Bibermanagement in Dübener Heide

31.03.2015

© Janine Meissner

Vor Ort wurden während der Veranstaltung Biberbauwerke begutachtet.

Aus Sicht des Artenschutzes ist die Entwicklung der sächsischen Biberpopulation eine Erfolgsgeschichte. Doch die Erholung des Bestandes und seine Rückkehr in nahezu alle Regionen des Freistaates hat nicht nur Freude ausgelöst. So klagen in der Dübener Heide Landwirte seit Jahren über Schäden, die durch Biberstaue auf ihren Flächen entstehen. „Die Situation ist akut“, weiß Christine Richter, Geschäftsführerin der Regionalbauernverbände Torgau und Delitzsch. Und dies nicht nur wegen der Ertragsausfälle. „Das Problem führt so weit, dass es Auswirkungen auf die Agrarförderung hat.“ Für Flächen, die über einen längeren Zeitraum durch Anstauung vernässt sind, entfalle die Prämie, mitunter würden sie aus dem Feldblock gestrichen und verlören dauerhaft ihre Beihilfefähigkeit.

 

Interessen ausgleichen

Mit der Veranstaltung „Biber und Landwirtschaft“ in Pristäblich bei Bad Düben hat das Bibermanagement im Naturpark Dübener Heide aus diesem Grund Landwirte mit Biberfachgruppenkoordinatoren, ehrenamtlichen Biberrevierbetreuern und Vertretern von Verwaltungen und Kommunen in den Dialog gebracht und versucht, Landnutzer für ein verantwortungsvolles und eigenständigeres Handeln im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten zu qualifizieren (siehe Infokasten). Handlungsbedarf ist aus Sicht der Agrarbetriebe dringend geboten. Denn die wirtschaftlich vertretbaren Grenzen seien inzwischen überschritten, verdeutlichte Wolfgang Görlich von der Muldenland Agrar GmbH Bad Düben während der Veranstaltung, die durch die RBV Torgau und Delitzsch mitinitiiert worden war. „Der Biber als solcher stört uns nicht, aber wenn er anfängt, aufzustauen, dann kostet es uns richtig Geld“, machte auch Tilo Bischoff von der Agrargenossenschaft Hohenprießnitz deutlich. Wie viele andere Betriebe der Region, fordern Görlich und Bischoff eine Lösung, die den Artenschutz  mit den Interessen der Landnutzer in Einklang bringt.

 

Als eine Art, die bereits fast ausgestorben war, steht der Biber unter strengem Schutz. EU-, Bundes- und Landesrecht regeln dies, wie Dr. Jan Stegner von StegnerPlan – Büro für Landschaftsplanung und Naturschutz in Bad Düben – deutlich machte. Sachsen wie auch Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern stünden hierbei in besonderer Verantwortung – schließlich leben in diesen Ländern Nachkommen jenes kleinen Bestandes des Elbebibers, die eine von europaweit nur vier Restpopulationen darstelle. Diese Biber sind, anders als etwa die in Bayern ausgesetzten und aus skandinavischen Beständen stammenden Tiere, autochthon, also gebietsheimisch.

 

Vor allem in den Auen großer Flüsse war die Art früher heimisch, doch böten diese inzwischen oft zu wenig Nahrungsressourcen, sodass  die Biber ihren Lebensraum zunehmend in  Nebengewässer, kleine Bäche und zum Teil auch Gräben verlagerten, erklärte Stegner. „Dort entstehen zwangsläufig Konflikte“, so der Experte. Wobei der Biber mitunter aber auch nur bestehende Probleme verschärfe, wie er mit Blick auf die durch Moorverzehr bedingten Bodenabsenkungen in der Dübener Heide betonte.

