Keine Utopie

21.11.2013

Milchrindtag-Teilnehmer im Sitzungssaal

Eigenbestimmt

Der Halter hat es in der Hand, mit gesunden Kühen hohe Milchleistungen zu erzielen, machte Prof. Martin Kaske eindrucksvoll deutlich. © Karsten Bär

Gesunde Hochleistungskühe – Vision oder Utopie? Die Frage, die sich der Sächsische Milchrindtag kürzlich in Groitzsch stellte, war bewusst provokant formuliert. Hohe Leistung ist für Milcherzeuger wirtschaftliche Notwendigkeit, doch zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung ist sie nur zulasten der Tiergesundheit zu haben.

Ein Trugschluss, wie Prof. Martin Kaske von der Klinik für Wiederkäuer an der Universität Zürich gleich zu Beginn der Tagung eindrucksvoll deutlich machte. „Wenn Kühe das genetische Potenzial für eine Leistung von 10.000 Litern besitzen, aber nur 7.000 Liter geben – dann ist das kein Zeichen für gute Gesundheit, sondern für schlechte“, brachte es der Fachmann auf den Punkt. 

Dennoch: Hohe Leistungen sind für das Tier mit enormen Anstrengungen verbunden. Vor allem zu Beginn der Laktation sei die Kuh erheblichem metabolischem Stress ausgesetzt, der mit einer negativen Energiebilanz einhergehe und zum Verlust von Körpersubstanz führe. Demzufolge steige auch das Risiko für verschiedene Erkrankungen. „Aber ein höheres Risiko heißt nicht, dass auch jede Kuh krank werden muss!“, betonte Kaske. Wichtig sei es, zu verhindern, dass die Risiken tatsächlich zu Erkrankungen führen.

 

Erste Tage entscheiden

Als „extrem kritische Phase“ für den Organismus der Kuh sieht Kaske den Übergang zwischen Trockenstehen und Laktation an. Gerade die ersten Laktationstage und -wochen seien entscheidend für den weiteren Verlauf der Laktation. Zentrales Anliegen nach dem Abkalben müsse es sein, die Futteraufnahme zügig zu erhöhen. Das beginnt beim schnellen Anbieten von Energietränke gleich nach der Geburt und setzt sich mit der späteren Rationsgestaltung fort. Auch häufigeres Vorschieben erhöht die Aufnahme von Trockensubstanz wesentlich, wie  Versuche zeigten. Um sekundäre Folgen zu vermeiden, sollten Gesundheitsstörungen nach der Kalbung früh erkannt und „aggressiv therapiert“ werden, so der Wissenschaftler. Leicht zu ermittelnde Parameter wie die Körperhaltung, die Rektaltemperatur, Pansenfüllung und Vaginalausfluss geben über den Zustand des Tieres Aufschluss. Nicht zuletzt erlauben es Daten wie NEFA- oder Serum-BHB-Werte oder Ergebnisse von Milchtests oder der Milchleistungsprüfung, die Stoffwechselgesundheit systematisch zu überwachen.  

Einen Beitrag, die Tiergesundheit zu erhöhen, kann auch die Zucht leisten. Allerdings, so stellte Masterrind-Geschäftsführer Cord Höltje seinem Vortrag voran, gebe es das Merkmal Gesundheit in der Tierzucht bisher nicht. Ein Kriterium, Gesundheit zu beschreiben, könne die Nutzungsdauer sein. Allerdings liegt die Nutzungsdauer von Milchkühen seit Jahrzehnten relativ konstant bei gut zweieinhalb Laktationen. Was aus Höltjes Sicht nicht überraschen darf: Denn dieser Wert ergibt sich aus der relativ konstanten Zahl an Milchkühen und neugeborenen weiblichen Kälbern, den Aufzuchtverlusten und dem Export an Zuchtvieh. Sinnvoller sei es, das Augenmerk darauf zu legen, vorzeitige, unnötige oder vermeidbare Abgänge zu reduzieren. 

