Ländliches Erbe bewahren

07.11.2014

© Karsten Bär

Die Haltung auf Stoheinstreu ist laut Satzung der Zucht- und Vermarktungsgemeinschaft Meißner Schwein für die Rasse verbindlich.

Familie Ilschners Hof in Ockrilla bei Meißen gibt derzeit vier Generationen ein Zuhause. „Mein Schwiegervater ist mit 81 Jahren der Älteste“, sagt Andrea Ilschner. „Und unser Enkel mit einem Jahr der Jüngste.“ Letzterer darf für sich in Anspruch nehmen, die inzwischen sechste Ilschner-Generation auf dem Hof zu vertreten. So lange ist die Familie hier ansässig.

Wie ehedem wird der Hof noch heute landwirtschaftlich genutzt. Zwar sind Gunter Ilschner (56) und Sohn Frank (33) als Landwirte in größeren Betrieben der Region beschäftigt und Andrea Ilschner, die ebenfalls beruflich aus der Landwirtschaft kommt, inzwischen in Teilzeit als Krankenpflegerin tätig. Doch schon seit der Wende betreibt die Familie zu Hause auch einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb im Nebenerwerb. Schließlich soll die Bausubstanz auf dem Gehöft sinnvoll genutzt werden. „Der Hof soll leben“, meint Andrea Ilschner. Das gehe durch landwirtschaftliche Nutzung nun mal am besten.


Der Hof soll leben


Ilschners halten Schweine. Und zwar nicht irgendwelche, sondern eine alte regionale Rasse, der des Meißner Landschweins. Sie war einst in der Region weit verbreitet, wich aber später leistungsstärkeren Wirtschaftsrassen. Seit einigen Jahren bemüht sich eine kleine Schar von Gleichgesinnten unter dem Dach der Zucht- und Vermarktungsorganisation (ZVG) Meißner Schwein e. V. darum, diese langsam heranwachsende Rasse mit ihren besonderen Fleischqualitäten zu erhalten und in Zusammenarbeit mit Fleischereien und Gastronomen als regionales Premiumprodukt zu etablieren. Über Presseberichte und persönliche Kontakte wurden die Ilschners darauf aufmerksam und kauften vor fünf Jahren die ersten Meißner Landschweinläufer, um sie auf dem eigenen Hof zu mästen. „Eine regionale Rasse – das passte einfach gut“, sagt Andrea Ilschner, die seit diesem Jahr auch im Vorstand der ZVG Meißner Schwein ehrenamtlich engagiert ist. Schon bald begnügte sich die Landwirtfamilie nicht allein mit der Mast, sondern stallte auch Sauen ein, um selbst Ferkel zu produzieren.

„Inzwischen sind um die 150 Meißner Landschweine bei uns über den Hof gegangen“, verdeutlicht die Nebenerwerbslandwirtin den Beitrag, den ihre Familie für den Erhalt der Rasse geleistet hat. Was im Vergleich zu anderen Betrieben wenig erscheinen mag, ist für die Zucht und Haltung im kleinen Maßstab durchaus eine beachtliche Größe. Zumal „bei uns auch alles seine Grenzen hat“, wie sie sagt. Will heißen: Die Stallkapazitäten sind begrenzt, ebenso die Futtergrundlage. Zum Ilschner-Hof gehören 12 ha Land, von denen knapp elf an einen größeren Agrarbetrieb verpachtet sind. Selbst genutzt wird von der Familie nur ein guter Hektar in unmittelbarer Nähe zum Gehöft. Diese Fläche liefert Futter für zwei Mutterkühe und die Schweine, derzeit vier Sauen und sechs Mastschweine. Mais, Kartoffeln, Perserklee werden angebaut, auch Kürbisse – „da stehen unsere Schweine drauf“, wie Andrea Ilschner schmunzelt. Getreide kaufe man zu, ebenso Biertreber, den eine kleine regionale Brauerei liefert. Stroh beziehen die Ilschners bei einem benachbarten Landwirtschaftsbetrieb, der im Gegenzug den Mist abholt.

In die Arbeit ist die ganze Familie eingebunden. Sohn Frank übernimmt die künstliche Besamung der Sauen, wofür Landrassesperma von Ebern aus der Eberstation Grimma verwendet wird. „Beim Füttern und Misten teilen wir uns rein.“ Die Ferkel verbleiben, so schreibt es auch die Satzung der ZVG Meißner Schwein vor, mindestens sieben Wochen bei der Sau. Bis auf einige, die auf dem Hof verbleiben, werden sie im Alter zwischen acht und zwölf Wochen an andere Halter aus der ZVG zur Weitermast verkauft. Mindestens zwölf lebende Ferkel pro Wurf sind das züchterisch vorgegebene Ziel. „Das schaffen wir locker“, betont Andrea Ilschner. Per Satzung vorgegeben ist auch die Haltung von Meißner Landschweinen: Egal ob extensiv, konventionell oder ökologisch – die Tiere müssen in kombinierter Stall- und Auslaufhaltung und ausschließlich auf Stroheinstreu gehalten werden.


Interesse wächst


Dass unter heutigen Bedingungen mit dieser Art der Haltung und mit einer weniger auf Leistung orientierten Rasse nicht die komplette Versorgung der Bevölkerung mit Schweinefleisch gewährleistet werden kann, ist Andrea Ilschner bewusst. Doch sie sieht es vor allem als einen Beitrag an, ländliches Erbe und Traditionen zu bewahren und damit auch die Dörfer lebendig zu halten – was durch die Nutzung des Meißner Schweins als regionaler Rasse zudem noch eine besondere Note erhalte. Die Auszeichnung für die erfolgreiche Teilnahme am sächsischen Landeswettbewerb „Tiergerechte und umweltverträgliche Haltung 2013/14“, die sie kürzlich beim Sächsischen Schweinetag entgegennehmen konnte, sieht Andrea Ilschner denn auch als Anerkennung für die Bemühungen um das Meißner Landschwein. Nur sieben Halter von Schweinen dieser Rasse gebe es derzeit. „Im Grunde hätte jeder eine Auszeichnung verdient“, meint sie. Schließlich sei diese Form des Erhalts von ländlicher Tradition mit täglich harter Arbeit verbunden, die selten Wertschätzung erfahre. „Aber mein Eindruck ist“, gibt sich Andrea Ilschner zuversichtlich, „dass das Interesse daran wieder wächst.“

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