Flexibel erzeugen

23.10.2014

© Karsten Bär

In Regionen mit hoher Tierhaltung ist häufig auch die Dichte an Biogasanlagen hoch, zeigt Dr. Thomas de Witte auf.

Sicher und bezahlbar soll die Energieversorgung der Zukunft sein – zugleich aber auch klima- und umweltfreundlich. Diese Herausforderung vor Augen, hat sich der Freistaat mit dem Klima- und Energieprogramm eine mittelfristige Planung gegeben. Speziell für den Energiebereich beruht es auf drei Komponenten, wie Eva-Maria Neumann vom Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft während der 10. Sächsischen Biogastagung in Köllitsch erklärte: Effizienzsteigerung, Förderung von Forschung und Entwicklung und Schaffung eines zukunftsfähigen Energiesystems durch einen „gesunden Mix der Energieträger“.

Neues EEG mit Tücken

„Dieser Mix“, so Neumann, „bedeutet in Sachsen auch Braunkohle“. Schließich hätten die damit verbundenen rund 10 000 Arbeitsplätze in der Region ein Gewicht. Gleichwohl soll die Bedeutung der erneuerbaren Energien wachsen. So ist für das Jahr 2022 vorgesehen, jährlich 1 800 Gigawattstunden (GWh) im Freistaat aus Bioenergie zu erzeugen, ein Großteil davon auf Biogasbasis. Diesem Ausbauziel sei man im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energien mit aktuell 1 384 GWh/a bereits sehr nahe gekommen. Zudem gebe es noch Potenziale insbesondere für die Biogasnutzung. Beeinflusst werde der weiterführende Ausbau jedoch auch von rechtlichen Vorgaben, von denen Neumann speziell die anstehenden Veränderungen der Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen sowie der Düngeverordnung nannte, die Erschwernisse mit sich bringen könnten.

Leichter wird es für Biogaserzeuger auch infolge des jüngst novellierten Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG 2014) nicht. Dies machte der Berliner Rechtsanwalt Hartwig von Bredow deutlich. Das neue EEG führe schrittweise weg von der Einspeisevergütung hin zur Direktvermarktung, die durch eine Marktprämie honoriert wird. Auch für Bestandsanlagen sind Änderungen vorgesehen. Die dafür getroffenen Übergangsbestimmungen des Gesetzes seien selbst für Juristen „ein Horror“, so von Bredow. Aus seiner Sicht seien mehrere Punkte des EEG verfassungsrechtlich bedenklich, da sie eine „unechte“ Rückwirkung auf Bestandsanlagen hätten. So werden für die Bemessungsleistung neue Maßstäbe angesetzt, was Auswirkungen auf die Förderhöhe hat. Ab April 2015 ist auch für Altanlagen die „Fernsteuerbarkeit“ als Grundlage für eine flexible Einspeisung verpflichtend.

Auf aktuelle Änderungen im Bereich Immissionsschutz und Anlagensicherheit lenkte Peter Gamer vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) den Blick. Speziell zur Anlagensicherheit betonte er: „Seien Sie sich des Gefahrenpotenzials bewusst!“ Bei Überprüfungen durch Sachverständige seien bei Biogasanlagen überdurchschnittlich viele Mängel festgestellt worden. Unabhängig davon, wie schwer im Einzelnen diese Mängel seien, bestehe augenscheinlich Handlungsbedarf. Die teils jedoch laut werdende harsche Kritik an der Sicherheit der Anlagen sei jedoch überzogen. „Wir haben bei Emissionsminderung und Anlagensicherheit viel erreicht, sind aber lange noch nicht am Ziel“, so Gamers Fazit.

Viel Vieh, viel Biogas

Konkurrenz- und Synergieeffekte zwischen Biogas und klassischer Landwirtschaft nahm Dr. Thomas de Witte vom Thünen-Institut Braunschweig unter die Lupe. Er zeigte auf, dass in Regionen mit hoher Tierhaltung häufig auch die Dichte an Biogasanlagen hoch ist. Hohes Wachstum habe es vor allem in Milchviehregionen gegeben, wo die Biogaserzeugung eine Einkommensalternative bei schwachen Milchpreisen darstelle. Bei ebenfalls wachsender Milcherzeugung stiegen jedoch perspektivisch die Nutzungskosten. Große Synergieeffekte biete die Biogaserzeugung in Veredlungsregionen vor allem für die Hähnchenmast durch Möglichkeiten der Wärmenutzung und der Verwertung des Hähnchenmists. Hohes Potenzial für Biogas sei in den Ackerbauregionen zu sehen, in denen die Substraterzeugung auf eigenen Flächen erfolgen kann. Jedoch ist dort das zu erwartende Wachstum gering. Denn lukrativ werden Biogasanlagen erst in Kombination mit Tierhaltungsanlagen. Doch für die gibt es heute diverse Hemmnisse – nicht zuletzt die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz.

Flexibel Strom erzeugen, wenn zugleich die Wärmeversorgung gesichert sein muss – das stellt den Anlagenbetreiber vor Herausforderungen. Verschiedene Konzepte stellte hierzu Jan Postel vom Deutschen Biomasseforschungszentrum vor. Prinzipiell sei bei bestehenden Wärmeverpflichtungen nur ein gewisser Anteil der Energieerzeugung flexibilisierbar, was geringere Erlöse als im vollflexiblen Betrieb nach sich ziehe. Bei sehr hoher Wärmerestriktion müsse über Leistungszubau und Schaffung von Wärmespeichern nachgedacht werden.

Als eine Möglichkeit, das volatile Angebot von Strom aus erneuerbaren Quellen effizient zu speichern und eine gleichbleibende Versorgung zu sichern, gilt die „Power to Gas“-Technologie. Hierbei werden bei Stromüberschussspitzen Wasserstoff und CO2 in Methan umgewandelt, wie Lukas Neumann von der MT-Energie Zeven erklärte, der die technologische Lösung des Unternehmens zur biologischen Methanisierung im Biogasfermenter vorstellte. Einwände, unter den aktuellen Rahmenbedingungen würde dies mit unvertretbaren Kosten verbunden sein, entgegnete der Zevener Biogasfachmann, dass diese gesetzgeberisch ausgeräumt werden müssten. „Power to Gas“ bedeute auch, dass ein Netzausbau nicht erforderlich sei und Energieimporte, etwa in Form von Erdgas, reduziert werden können.

Vorher gründlich prüfen

Erfahrungen mit der Direktvermarktung von in Biogasanlagen erzeugtem Strom schilderte Dr. Klaus Fleischer für die Betriebe Agrargenossenschaft Jesewitz und Landgut Zschettgau GmbH. Beide Betriebe haben je eine Biogasanlage, für dies es auch Wärmenutzungskonzepte gibt. Im Jahr 2012 wurden mit dem regionalen Energieversorger envia für die Anlagen Direktvermarktungsverträge abgeschlossen, durch die Mehrerlöse realisiert werden konnten. Allerdings sei der Übergang nicht glatt gelaufen, da mit dem Netzbetreiber Mitnetz ein weiterer Partner in die Vertragsbeziehung eintrat und unter anderem bezüglich der Abrechnung mit oder ohne Umsatzsteuer Unklarheiten herrschten. Empfehlenswert sei es deshalb, derartige Verträge nicht überhastet abzuschließen und in jedem Fall den Steuerberater sowie bei kreditfinanzierten Anlagen die jeweilige Bank im Vorfeld zu konsultieren.

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