Ausgang fürs Milchvieh

21.09.2016

© Karsten Bär

Eine Kuh gehört auf die Weide, das steht für Bernhard Probst fest. Aber bekanntlich ist das nicht die Regel, im Gegenteil. „In Deutschland stehen 97 % der Milchrinder ganzjährig im Stall“, sagt der Ökobauer vom Vorwerk Podemus in Dresden. In seinem Betrieb ist das anders: „Unsere Kühe sind von April bis Oktober Tag und Nacht auf der Weide und kommen nur zum Melken in den Stall.“

Die konsequente Weidehaltung der Milchkühe im Vorwerk Podemus, das 1991 von Dr. Manfred und Dr. Gabriele Probst als Landwirtschaftsbetrieb wiedereingerichtet wurde und in dem nunmehr Sohn Bernhard die Verantwortung trägt, kommt auch in Fachkreisen an. Im Landeswettbewerb „Tiergerechte und umweltverträgliche Haltung 2015/16“ des Freistaates Sachsen hat die Jury dem Familienbetrieb den ersten Platz in der Kategorie Ökobetriebe zuerkannt. Außer dem Weidegang wurde auch das großzügige Platzangebot im Stall hervorgehoben. Agrarminister Thomas Schmidt gratulierte der Landwirtfamilie bei einem Besuch in Podemus und würdigte die besonders tiergerechten Bedingungen für das Milchvieh. Ökolandbau, so der Minister, sei eine moderne und sehr anspruchsvolle Art der Landwirtschaft – „und keinesfalls etwas Rückwärtsgewandtes“. Dafür stehe auch das Vorwerk Podemus, das erfolgreich nicht nur produziere, sondern auch verarbeite und vermarkte.

„Eine Stalltafel, die dem Familienbetrieb ausgezeichnete Haltungsbedingungen bescheinigt“, Agrarminister Thomas Schmidt an Dr. Manfred Probst und seinen Sohn Bernhard (v. l.). © Karsten BärDer Gäa-Landwirtschaftsbetrieb im zur Landeshauptstadt gehörenden Dorf Podemus bewirtschaftet 270 ha, davon 60 ha Grünland. Von den Flächen des Hofes aus blickt man aus einem dörflichen Umfeld heraus über den Zschoner Grund hinab in die Großstadt im Elbtal. Doch die Nähe zu Dresden bietet mehr als einen beeindruckenden Ausblick: Kundschaft für ökologisch erzeugte Lebensmittel, die nicht nur im Hofladen in Podemus, sondern auch in weiteren Verkaufsstellen angeboten werden. Inzwischen sind es zehn Biomärkte, die Familie Probst betreibt. Die meisten davon befinden sich in Dresden und Umgebung, doch auch in Freiberg und in Bautzen verkauft man inzwischen Bioware aus eigener Erzeugung sowie von anderen Produzenten. Um die 160 Mitarbeiter sind insgesamt in der Vermarktung beschäftigt.

Mit insgesamt sechs Arbeitskräften wird die landwirtschaftliche Urproduktion in Podemus betrieben. Angebaut werden Kleegras, Weizen, Kartoffeln, Mais, Sonnenblumen, Ackerbohnen, Erbsen, Triticale und Luzerne, zur Gründüngung wachsen auch Sommerwicken auf den Feldern. Seit man vor einigen Jahren eine verwilderte Obstplantage übernommen, saniert und neu bepflanzt hat, gehörte auch Obst zum Produktionsspektrum; im vergangenen Jahr konnten die ersten Äpfel geerntet werden. Rinder, Schweine, Schafe und Hühner gehören zum Bestand an Vieh. Geschlachtet, zerlegt und verarbeitet wird direkt auf dem Hof. Neben eigenem Schlachtvieh wird die Fleischerei, in der 20 Mitarbeiter beschäftigt sind, von regionalen Biobetrieben beliefert.

An Milchvieh hält das Vorwerk Podemus 45 schwarzbunte Kühe mit Nachzucht. Die Milchleistung liegt bei 6 300 kg pro Kuh und Jahr, wobei die zeitweise Vornutzung von einigen Fleischrindkühen in der Milcherzeugung den Durchschnitt drücke, wie Bernhard Probst anmerkt. Die Milch wird in die Gläserne Molkerei Münchehofe geliefert, zu einem Teil lässt man sie aber auch zu eigenem Käse verarbeiten.

Und dem schmecke man an, dass die Kühe auf der Weide stehen, ist Familie Probst überzeugt. Ein deutlicher Pluspunkt, der für die Haltungsform spricht, auch wenn es eben nicht nur Vorteile gebe. „Wenn in heißen Sommerwochen das Gras auf der Weide vertrocknet, wirkt sich das natürlich auf die Milchleistung aus“, sagt Bernhard Probst. „Weidehaltung ist hier nicht so bequem, wie am Niederrhein, wo es meistens ausreichend regnet.“ Dennoch: Kühen seien eben Wiederkäuer und daher auf der Weide am besten aufgehoben. Das spiegelt sich nicht nur in der Produktqualität – die Milch hat über 5 % Fett, was sich in einer intensiven Färbung des Käse und am Geschmack bemerkbar macht –, sondern auch in der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Tiere wider. Durchschnittlich fünf Laktationen lang werden die Podemuser Kühe gemolken, die Tierarztkosten seien mit zehn bis zwölf Euro pro Tier und Jahr äußerst gering, wie Gabriele Probst bemerkt.

Zudem sei, so die Biolandwirtin, Weidehaltung auch Naturschutz und Landschaftspflege. Auf den Weideflächen des Betriebes zähle man über 60 verschiedene Arten, viele davon streng geschützt. „Das ist ein Beitrag, der vielleicht noch mehr wert ist als das Milchgeld, das der Landwirt erhält“, sagt sie. „Und dabei kostet diese Leistung die Gesellschaft nicht einmal etwas.“

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