25 Jahre Agrargenossenschaft Reichenbach

11.07.2016

© Karsten Bär

Die Besucher zeigten beim Hoftag viel Interesse für die Bedingungen am Standort.

Eigentlich steht Milcherzeugern der Sinn derzeit wenig nach Feiern. Das gilt auch für die Agrargenossenschaft eG Reichenbach. Doch ein 25-jähriges Betriebsbestehen kann man nicht übergehen. Und so lud das vogtländische Agrarunternehmen, das sich 1991 aus der LPG Pflanzenproduktion Reichenbach heraus neu gründete, unlängst seine Verpächter, Partner und alle Interessierten zum „Tag des offenen Hofes“ an seine Milchviehanlage nach Rotschau.

 

 

Eine hochmoderne Milchviehanlage hat der Betrieb erst vor wenigen Jahren errichten lassen.

Fotos: Karsten Bär

 

 

 

 

 

Zu sehen bekam das Publikum vor Ort einen 18 Hektar großen modernen Standort der Milcherzeugung, an dem zwar bereits seit 1973 Milchkühe gehalten und gemolken werden, der aber von 2011 bis 2014 grundlegend modernisiert und erweitert wurde. „Die Verhältnisse im alten 500er-Kuhstall waren sehr beengt und alles andere als zukunftsweisend“, berichtet Lars Bittermann, der seit 2004 als Vorstandsvorsitzender der Agrargenossenschaft tätig ist. Dass sich hier etwas tun musste, war somit klar. Und auch weil der Mitarbeiterstamm das Potenzial dazu hatte, entschied die Agrargenossenschaft, die Milchproduktion neben der Biogaserzeugung zum Schwerpunkt des Betriebes auszubauen und am Standort zu investieren.


Im Jahr 2011 wurde mit dem Neubau einer Anlage begonnen, die alle notwendigen Stallbereiche für einen Bestand von 1 000 Milchkühen und Nachzucht sowie Silage-, Kraftfutter- und Güllelager­einrichtungen umfasst. Augenmerk lag dabei vor allem auf der Realisierung optimaler Haltungsbedingungen für die Tiere sowie zeitgemäßer Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter.

 

„Fünfsternekuhställe“


Besondere Merkmale der neuen „Fünfsternekuhställe“, wie sie der Betriebsleiter nennt, sind die fünfreihige Aufstallung, spezielle klauenfreundliche Spaltenbodenlaufgänge im gesamten Stallbereich, eingestreute Tiefliegeboxen, wärmegedämmte Dächer, mehr als 5 m Traufhöhe und zusätzliche Belüftungssysteme. Im Vorbereiter- und Abkalbebereich stehen großzügige Zweiraumlaufställe mit eingestreuten Strohbuchten zur Verfügung.
Zudem wurden Maßnahmen zur Emissionsminderung umgesetzt: die Verwendung der Gülle zur Biogaserzeugung, gasdicht abgedeckte Gülleläger sowie Sicht- und Windschutzdämme. Neben den beiden fünfreihigen Laufställen mit je 438 Liegeplätzen für Milchkühe gehören ein Reproduktions- und ein Jungrinderstall, das Melkzentrum mit einem Außenmelkkarussell von DeLaval mit 72 Plätzen sowie weitere Anlagen wie Läger und Silos zum Standort. Hinzu kommt eine 840-kW-Biogasanlage mit Nahwärmenetz sowie ein 800-kW-Satelliten-BHKW des Vertragspartners Stadtwerke Reichenbach, das vom Betrieb mit Rohbiogas beliefert wird. Die Gülle wird umweltschonend mit einem eigenen Selbstfahrer ausgebracht.


Die optimierten Bedingungen in der 2014 fertiggestellten Anlage haben dazu beigetragen, die Jahresmilchleistung je Kuh deutlich um rund 1 500 kg zu steigern. Im Jahr 2015 betrug die Marktleistung 10 476 kg bei 4 % Fett und 3,4 % Eiweiß. Die durchschnittliche Zellzahl lag bei nur noch 130 000. Geliefert wird die Milch an die Bayernland-Käserei Bayreuth, bei der man seit dem vorigen Jahr auch Genossenschaftsmitglied ist. Allerdings sind auch hier derzeit die Preise nicht zufriedenstellend, auch wenn die Milch etwas besser bezahlt wird als von den sächsischen Molkereien.


