Meliorationsanlagen

06.12.2012

 

 

Ein weißes Blatt, auf das mehrere miteinander verbundene Linien gezeichnet sind, und einige wenige handschriftliche Notizen, die den ungefähren Standort angeben – viel mehr gibt eine alte Meliorationskarte aus DDR-Zeit oftmals nicht preis. „Diese Karten sind meist nicht sehr detailliert und häufig nicht maßstabsgerecht, weisen keine Koordinaten auf und haben nur selten Bezugspunkte, die es auch heute noch gibt“, schildert Mario Hehne das Problem. Und dabei ist es oft schon ein Glücksfall, wenn überhaupt noch Planunterlagen vorhanden sind. Fehlt solches Material, ist es so gut wie unmöglich, ohne Hilfe vorhandene  Drainagen mit vertretbarem Aufwand wiederzufinden. „Aber wenn ich nicht weiß, wo die Anlagen sind, kann ich sie nicht pflegen oder sanieren“, erklärt der 35-jährige Diplom-Geograph.Im Rahmen seiner Diplomarbeit hat sich Mario Hehne, der sich im Studium an der TU Dresden auf Hydromelioration spezialisiert hatte, bereits im Jahr 2005 mit Meliorationsanlagen in einem sächsischen Agrarbetrieb beschäftigt. „Dabei bin ich auf die Probleme gestoßen, die sich im Zusammenhang mit alten Meliorationsanlagen ergeben und die wiederum andere Probleme nach sich ziehen“, erzählt er. Werden die Sammler und die Dränmündungen nicht regelmäßig gepflegt, arbeitet die gesamte Meliorationsanlage nicht mehr und geht in der Endkonsequenz kaputt. Auf den betroffenen landwirtschaftlichen Flächen kommt es wieder zu Vernässungen und damit zu Ertragsausfällen.


Drainagen mit Luftbildern aufgespürt


Gemeinsam mit Linda Kolata (26) und Fabian Naumann (27) hat Mario Hehne  im September das  Unternehmen „Apus Systems“ gegründet, das Betrieben Möglichkeiten anbietet, alte Meliorationsanlagen wiederzufinden, zu erfassen, zu analysieren und zu verwalten. Das Basisangebot ist dabei die Digitalisierung und Georeferenzierung vorhandener Pläne. Dabei werden die Anlagen vermessen und bewertet und die Daten anschließend in ein digitales ­Format zur Weiterverarbeitung in ein Geoinformationssystem überführt. „Bedingung dafür ist es natürlich, dass genaue Zeichnungen vorliegen und Bezugspunkte vorhanden sind“, erklärt Hehne, der der Initiator und Ideengeber für Apus Systems ist. Beim überwiegenden Teil der Anlagen sei die genaue Lage der Drainagen jedoch nicht auf diese Weise zu rekonstruieren.

Doch auch für solche Fälle bietet Apus Systems eine kosten- und zeiteffiziente Lösung. Denn der Verlauf von Drainagen kann mithilfe von Luftbildern ermittelt werden. Dies wird bei kleineren Flächen bis 20 ha mit Drohnen, bei größeren mit einem Ultraleichtflugzeug realisiert. Die Aufnahmen werden geometrisch entzerrt und gefiltert. Als Expertin für Fernerkundung und Photogrammmetrie ist Diplom-Geographin Linda Kolata für den Bereich der automatisierten Luftbildauswertung zuständig. Um geeignete Aufnahmen zu erhalten, greift das Team von Apus Systems auf spezielle Vorrichtungen zurück, die teilweise selbst entwickelt wurden und mithilfe von Sensoren die Kamera immer im 90-Grad-Winkel zum Boden halten. Eine eigens entwickelte Software, die Fabian Naumann als Diplom-Ingenieur für Kartographie programmierte, berechnet die Flugroute und die notwendige Fluggeschwindigkeit. Ermittelt wird aber auch, wie viele Bilder aufgenommen werden müssen, um die notwendige Überlappung zu erreichen. „Das Verfahren hat mittlerweile in einer Testreihe bei einem Agrarbetrieb seine Praxistauglichkeit bewiesen“, betont Mario Hehne. Die Luftbilder können auch zur Bearbeitung weiterer Fragestellungen ausgewertet werden, zum Beispiel zur Überwachung von Schadstellen auf landwirtschaftlichen Flächen. 

Um die erfassten Daten effizient zu verwalten, haben die jungen Fachleute ebenfalls eine Software entwickelt. Sie stellt ein digitales Meliorationskataster dar, das den genauen Verlauf und Standort von Saugern, Sammlern, Kontrollschächten, Ausmündungen und Schadstellen umfasst und das Abgreifen von Koordinaten zur Verwendung mit GPS ermöglicht. Objektdaten können jederzeit bearbeitet und verändert werden. „Das ist unser Hauptprodukt“, erklärt Mario Hehne. Zugleich bietet das Unternehmen an, die Anlagen regelmäßig auf ihren Zustand zu überwachen, Handlungsempfehlungen für die langfristige Funktionserhaltung zu geben und Instandsetzungszeiträume zu ermitteln.

Das junge Startup hat seinen Sitz derzeit in der „Gründerschmiede“ der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden, wo junge Unternehmen mit innovativen Ideen günstige Bedingungen finden, um in der freien Wirtschaft Fuß zu fassen. Mit Prof. Dr. Knut Schmidtke, dem Dekan der Fakultät Landbau/Landespflege der HTW Dresden, steht Apus Systems im Rahmen eines Förderstipendiums des EXIST-Programms ein erfahrener Mentor zur Seite. „Das passt perfekt“, freuen sich die drei jungen Gründer über die Zusammenarbeit. Anerkennung erfuhr ihre Idee darüber hinaus durch mehrere Preise in verschiedenen Kategorien des Projektes „futureSAX“ des sächsischen Wirtschaftsministeriums sowie im bundesweiten Gründerwettbewerb „IKT Innovativ“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Und auch von Seiten landwirtschaftlicher Praktiker fand das Vorhaben der drei jungen Fachleute bereits positive Beachtung.


Idee muss sich nun am Markt beweisen


Dass sich ihre Idee allerdings erst noch am Markt beweisen muss, ist Mario Hehne bewusst. Noch bis Sommer nächsten Jahres wird das Unternehmen durch das Seed-Stipendium der Sächsischen Aufbaubank (SAB) gefördert. Dann muss die Firma beginnen, Geld zu verdienen. „Wir können bereits jetzt – auch dank eines guten Netzwerkes mit vielen Partnern – unsere wesentlichen Dienstleistungen anbieten“, betont der Geograph. Er kenne bislang kein weiteres Unternehmen mit einem ähnlichen Angebot – allerdings sei das Nachfragepotenzial recht hoch, in Deutschland wie auch beispielsweise in osteuropäischen Ländern, in die Apus bereits Kontakte zu knüpfen begonnen hat. „Jetzt“, sagt der Unternehmensgründer, „kommt es darauf an, dass wir uns bekannt machen und den Landwirten zeigen, dass es uns und unser Angebot gibt.“    

 

Karsten Bär


 

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