10. REGIONALE

23.10.2018

© Karsten Bär

Auch als Kontaktbörse fungiert die REGIONALE. Erzeuger und handwerkliche Hersteller präsentierten sich und ihre Produkte und konnten mit potenziellen Abnehmern ins Gespräch kommen.

Noch während sich Sebastian Probst dem Publikum vorstellte, zog angenehmer Bratenduft durch die Halle. Der 31-Jährige, der in der Dresdner Gastronomieszene zu den herausragenden Akteuren zählt und seit Kurzem Küchenchef im „Restaurant Moritz“ in der Nähe der Frauenkirche ist, hatte zwei Entrecote-Steaks in die Pfanne gelegt – eines US-amerikanischer Herkunft und eines aus Sachsen. „Schmecken Sie den Unterschied?“, fragte er, während er kleine Stücke als Kostprobe ans Publikum verteilte. Die Antwort lieferte er gleich selbst nach: „Ich denke, einen Unterschied schmeckt man nicht.“  Sehr verschieden sei allerdings der Preis – das amerikanische Entrecote ist deutlich günstiger als sein Pendant aus Sachsen. „Das müssen Sie im Hinterkopf haben, wenn wir über regionale Lebensmittel reden“, so Probst.

 

Seither Fuß gefasst

 

Regionalprodukte und ihre Vermarktung – bereits zum zehnten Mal hatte sich die dieses Jahr in Pirna stattfindende REGIONALE, eine Veranstaltung des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) in Zusammenarbeit mit der DEHOGA Sachsen und weiteren Partnern, genau diesem Thema gewidmet. „Am Anfang, vor zehn Jahren, überwog noch die Skepsis“, verdeutlichte Dr. Mario Marsch, Leiter der LfULG-Abteilung Grundsatzfragen und Moderator der REGIONALE, wie eindrucksvoll der Regionaltrend seither Fuß gefasst hat. 

 

Grundsätzlich positiv äußerten sich in einer ersten Gesprächsrunde auch Staatsminister Thomas Schmidt, der Landrat des Landkreises Sächsische Schweiz-Ost­erzgebirge, Michael Geisler, der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden, Dr. Detlef Hamann, und die Stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Handwerkskammer Dresden, Manuela Salewski. Der Minister verwies auf die regionalen Wertschöpfungsketten, die den ländlichen Raum wirtschaftlich stärken. Hamann betonte die enge Verbindung zwischen Tourismus und regionaler Kulinarik. Manuela Salewski konstatierte für das regional verwurzelte Ernährungshandwerk eine derzeit insgesamt gute Situation. Und Landrat Geisler sagte, dass mit besonderen regionalen Produkten auch außerhalb der eigenen Region gepunktet werden könne. Nicht alles läuft indes rund. IHK-Geschäftsführer Hamann zeigte sich beispielsweise besorgt über Nachwuchsprobleme im Gastronomiegewerbe im ländlichen Raum: Die Azubi-Zahl habe sich hier innerhalb eines Jahrzehnts auf ein Drittel reduziert.

 

Dass der Zuspruch für Regionalprodukte keine Einbildung ist, konnte Thomas Els von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI) anhand der Ergebnisse einer Verbraucher- und Marktstudie nachweisen, die im Auftrag des Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) erstellt worden ist. Insgesamt zeige sich, so Els, dass die Sachsen bis auf wenige Unterschiede dem gesamtdeutschen Verhalten entsprächen. Das gilt etwa für die Merkmale, die man mit regionalen Lebensmitteln in Verbindung setzt: kurze Transportwege, Frische, Unterstützung der heimischen Landwirtschaft und saisonale Lebensmittel. Für den nicht klar zu definierenden Begriff „Regionalität“, der vom eigenen Ort bis über mehrere Bundesländer hinweg Verwendung findet, bietet sich der Umfrage zufolge Sachsen als geeignetes räumliches Synonym an. Brot und Eier werden am häufigsten regional gekauft. Öfter als im deutschen Schnitt hält ein höherer Preis indes die Sachsen vom Kauf regionaler Produkte ab. Auch die Verfügbarkeit bestimmter Warengruppen ist ein Hindernisgrund. Für die Kaufentscheidung ist „Regional“ wichtiger als „Bio“, wobei regionale Bio-Produkte laut der Verbraucherbefragung aber den höchsten Kaufanreiz bilden.