Die Durststrecke, auf der sich die Milcherzeuger angesichts anhaltend niedriger Erzeugerpreise derzeit befinden, wird nach Einschätzung Lars Bittermanns noch einige Zeit anhalten. „Für 2016 rechne ich nicht mehr mit einer deutlichen Erholung“, will sich der Vorstandsvorsitzende keinen falschen Hoffnungen hingeben. Das ist hart für einen Betrieb, in dem Milchproduktion zentraler Produktionszweig ist – auf den 1 750 ha Fläche des Betriebes, davon 1 500 ha Ackerland, wird überwiegend Futter für die Milchkühe und ihre Nachzucht erzeugt. Nur noch mit Raps wird auf derzeit 250 ha auch eine Marktfrucht angebaut. Dagegen machen die Einkünfte aus der Biogasanlage derzeit rund 40 % der Einnahmen aus.


Die schwierige Erlössituation vor Augen, schaut man derzeit genau hin, wo sich Kosten optimieren lassen. Mehrere früher eingesetzte teure Futtermittel hat man bereits herausgenommen, auf Investitionen – so es möglich ist – vorerst verzichtet. Analysiert wird, wo es weiteres Einsparpotenzial gibt, auch wenn dies die Verluste nicht ausgleichen wird. Kleinere Vermarktungsreserven bestehen noch bei der Biogasanlage. Hier kann die Wärmenutzung weiter optimiert werden. Bei der Milchvermarktung gibt es mit der gerade erfolgten Zertifizierung als Lieferant mit gentechnisch unveränderten Futtermitteln einen ersten kleinen Schritt hin zu mehr Differenzierung.

 

Verkaufen statt abliefern


An Vorschlägen, wie die Marktkrise zu bekämpfen ist, herrscht derzeit kein Mangel. Eine wie auch immer ausgeformte Mengenregulierung, wie häufig gefordert, muss nach Meinung von Bittermann von den Milchverarbeitern gestaltet werden. Allerdings sieht man bei  der eigenen Molkerei hierzu derzeit keine sinnvollen Handlungsalternativen. Der Vertreter der Bayreuther Käserei brachte dies bei einem Podiumsgespräch während des Hoffestes der Agrargenossenschaft deutlich zum Ausdruck und erteilte auch dem viel diskutierten A/B-Quotensystem eine Absage. Die Molkerei nimmt die Milchmenge unter Vertrag, die sie für ihre Verarbeitungskapazität braucht; wenn zusätzlicher Bedarf besteht, wird dieser am Spotmarkt gedeckt, so die Aussage des Milchverarbeiters. Er betonte auch, dass man weiter am Ausbau des Exportgeschäftes arbeite, bei dem durchweg bessere Preise gezahlt werden als beim inländischen Lebensmitteleinzelhandel. Hier sollte sich die Politik so stark wie möglich engagieren. Und dies sollte sie auch mit der Gewährung von Schlachtprämien tun, um es ausstiegswilligen Erzeugern zu erleichtern, die Milchproduktion zu beenden. Denn das würde dazu beitragen, den Markt wieder zu stabilisieren, ist Bittermann überzeugt. Gegenüber der Molkerei vertritt der Betriebsleiter zudem die Auffassung, dass sich die Vertragsbeziehungen zwischen Erzeuger und Molkerei weiterentwickeln sollten: „Wir müssen weg vom reinen Abliefern der Milch und hin zum Verkauf vertraglich fixierter Mengen an die Molkerei, so wie es bei Getreide und Raps auch gehandhabt wird“.


Die Besucher des „Tags des offenen Hofes“ konnten diese und andere Diskussionen im gut besetzten Festzelt mitverfolgen. Rund 1 200 Besucher nutzten die Gelegenheit, sich über die moderne Landwirtschaft zu informieren. Zudem habe man einen kritischen, aber sachlichen Dialog mit Anwohnern in Bezug auf Emissionen führen können, berichtet der Betriebsleiter. Alles in allem, glaubt er auch im Hinblick auf das Echo in der Regionalpresse, konnte gute Imagewerbung für die regionale Landwirtschaft betrieben werden. Ein nicht zu unterschätzender Beitrag ­– auch wenn die Sorge um den Milchpreis derzeit im Vordergrund steht.

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