeln mit angeborenen Anomalien, Kreislaufversagen und fehlendem Saugreflex oder erfolglos behandeltem Spreizen der Hinterbeine. Bei älteren Tieren ist beispielsweise das Vorliegen schwerer infizierter Wunden, die nicht auf Therapie ansprechen, ein vernünftiger Grund. Weiterhin können auch kranke Tiere getötet werden, von denen eine nicht behebbare Ansteckungsgefahr für den Bestand ausgeht oder deren Behandlungskosten den Wert des einzelnen Tieres deutlich übersteigen. Kein vernünftiger Grund für eine Tötung sind gemäß Tierschutzrecht wirtschaftliche Überlegungen, etwa das Töten überzähliger Ferkel oder schwacher, aber lebensfähiger Tiere, die einer intensiveren Betreuung bedürfen.

 

Erlaubt ist das Töten von Wirbeltieren nur unter wirksamer Schmerzausschaltung, also Betäubung, in einem Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit. Die Tötung darf nur von Personen ausgeführt werden, die über die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen. Juhnke empfahl aus diesem Grund, dass in jedem Tierhaltungsbetrieb ein bis zwei Personen einen Sachkundenachweis besitzen sollten, die ausgewählte Mitarbeiter in der sachgerechten Tötung von Ferkeln unterweisen und sie in der ersten Zeit beaufsichtigen.

 

Klar geregelt sind auch die verschiedenen Methoden, die zur Tötung zulässig sind, „auch wenn fachlich manches zu hinterfragen ist“, wie Dr. Helga Vergara vom Schweinegesundheitsdienst der Sächsischen Tierseuchenkasse meint. Sie gab zunächst einen detaillierten Überblick über mögliche Erkrankungen oder Verletzungen, die zur Vermeidung unnötigen Leidens eine Tötung notwendig machen. Der Entschluss hierfür koste häufig Überwindung, was jedoch nicht dazu führen dürfe, die Ausführung aufzuschieben. „In solchen Fällen nicht zu handeln, ist tierschutzwidrig“, so die Expertin. Im Zweifel sei immer ein Tierarzt zu konsultieren.

 

Für eine Tötung unabdingbar ist die vorherige Betäubung des Tieres. Hierzu zählen ein stumpfer Schlag mit Hammer oder Stock, penetrierender Bolzenschuss, Elektrobetäubung oder Kohlendioxid. „Jede Methode hat ihre Vor- und Nachteile“, so Vergara. So könne der Bolzenschuss oder die Elektrobetäubung nicht für kleine Ferkel angewandt werden. Es gelte, für die Altersgruppe des jeweiligen Tieres die richtige Methode zu finden. Nicht erlaubt sind bei Ferkeln Betäubungsmethoden wie das Schlagen des Tieres über eine Kante, da hierbei ein Genickbruch ohne vorherige Betäubung möglich ist, oder das Schlagen gegen eine Wand. Eine gute Betäubung führe im besten Fall schnell zum sicheren Tod. Doch da die Todes wirkung unmittelbar nach der Betäubung nicht geprüft werden kann, ist im Anschluss die Tötung durch Blutentzug, elektrischen Strom, Rückenmarkszerstörung oder Kohlendioxid durchzuführen. Zuvor muss das Vorliegen einer erfolgreichen Betäubung zweifelsfrei sein,  die durch offene und starre Augen bei geweiteten Pupillen, ausbleibendes Bewegen des Maules und einen bewegungslosen Körper oder maximal ungerichteten Krämpfen erkennbar ist.

 

Fachlicher Klärungsbedarf für neue Methoden

Als schnelle und sichere Verfahren, die die Betäubung und Tötung kleiner Ferkel kombinieren, würden sich im Prinzip die Behandlung mit CO2 und die Anwendung des nicht penetrierenden Bolzenschusses anbieten. Jedoch bestehen beim CO2 Zweifel daran, ob eine ausreichende Betäubungswirkung in jedem Fall gewährleistet ist. Der nicht penetrierende Bolzenschuss, für den es in der EU zugelassene Geräte gibt, ist in Deutschland noch nicht geprüft. Auch für die Tötung kleiner Ferkel mittels Elektrizität fehlen bisher die an die Größe der Tiere angepassten apparativen bzw. technischen Voraussetzungen.

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