Diebstahl

07.08.2013

Missglückter Diebstahl: Einen bei der Agrargenossenschaft Zodel entwendeten Teleskoplader mussten die Diebe auf der Flucht zurücklassen, nachdem sie ihn festgefahren hatten. Foto: Ag Zodel

 

 

In einer Liste hat Reiner Forker bisher jeden Vorfall notiert. Und jeden Tag stellt er sich morgens die bange Frage, ob ein neuer Anstrich hinzukommen wird. „Meistens gehe ich mit einem unguten Gefühl auf Arbeit“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Agrar-Genossenschaft eG Zodel. Man erwarte das Schlimmste: Ist es wieder soweit? Meldet sich ein Mitarbeiter und berichtet, dass wieder etwas fehlt?

Seit August 2010 wird der

Betrieb in der Nähe von Görlitz in unangenehmer Regelmäßigkeit von Dieben heimgesucht. Sie nahmen Schlepper, Futtermischwagen, Teleskoplader  aufs Korn. Auch Stromkabel und Beregnungsrohre ließen sie mehrmals mitgehen. Nicht immer waren die Einbruchsversuche erfolgreich. Doch auch wenn die Täter mitunter ohne Beute abzogen oder das Diebesgut wiedergefunden werden konnte – Schaden angerichtet haben sie so gut wie jedes Mal. Beim Diebstahl eines Stromgenerators einschließlich aller Kabel beschädigten die Täter eine vollautomatisierte Beregnungsanlage. Ein anderes Mal wurden Bodenfeuchte- und Temperatursensoren in Mitleidenschaft gezogen, als die Diebe Stromkabel mitgehen ließen.


 

Der Aufwand steigt


So wie der Agrar-Genossenschaft Zodel geht es vielen Betrieben im grenznahen Raum. „Das Thema ist allgegenwärtig“, meint Rainer Peter, Geschäftsführer des Regionalbauernverbandes Oberlausitz. Immer wieder gebe es Meldungen, dass Betriebe bestohlen wurden. Und unlängst seien mehrere Landmaschinen vom Gelände eines Händlers geklaut worden.  „Aber auch die kleineren Sachen, wie Kabel- oder Dieseldiebstähle, sind sehr ärgerlich“, betont er. Hinzu komme der höhere Aufwand, zu dem die Betriebe gezwungen sind, um wertvolle Technik zu schützen. Das fange bei einfachen Dingen an: „Man kann den Drescher nicht über Nacht am Feldrand stehen lassen, um am nächsten Tag zügig weiterarbeiten zu können, sondern muss ihn immer zurück zum Betrieb fahren“, erklärt Peter. Das koste unnötig Zeit und Diesel. Nach einer Spitze von Vorfällen vor allem im Jahr 2010 und 2011 scheint sich die Lage inzwischen zwar ein wenig  beruhigt zu haben, meint der RBV-Geschäftsführer. „Aber das kann sich jeden Tag ändern.“

Laut der polizeilichen Statistik wurden 2012 in den Grenzgemeinden der Polizeidirektion Görlitz zwar mehr Eigentumsdelikte als in den vorangegangenen beiden Jahren registriert. Dies sei jedoch vor allem auf die deutlich gestiegene Zahl von Fahrraddiebstählen zurückzuführen, wie Susanne Heise von der Pressestelle der Polizeidirektion Görlitz erklärt. Dezidierte Aussagen zu Delikten, von denen landwirtschaftliche  Betriebe betroffen sind, lägen nicht vor. Aber: „In den die Landwirtschaft betreffenden Rubriken sind deutliche Rückgänge zu verzeichnen“, so die Polizeisprecherin. Gemeint sind damit die Zahlen für den Diebstahl von Kraftfahrzeugen sowie den Diebstahl aus Büros, Lagern und Werkstätten.

