Vorbeugen statt heilen

30.10.2014

© Detlef Finger

In Spitzenbetrieben sind gut drei Viertel aller Milchkühe eutergesund, sie weisen Zellzahlwerte unter 100 000/ml in der Rohmilch aus.

Ein wichtiger Indikator für Wohl und Gesundheit der Milchkuh ist die Eutergesundheit. Sie war Thema einer Informationsveranstaltung vom Landeskontrollverband (LKV) und dem Tiergesundheitsdienst der Tierseuchenkasse (TGD/TSK) für Landwirte und Hoftierärzte in Halle.

„Tierwohl und Tiergesundheit rücken immer stärker auch in den Fokus der Öffentlichkeit“, sagte Dr. Lothar Döring. Landwirte seien schon deshalb um tierwohlgerechte Haltung und Gesundheit des Milchviehs besorgt, weil nur dann eine leistungsfähige, wirtschaftliche Milcherzeugung möglich ist, betonte der LKV-Geschäftsführer. Die Milchleistungsprüfung (MLP) liefere wertvolle Informationen zur objektiven Beurteilung dieser Kriterien. Es gelte, die erhobenen Daten intensiv zu nutzen.

Das unterstrich auch LKV-Abteilungsleiter Dr. Axel Naumann. Er sieht die MLP-Daten als „Basis für ein Frühwarnsystem“ zum Überwachen der Eutergesundheit auf Herdenebene. 17 % der Kühe seien in Sachsen-Anhalt im Vorjahr aufgrund von Eutererkrankungen abgegangen, 2012 wurden deswegen im Land über 7 700 Kühe gemerzt. Daraus wiederum resultiere eine höhere Remontierungsrate.

Bakterielle Entzündungen der Milchdrüse bei Kühen (Mastitis) verursachten zudem eine Milchminderproduktion von vier bis acht Prozent. Bei einer mittleren Herdengröße von 254 Kühen hierzulande und einer Leistung von 9 114 kg Milch pro Kuh resultiere daraus ein jährlicher Verlust von 28 000 bis 55 000 Euro. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht verdiene eine Kuh erst ab der dritten Laktation Geld bzw. sei erst ab 30 000 kg Milch Lebensleistung die Rentabilität gegeben. Im Land lägen die im Mittel erreichten Werte bei nur 2,6 Laktationen bzw. 25 400 kg.

Naumann forderte, den „Fokus auf die Prävention von Euterentzündungen“ zu richten. Er empfahl den Landwirten, in Kooperation mit ihrem Hoftierarzt die Beratungsangebote, etwa von LKV und TGD, zu nutzen. Forschungsergebnisse müssten stärker in die Praxis transferiert werden. Der Vergleich mit Spitzenbetrieben auf Basis der MLP-Daten zeige Reserven auf. Dazu gelte es, das betriebliche Management hinsichtlich Haltung, Umwelt, Fütterung etc. zu hinterfragen und zu verbessern. Er verwies auf Ergebnisse von Untersuchungen im Rahmen des Projektes „milchQplus“ vom Deutschen Verband für Leistungs- und Qualitätsprüfungen (DLQ), LKV Sachsen-Anhalt und Hochschule Hannover und entsprechende Orientierungswerte für Herden (siehe Kasten).

Überlegungen zu neuen Wegen im Umgang mit Mastitis stellte Dr. Bernd Taffe, Fachtierarzt vom TGD, an. Er gliederte die Gründe für das Vorgehen gegen Eutererkrankungen in wirtschaftliche, Verbraucherschutz- und Tierwohlaspekte. So sei die Milchmengenbildung bei Zellzahlen von 200 000 bis 400 000 um etwa ein bis zwei Kilo je Tag eingeschränkt, was einen jährlichen Milchgeldverlust von 11 000 bis 22 000 Euro je 100 Kühe (bei 30 ct/kg) verursache. Auch gehe es darum, den Antibiotikaeinsatz in der Milchviehhaltung generell zu reduzieren. Und schließlich sei eine Mastitis bei klinischer Ausprägung eine äußerst schmerzhafte „Berufserkrankungen“ der Milchkuh!