 

Sichere Zuchtwerte sind Grundlage nachhaltigen Erfolgs 

Auch im Hinblick auf die Tiergesundheit dürfte der züchterische Fortschritt durch die genomische Selektion rasant wachsen. Hierzu müssten jedoch noch Hilfsmerkmale  erfasst und definiert werden. Sichere Zuchtwerte, wie sie die genomische Selektion biete, seien die Grundlage für nachhaltigen Erfolg, betonte Höltje. Zugleich aber sei auch der konsequente Einsatz der entsprechenden Genetik durch die Züchter notwendig. 

Eng mit der Tiergesundheit verbunden ist die Haltungshygiene, der sich Dr. Evelin Ulrich vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) widmete. Sie stellte die „Systemanalyse Tierhaltung Rind“ (SAT3) vor, die auf Initiative des Freistaates Sachsen durch die TU Berlin in Zusammenarbeit mit dem LfULG entwickelt  wird. SAT3 analysiert objektiv das betriebliche Hygienemanagement und umfasst zugleich die Bewertung von Parametern, die der Tiergesundheit und dem Tierwohl zugeordnet werden. In der Arbeit mit am Projekt beteiligten Pilotbetrieben habe sich gezeigt, dass mithilfe der Systemanalyse Verbesserungen des Hygienezustands durchgesetzt werden konnten.

Ergebnisse einer Untersuchung zur Abkalbung in Einzelboxen stellte Dr. Ilka Steinhöfel (LfULG) vor. Ziel war es, die Bewirtschaftung von Einzelabkalbeboxen mit möglichst kurzer Verweildauer der Kuh zu untersuchen und dabei insbesondere die Tiergesundheit und -gerechtigkeit, die Ausübung der Tierkontrolle und Geburtshilfe sowie die Arbeits- und Materialökonomie zu betrachten. In drei verschiedenen Betrieben wurden insgesamt 388 Kalbungen untersucht, wobei die Tiere jeweils kurz vor dem Kalben aus dem Transitbereich in die Einzelbox verlegt wurden. Klare Effekte des Abkalbeplatzes zeigen die Versuchsergebnisse in Bezug auf die Leistungs- und Fruchtbarkeitsparameter nicht, jedoch sind im beobachteten Zeitraum deutlich weniger Abgänge innerhalb der ersten 60 Laktationstage registriert worden. Unmissverständlich war, dass die Abkalbung in der Einzelbox funktioniert und keine negativen Auswirkungen auf Tierwohl, Gesundheit und Leistung zu befürchten sind. Engmaschige Kontrollen und eingespielte Routinen im Betrieb sind jedoch auch bei dieser Variante entscheidend.

 

Wichtig: Blick in den Futtertrog

Laut Untersuchungen des LfULG werden von vielen Betrieben die notwendigen Zufuhren an Mineralstoffen und Spurenelementen im Futter überschritten, zum Teil auch über die gesetzlichen Höchstgrenzen. In den untersuchten Totalmischrationen decken häufig schon allein die zugesetzten Mineralfutter den Bedarf, machte Dr. Olaf Steinhöfel (LfULG) deutlich. Unberücksichtigt blieben die Zufuhren, die durch das Einzelfuttermittel ohnehin vom Tier aufgenommen werden. Unbedingt sollten die Gehalte im Einzelfutter analysiert und in die Berechnung eines möglichen Bedarfs einbezogen werden. „Wichtig ist der Blick in den Futtertrog!“, warnte der Experte vor falschen Rückschlüssen und sprach sich dagegen aus, nur anhand von Blutwerten zu füttern. Mineralfuttermittel sollte nicht „von der Stange“ gekauft, sondern in an den betrieblichen Bedarf angepassten Mischungen bezogen werden. Zwar ist der Geldwert dieser Futtermittel relativ gering, der Einspareffekt einer Reduzierung deshalb auch. Jedoch stehe die überhöhte Mineralfuttergabe in Konflikt zur Tiergesundheit und zu Zielen des Umwelt- und Verbraucherschutzes.

Besser vorbeugen

Eine der häufigsten Abgangsursachen von Milchkühen sind Klauenprobleme. Gemeinsam mit der HTW Dresden und der Sächsischen Klauenpflegergenossenschaft hat das LfULG ein ganzheitliches System zur vorbeugenden Klauenpflege entwickelt, über das Dr. Steffen Pache informierte. In fünf Betrieben, darunter das Lehr- und Versuchsgut Köllitsch, wurde erprobt, inwiefern eine tierindividuelle vorbeugende Behandlung die Klauengesundheit verbessert und damit auch die Nutzungsdauer erhöht. Statt dem üblichen Herdenschnitt in festen Abständen wurden auf Basis des zuvor erfassten Klauenzustandes einzelner Tiere individuelle Pflegetermine festgelegt, sodass Korrekturschnitte und Behandlungen bedarfsgerecht erfolgten. Im Ergebnis des gut zwei Jahre dauernden Projektes zeigte sich, dass durch die vorausschauenden Behandlungen Klauenkrankheiten weniger schwer und weniger häufig auftraten. Damit erhöhten sich auch die Nutzungsdauer und die Lebenseffektivität der Tiere. Das System erfordert eine lückenlose Dokumentation der Befunde und einen höheren Organisationsaufwand für die Wiedervorstellung der Einzeltiere. Gleichzeitig verringern sich aber Arbeitsspitzen, die gewöhnlich zum Herdenschnitt entstehen.

Kranke Kühe kosten Geld – im Fall einer akuten Mastitis sind das bedingt durch Behandlungskosten und Leistungsausfall um die 250 Euro pro Tier, wie Ingo Heber (LfULG) vorrechnete. Doch auch Investitionen, die zu einer besseren Tiergesundheit beitragen, gibt es nicht umsonst. Dem Mehraufwand, den tiergerechtere Haltungssysteme verursachen, müssen notwendige Mehrleistungen gegenüberstehen, um sie wirtschaftlich begründbar zu machen. Gleichwohl gelte: Vorbeugen ist besser als heilen. Nicht immer jedoch müssen es teure Baumaßnahmen oder Anschaffungen sein, um die Tiergesundheit zu verbessern: Ein konsequentes Controlling trage dazu bei, Probleme frühzeitig zu erkennen und sie behandeln zu können. 

 

In der Praxis bewährt

Über Erfahrungen aus der Praxis  berichteten Gunar Lantzsch von der Erzgebirgischen Agrargenossenschaft Forchheim und Hartmut Hänsel von der Produktionsgenossenschaft Rosenhain. 400 Euro je Kuhplatz haben die Forchheimer beim Umbau eines Stalles für 460 Milchkühe zusätzlich in den Kuhkomfort investiert und damit sichtbare Verbesserungen bei den Gesundheits- und Leistungsparametern erzielt. Luft- und Lichtverhältnisse wurden optimiert, die Laufgänge mit Gummimatten ausgelegt, Tiefboxen mit Stroh-Mist-Matratzen geschaffen und Fressstände eingerichtet, die Rangkämpfe und Futterverluste reduzieren. Zusätzliche Gülleabflusseinrichtungen tragen zu saubereren und trockeneren Laufwegen bei. 

Tiefboxen mit Kalk-Stroh-Matratzen, ein Laufgang aus profiliertem Fertigbeton, ein Großraumlüfter und Lichtbänder führten auch im neuen Rosenhainer Stall zu sichtbar mehr Tierwohl, wie Hartmut Hänsel berichtete. Man habe im Vorfeld gemeinsam mit den Mitarbeitern viele Anlagen besichtigt und sich vieles abschauen können. Teil des neuen Stalls ist auch ein Aktivitätsmesssystem, dass nicht nur die Zwischenkalbezeit auf 384 Tage senken half, sondern auch eine bessere Überwachung des Gesundheitszustandes des Einzeltieres ermöglicht und frühzeitig Probleme erkennen lässt. 

FAZIT:

Gesunde Kühe sind die Voraussetzung für hohe Leistungen und eine wirtschaftliche Milchproduktion. Hohe Leistungen müssen aber auch beherrscht werden und stellen einen immer höheren Anspruch an die Haltungsumwelt und die Herdenüberwachung. Sowohl die Versuchsergebnisse als auch die Praktiker haben es bestätigt – die Investition in die Tiergesundheit zahlt sich a

 

 

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