Offen oder verdeckt liefen jeden Tag polizeiliche Maßnahmen, um Eigentumsdelikte im grenznahen Raum zu verhindern oder aufzuklären, erklärt Susanne Heise. Die örtlichen Polizeikräfte würden hierbei sowohl mit der Bundespolizei als auch mit polnischen und tschechischen Kollegen zusammenarbeiten. Der Streifendienst sei so verstärkt worden, dass die Präsenz und damit auch das „Sicherheitsempfinden der Bürger“ erhöht würden. Auch die Gemeinsame Fahndungsgruppe Neiße der sächsischen und polnischen Polizei sei nahezu täglich beidseits der Grenze aktiv und habe „eine Menge von Erfolgen zu verbuchen“, zählt die Sprecherin auf.

Mit ihren Problemen wirklich ernst genommen fühlen sich viele Landwirte der Region aber nicht. „Es gab einige Veranstaltungen mit der Polizei zu diesem Thema – aber an einem echten Austausch war man da offenbar nicht interessiert“, so RBV-Geschäftsführer Peter. Und Reiner Forker sagt: „Wir zeigen jeden Diebstahl an – die Verfahren werden regelmäßig eingestellt.“

Dem Landwirt ist es bewusst, dass es keine hundertprozentige Sicherheit geben könne. „Wir müssen damit leben, dass wir hier in Grenznähe sind“, sagt er. „Aber wir wollen uns nicht damit abfinden, allein gelassen zu werden.“ Er fordere schlicht Grenzsicherheit. So sei eine Fußgängerbrücke über die Neiße nachweislich dazu genutzt worden, einen gestohlenen Schlepper der Agrar-Genossenschaft nach Polen zu bringen – am Brückengeländer waren noch Farbspuren von der Lackierung des Traktors zu finden. „Es muss etwas passieren“, ist Reiner Forker überzeugt. Dies habe er auch in einem Schreiben und in einem Gespräch am 18. Juni dem sächsischen CDU-Generalsekretär und Bundestagsabgeordneten Michael Kretschmer deutlich gemacht.

Dass der Betrieb sich vor Diebstählen schütze, sei selbstverständlich. „Wir haben Wegfahrsperren installiert und weitere Maßnahmen getroffen, die ich nicht näher ausführen möchte“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Doch manches, was möglich wäre, scheitere schlicht an einem weiteren Problem, das sich aus der grenznahen Lage des Betriebes ergibt: Schnelles Internet und Mobilfunkabdeckung sind extrem mangelhaft bis überhaupt nicht gegeben.


Wo die Säge klemmt


Für Reiner Forker gibt es durchaus einen Zusammenhang zwischen Kriminalität und fehlender Netz- bzw- Internetabdeckung. „Es gibt verschiedene wirksame Lösungen zum Diebstahlschutz – aber vieles ist auf Mobilfunk oder Internet angewiesen“, begründet er. Handygespräche sind oft nicht möglich, weil das Netz nicht bis an die Staatsgrenze reicht – die Nutzung polnischer Mobilfunkanbieter zieht aber sofort 50 % höhere Kosten nach sich. „Ebenso wie wir Sicherheit vor Kriminalität fordern, fordern wir auch flächendeckenden Mobilfunkempfang und Versorgung mit Breitbandinternet“, macht er deutlich. Die Politik wisse, dass hier die Säge klemmt. „Aber sie handelt nicht“, ärgert sich der Landwirt. Das sei auch ärgerlich, weil damit die Region für junge Menschen immer unattraktiver werde. „Wir brauchen junge Leute, auch als Berufsnachwuchs in unseren Betrieben – aber wenn moderne Kommunikationsmöglichkeiten fehlen, will hier kein junger Mensch bleiben.“


Kriminalitätsrate in Grenznähe

Die Polizeiliche Krimimalstatistik weist für 2012 einen Anstieg der Straftaten im grenznahen Raum aus. In den 49 sächsischen Gemeinden, die direkt an Polen oder Tschechien angrenzen, wurden 22 671 Straftaten (ohne ausländerrechtliche Verstöße) registriert, das sind 6,8 % mehr als noch 2011. Die Aufklärungsrate im Grenzraum lag bei 58,1 %. Im Zusammenhang mit allgemeiner Kriminalität wurden 1 884 nichtdeutsche Tatverdächtige (21 %) ermittelt.

 



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