 

Eine pragmatische Möglichkeit, Biberschäden besser einzudämmen,  räumt der Bibererlass des Freistaates Sachsen von 2013 ein. Er sieht unter anderem vor, dass in Absprache mit den Naturschutzbehörden Biberstaue, die beispielsweise Landwirtschaftsflächen beeinträchtigen, entfernt werden können. Voraussetzung ist, dass der Bestand der Population dadurch nicht gefährdet wird und lediglich sogenannte „Biberbauwerke dritter Ordnung“ – das sind Staue, die ausschließlich der Erschließung von Nahrungshabitaten dienen – beseitigt werden. Um die Auswirkungen auf den Bestand einzuschätzen, wird auf die Daten ehrenamtlicher Sachverständiger, das sind in der Regel Revierbetreuer, zurückgegriffen. „Weniger bürokratisch, mehr pragmatisch“, sei dieses Lösungsangebot, ist Dr. Jan Stegner überzeugt. Ziel der Veranstaltung, die unter anderem einen Vor-Ort-Termin an Biberrevieren beinhaltete, war es deshalb, den Blick der Landwirte für entsprechende Biberstaue dritter Ordnung zu schulen sowie die Zusammenarbeit und das Gespräch mit den Revierbetreuern und dem Bibermanagement zu fördern.

 

Allerdings kommen die Regelungen des Bibererlasses bislang nur reaktiv, also nach Eintritt eines Schadensfalls, zur Anwendung. Um ein vorausschauendes Handeln möglich zu machen, regte Giso Damer von der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamtes Nordsachsen jährliche Abstimmungen zwischen Landwirten, Revierbetreuern und seiner Behörde an. Dabei könnten im Jahreslauf zu erwartende Konflikte vorhergesehen und Handlungsfestlegungen getroffen werden.  Permanente Diskussionen um Einzelfälle könnten so weitgehend vermieden werden.

 

Flächen fürs Greening?

Ein Ansatz, der das Problem eindämmen, aber nicht komplett lösen kann. Über den Umgang mit vernässten Flächen, die Gefahr laufen, aus der Agrarförderung zu fallen oder von Acker- in Grünland umgewandelt zu werden, herrscht aus Sicht der Landwirtschaft nach wie vor keine Sicherheit. Die Diskussion über mögliche Lösungen – wie die Schaffung von Ökokontoflächen oder von beihilfefähigen Flächen, die dauerhaft nicht genutzt werden – führte zu keinem endgültigen Abschluss. Ins Gespräch gebracht wurde auch, entsprechende Flächen auf das Greening anrechnen zu können. Hierzu will die Geschäftsstelle der RBV Torgau und Delitzsch beim Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie um Klärung bitten. Lösungen müssen her, darüber war man sich auf der Veranstaltung in Pristäblich einig. Konkurrierende Rahmenbedingungen, wie sie Artenschutz und Agrarförderung  darstellen, dürften schließlich nicht zulasten der Landnutzer und Flächeneigentümer gehen und die Landwirte dafür bestrafen, dass es dem Biber als geschützter Art wieder etwas besser geht.

 

Bibermanagement soll Konflikte entschärfen

In den 1980er-Jahren bereits so gut wie ausgestorben, leben heute rund 1 200 Biber in Sachsen. Bis auf das Vogtland sind sie in allen Landkreisen des Freistaates wieder heimisch. Allein in Nordsachsen leben Dr. Jan Stegner zufolge ca. 360 Tiere in etwa 170 Revieren. Um den Konflikten zu begegnen, die das Auftreten der streng geschützten Art mit den Landnutzern mit sich bringt, wurde das „Bibermanagement“ im Naturpark Dübener Heide initiiert, das modellhaft für ganz Sachsen Lösungen entwickeln soll. Die Veranstaltung „Biber und Landwirtschaft“ fand im Rahmen des Modellprojektes „Engagement 2020“ statt mit dessen Durchführung der Naturpark Dübener Heide im Landesauftrag betraut wurde und innerhalb dessen sich unter anderem Landwirte betrieblich und freiwillig im Naturschutz qualifizieren und engagieren.

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