 

Viel läuft über Hofläden 

 

Die Studie geht von einem Umsatzvolumen von 90 Mio. € im Jahr für sächsische Direktvermarkter aus, wobei über den Hofladen die Hälfte des Umsatzes generiert wird und Gastronomie und Lebensmittelhandwerk mit 5 % bzw. 7 % des Umsatzes weniger Bedeutung haben. Jeder zweite Anbieter will die Direktvermarktung ausbauen. Viele rechnen mit steigenden Umsätzen – obwohl es auch die Sorge vor einem Ausbleiben der Kundschaft gibt. 

 

Für die erfolgreiche Vermarktung regionaler Produkte ist die Vertriebsstrategie ein Schlüssel – und nicht selten ein Schwachpunkt. Zwei praktische Beispiele zeigten, wie es klappen kann.  Falk Köhler von der plan&build webmarketing GmbH in Neustadt stellte vor, wie sich die Initiative „Gutes von hier“ aus der Sächsischen Schweiz mit digitalen Mitteln neu erfindet. Über den Aufbau einer Online-Plattform will das Netzwerk zur Vermarktung regionaler Produkte die Sichtbarkeit aller Beteiligten erhöhen, Marketing betreiben und letztlich auch den Vertrieb organisieren. Ein gemeinsamer Online-Shop soll diese Aufgaben bündeln sowie die Kosten und den Aufwand für den einzelnen Erzeuger vermindern.

 

Mit einem ähnlichen Ansatz sind in Mecklenburg die Mitglieder ELG Mecklenburgische Schweiz eG bereits erfolgreich. Über die Genossenschaft organisieren Produzenten den Vertrieb regionaler Lebensmittel ausschließlich an Geschäftskunden. „Wir wollen den Handel mit einem spannenden Sortiment versorgen“, so Dörte Wollenberg, die die Initiative (Bauernzeitung 37/2018, S. 44) in Pirna vorstellte. Online angeboten werden die Produkte von 50 Erzeugern, die von derzeit 20 Käufern frei bestellt werden können. Besonderheit ist die Organisation der Logistik über eine eigenständige GmbH, die mit solarbetriebenen E-Fahrzeugen organisiert ist. Als Modellvorhaben vom Bund gefördert, ist indes eine selbsttragende Finanzierung noch nicht erreicht, räumte Dörte Wollenberg ein.

 

Emotional Heimat geben

 

Mit regionalen Zutaten kann auch die Gastronomie erfolgreich sein – wenn man  die Gefühle des Gastes anspreche. Das betonte der Koch und Gastronom Sebastian Probst im letzten Vortrag des Tages. Auf regionale Zutaten zu setzen ist für ihn  eine Frage der Nachhaltigkeit. Die oft teureren  regionalen Zutaten verwenden zu können, müsse man sich jedoch erarbeiten. Nicht nur dem Gast soll es gefallen, der Gastronom muss auch wirtschaftlich klarkommen. Einfach nur „Regional“ auf die Karte zu schreiben, funktioniere nicht. Der Gast muss mit den Gerichten auch emotionale Heimat verbinden. Wünschenswert für den Gastwirt, so Probst, ist ein möglichst unkomplizierter Bezug der Produkte. 

 

Ein anhaltendes Interesse an regionalen Lebensmitteln konstatierten in einer abschließenden Gesprächsrunde Karsten Haufe vom Gasthaus „Zum Erbgericht“ in Heeselicht, Markus Wenzel vom Lieferservice „Onkel Franz“ und Veith Adam von Adams Kräutergärtnerei in Dresden. Festgehalten wurde von ihnen unter anderem, dass mehr Informationen über die Erzeuger an den Verbraucher fließen könnten. Nicht immer aber sei vorhandenes Infomaterial präsentabel, merkte Markus Wenzel an, der sich in dieser Aufgabe als Mittler sieht. An guter Zusammenarbeit zwischen den Akteuren mangele es indes nicht mehr. 

 

Verbraucher- und Marktstudie: www.bit.do/Regionalstudie   

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