Taffe erläuterte das Entstehen einer Mastitis und die Anzeichen für die Stadien subklinisch (Zellzahlerhöhung) bzw. klinisch (Veränderung der Milch). Er sagte, klinische Mastitiden seien nur „die Spitze des Eisberges“. Daher gelte es, die Herden schon auf subklinische Mastitiden zu kontrollieren. Im Auge behalten werden sollten auch die eutergesunden Kühe und Neuinfektionen. Schließlich sage die reine Herdenzellzahl nur wenig über die Eutergesundheit aus. Der Leitkeim sollte bekannt und stets repräsentativ ermittelt sein, da er die Infektionsrisiken verrate. Diese könnten bedingt sein durch Umwelt (Stall, Fütterung), Euterhaut (Melkarbeit, Zitzenkondition) oder die Kuh (Melkstandhygiene, Gruppenhaltung). Entsprechend sei die betriebliche Strategie zur Vermeidung von Neuinfektionen bzw. zur Mastitisbekämpfung zu wählen. Taffe betonte: „Die Kuh heilt die Mastitis, nicht das Antibiotikum!“ Der Heilungserfolg hänge ab von der Kuh selbst (Alter, Zellzahl, Anzahl klinischer Fälle), dem Mikroorganismus sowie den betrieblichen Rahmenbedingungen und der Neuinfektionsrate in der Herde.

Taffe stelle ferner die „Nordische Mastitisstrategie“ vor. Danach werden auf Grundlage einer guten Datenbasis nur klinische Fälle in der Laktation behandelt bzw. die subklinischen Mastitiden mit Trockenstellern.

Dr. Simone Jäsert, Leiterin des LKV-Zentrallabors, sagte, 2005 sei in Halle-Trotha ein Mastitislabor eingerichtet worden. Die Untersuchung einer Viertelgemelksprobe koste 1,50 €, für alle vier Euterviertel seien es 5,80 €. Für ein Antibiogramm (Resistogramm) würden in der Standardvariante 4,50 € fällig, bei Sonderwünschen 7,50 €. Im Vorjahr habe man Mastitisuntersuchungen zu 71 800 Eutervierteln und 25 900 Kühen durchgeführt und ausgewertet, im laufenden Jahr seien es bis dato rund 80 000 Euterviertel und 26 400 Kühe. Jäsert betonte, die Sauberkeit bei der Probenahme sei sehr wichtig für verlässliche Ergebnisse. Seit November 2013 führe das Labor des Landesveterinär- und Lebensmitteluntersuchungsamtes in Stendal keine Mastitisuntersuchungen mehr durch. Jäsert verwies ferner auf eine neue Dienstleistung des LKV-Labors: Seit September wird der Milchträchtigkeitstest angeboten. Damit könne ab dem 28. Tag nach der Besamung nachgewiesen werden, ob eine Kuh tragend ist.

Dr. Folke Pfeifer vom TGD empfahl den Landwirten, das LKV-Labor zu nutzen, das fachlich korrekt arbeite. Das kürzlich in der Fachzeitschrift top-agrar vorgestellte Mastitislabor für den Stall wollte die Fachtierärztin hingegen nicht empfehlen.

In weiteren Vorträgen informierten TSK-Geschäftsführer Dr. Falk Salchert und Dr. Ulrich Bachmann, LKV ATS GmbH, über die neuen gesetzlichen Regelungen zur Tierseuchenbekämpfung (Tierseuchenvorsorge), sowie Dr. Kattein, Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt, und LKV-Abteilungsleiterin Dr. Ines Naumann über die Meldungen zur Antibiotikadatenbank (mehr dazu demnächst).

Präsentationen der Referenten im Internet unter: www.lkvst.de/Publikationen/Vorträge

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr