INNO-Convention in Dresden

06.06.2018

© Karsten Bär

Eine Podiumsrunde, moderiert von Publizist und „Welt“-Herausgeber Stefan Aust (4. v. r.), thematisierte unter anderem, welche gesellschaftlichen Anforderungen Innovationen in der Landwirtschaft erforderlich machen.

Warum das Problem nicht einfach einmal anders herum denken? Heutige Anbaumethoden, meint Prof. Dr. Jens Karl Wegener, würden sich an der vorhandenen Verfahrenstechnik ausrichten. Doch  um die Produktion im Ackerbau nachhaltig  – und somit auch an den gesellschaftlichen Erwartungen orientiert – zu steigern, müsse die Einzelpflanze mit ihren Ansprüchen im Mittelpunkt stehen, ist der Leiter des Instituts für Anwendungstechnik im Pflanzenschutz am Julius Kühn-Institut in Braunschweig überzeugt.


„Spot Farming“ heißt die Lösung, die Wegener vorschwebt. Anbauflächen werden anders als bisher strikt nach ihren ackerbaulichen Eigenschaften unterteilt und mit der jeweils passenden Kultur bestellt. Gleichstandsaat sorgt für den optimalen Standraum der Einzelpflanze, die bestmöglich mit Wasser und Nährstoffen versorgt wird und weitaus weniger krankheitsanfällig ist. Der Pflanzenzüchtung, die derzeit überwiegend auf Resistenzmerkmale ausgerichtet ist, würde somit auch eine stärkere Fokussierung auf Ertrag ermöglicht. „Ein solches Anbausystem ist mit herkömmlicher Verfahrenstechnik nicht zu bewältigen“, schränkt Wegener ein. Kleine autonome Maschinen, die im Schwarm agieren, könnten dies jedoch. Und es zeichnet sich ab, dass entsprechende Lösungen grundsätzlich technisch und auch wirtschaftlich möglich sind. Viele Firmen und Forschungsprojekte arbeiten derzeit an der Umsetzung.

 

Von der Vision bis zum markterprobten Produkt


Ansätze wie diesen einer breiten Fachöffentlichkeit bekannt zu machen, Einzelprojekte zu vernetzen und die Ideenfindung für neue Vorhaben in Gang zu bringen, war das Anliegen der „INNO-Convention 2018 – Landwirtschaft gestaltet Zukunft (mit)!“, die vergangene Woche Freitag in der Dresdner Messe erstmals stattfand. In mehreren „Sessions“ wurden neue Ansätze aus Ackerbau und Tierhaltung vorgestellt und diskutiert. Die Palette reichte von Visionen, wie sie das von Wegener vorgestellte Anbausystem darstellen, bis hin zu bereits praxiserprobten Innovationen, etwa Schädlingsbekämpfung mit Multicoptern oder webbasiertes Fütterungsmanagement.


Veranstaltet vom Verein Inno-Com e. V., dessen Vorsitzender Dr. Frank Thomas auch Netzwerkmanager des Kompetenznetzwerks Agrartechnik Sachsen ist, und gefördert vom Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) reihte sich die „INNO-Convention“ in zahlreiche Veranstaltungen der Zukunftsinitiative simulplus+ des Ministeriums ein. Rund 300 Teilnehmer aus der Agrar-Praxis, Verbänden, Politik, Agrarverwaltung und Wissenschaft wurden begrüßt. „Ich sehe die große Chance, mit Innovationen die noch bestehenden Potenziale zu nutzen – für das Tierwohl, den Umweltschutz und die Ressourcenschonung, aber auch den Verbraucherschutz und zur Unterstützung der Landwirte selbst“, sagte Agrarminister Schmidt zur Eröffnung. „Das ist mir lieber, als mit Verboten und Einschränkungen auf die steigenden Anforderungen an die Landwirtschaft zu agieren.“


Bei einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion,  moderiert vom Publizisten und „Welt“-Herausgeber Stefan Aust und vom Geschäftsführer die IAK GmbH Leipzig, Dieter Künstling, bekräftigte Minister Schmidt anschließend, dass sein Haus Entwicklungen vor­an bringen möchte, ohne selbst die Richtung vorgeben zu wollen.  Unterschiede der Landwirtschaftsstrukturen in Ost und West habe es auch vor 100 Jahren bereits gegeben. Den Vorwurf einer „Vermaisung“ der Landschaft, die Nebenerwerbs-Pferdehalter Stefan Aust (siehe auch Bauernzeitung 22/2018 S. 45) beim Reiten im Hamburger Umfeld  ausgemacht hat, konterte Schmidt mit den Worten: „Dann reiten Sie mal in Sachsen!“ Hier sei der Maisanbau nicht übermäßig. Im Übrigen dürfe man die „Tank-oder-Teller-Diskussion“ nicht überziehen – früher habe der Landwirt schließlich auch 30 % seiner Anbaufläche für die Fütterung der Arbeitspferde vorhalten müssen.


Michael Stübgen, aus Südbrandenburg stammender parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, erklärte, dass die kleinteilige Landwirtschaft dort, wo sie existiert, nicht zerstört werden sollte, die Strukturen im Osten aber zukunftsfähig seien und nicht infrage gestellt werden dürften. Die Bemühungen seines Hauses um ein Tierwohllabel verfolgten das Ziel, den Verbrauchern Orientierung zu geben. Es funktioniere aber nur, wenn der Handel mitmache. Nicht vergessen werden dürfe bei der Diskussion die Bedeutung des Exports. Höhere Aufwendungen für mehr Tierwohl könnten im Export kaum durch den Markt realisiert werden.

 

Gegenmeinung anhören und auf Dialog einlassen


Dr. Clemens Dirscherl, Tierwohl-Experte beim Lebensmitteleinzelhändler Kaufland und ehrenamtlicher Agrarbeauftragter der Evangelischen Kirche, kritisierte in Richtung BMEL  die Langwierigkeit von dessen Diskussionen um das Tierwohl, wohingegen der Handel seine Ansätze realisiere. In der Gesellschaft finde ein Wertewandel statt, der vom Lebensmitteleinzelhandel aufgegriffen wurde. Die Agrarbranche müsse den Dialog mit der Gesellschaft suchen, auch  Gegenmeinungen anhören, und sich nicht stur verschließen.


Landwirt Jan Gumpert wog ebenfalls Vor- und Nachteile verschiedener Betriebsgrößen ab und warnte vor einer  Benachteiligung der Großbetriebe. Ordnungsgemäße Landwirtschaft und Qualität der Tierhaltung seien nicht von der Größe abhängig.


Dr. Peter Pascher  vom Deutschen Bauernverband kam auf das Thema der Convention zurück und erklärte, es gebe viele Chancen für Innovationen in der Landwirtschaft und im Ländlichen Raum. Voraussetzung sei jedoch der Netzausbau. „Und an dieser Stelle ist der Koalitionsvertrag schlecht!“, beklagte er.


Johann Schmalhofer, als „Börsenbauer“ bekannter Finanzanalyst und Landwirt, warnte davor, dass sich Europa nicht bei der Lebensmittelversorgung erpressbar machen dürfe, indem die Produktion zunehmend erschwert werde. In seinem Vortrag zu den Zukunftsaussichten der Landwirtschaft aus Sicht der globalen Agrarmärkte arbeitete er einen engen Zusammenhang zwischen Agrar- und anderen Rohstoffmärkten, insbesondere dem Ölpreis her­aus, und zeigte auf, dass Agrarprodukte bisher immer etwa im Dreijahresrhythmus ein Tief und anschließenden Aufschwung erlebten.


Insgesamt hielt die INNO-Convention mit Vorträgen, Podiumsdiskussion und Sessions viel Aufschlussreiches bereit und gab interessante Hinweise auf das aktuelle Innovationsgeschehen in der Landwirtschaft – auch wenn in den Sessions nicht immer jeder Impulsvortrag  thematisch passte und auch zeitlich manches durcheinander geriet, sodass teils wenig Raum für weitere Diskussionen blieb.  Das Format soll sich, so ist es geplant, im Wechsel mit der Landwirtschaftsausstellung agra zur regelmäßigen Veranstaltung entwickeln.

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