Tomaten aus der Lutherstadt

26.02.2014

© Thomas Klitzsch

Gewächshausanlage

Auf bis zu 40 Hektar Anbaufläche unter Glas will die Wittenberg Gemüse GmbH in Zukunft Tomaten in der Lutherstadt produzieren. Das Logistikzentrum für die gigantische Gewächshausanlage, die bundes- und auch europaweit einmal zu den größten zählen könnte, wurde am 22. Januar im Stadtteil Apollensdorf im Beisein von Ministerpräsident Reiner Haseloff offiziell in Betrieb genommen. Eine niederländische Firmengruppe investiert auf einer ehemaligen Industriebrache rund 20 Mio. Euro in den Produktionskomplex samt Kühlraum, Verpackungslinie und Verladestation. Bis zu 150 Beschäftigte sollen hier zunächst einmal arbeiten.

Ernte ab März

Die Investoren wollen pro Jahr 9 000 Tonnen der schmackhaften Früchte des Nachtschattengewächses, für die sie sich den Markennamen „Luther-Tomate“ schützen ließen, erzeugen. Im Dezember wurden 250 000 Tomatenstauden gepflanzt. Ab März soll die Ernte beginnen. Derzeit wird eine Anbaufläche von 15 Hektar in zwei Gewächshäusern genutzt, drei weitere Bauten sollen noch folgen.

Das Familienunternehmen Van Gog Kwekerijen CV, das hinter den Investoren Pieter van Gog und Marion Leenders-van Gog steht, gehörte bereits vor dieser Großinvestition in Wittenberg mit seinen Gewächshäusern in Deurne, Asten, Helmond und Horst sowie einer Anbaufläche von 38 Hektar zu den größten Anbietern auf dem Markt. Der Dritte im Bunde, Wichard Schrieks, ist von Beruf Steuerberater; einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist aber schon seit langem die Beratung von Agrarbetrieben in den Niederlanden und in Deutschland.

Die Wittenberg Gemüse GmbH ist Eigentümer der Flächen und verkauft die Tomaten. Betrieben werden die beiden Gewächshäuser allerdings von der Pieter van Gog Gemüse GmbH sowie der Wichard Schrieks Gemüse GmbH, sagt Dr. Helmut Rehhahn. In Sachsen-Anhalts Ex-Landwirtschaftsminister bzw. dessen Unternehmensberatung Management GmbH Magdeburg haben die Niederländer den Berater für ihr Vorhaben gefunden.

Für den Standort Wittenberg haben sich die Investoren im Übrigen ganz bewusst entschieden – vor allem wegen der unmittelbaren Nachbarschaft zur SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH. Deutschlands größter Produzent von Ammoniak und Harnstoff verfügt über Kohlendioxid (CO2) in lebensmittelreiner Qualität. Das Gas, das dort als Nebenprodukt entsteht, wird über eine eigens dafür gelegte 500 Meter lange Pipeline zu den Gewächshäusern geleitet und dort unterhalb der langen regalähnlichen Bahnen, auf denen die Tomatenpflanzen in praktischer Arbeitshöhe stehen, durch perforierte Plastikschläuche gezielt an die Pflanzen geleitet, die das CO2 für die Photosynthese und damit für ihr Wachstum brauchen. Dar­über hinaus liefert der Düngemittelhersteller in seiner Produktion anfallende Abwärme, die für den Produktionsprozess in den Gewächshäusern genutzt wird.

Ohne künstliches Licht

Die Tomatenpflanzen wachsen auf einem Substrat aus kompostierbaren Kokosfasern und werden durch ein computergesteuertes System bedarfsgerecht mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Hummeln sorgen in den Gewächshäusern für eine na­türliche Bestäubung der Blüten der Tomatenpflanzen. Gegen Schädlinge sowie zur Vermeidung von Krankheiten werden biologische Pflanzenschutzmittel eingesetzt.

Effizienz wird im gesamten Produktionssystem groß geschrieben. Die Bewässerung erfolgt über ein Brunnensystem in einem geschlossenen Kreislauf. Was bei der Tröpfchenbewässerung von der Pflanze nicht aufgesogen wird, sammelt sich in einer Rinne unterhalb des Nährbodens, fließt zurück und wird nach Aufbereitung wiederverwendet.

Zudem wird bewusst weitgehend auf künstliche Beleuchtung verzichtet. Das gilt für Pflanze und Mensch. „Gearbeitet wird nur während der Tageslichtzeit“, sagt Rehhahn. Für die fest angestellten Arbeitskräfte verschieben sich damit die Arbeitszeiten im Jahresverlauf.

Nicht unumstritten

Die Planungen für den Bau der Gewächshausanlage begannen im Jahr 2008. Ein Jahr später wurde der erste Bauabschnitt in Angriff genommen (siehe BauernZeitung 28/2011, S. 6). Zusammen mit dem Logistikzentrum, von dem aus einmal rund sechs Millionen Verbraucher in Mitteldeutschland und im Raum Berlin mit Tomaten beliefert werden sollen, könnte der Gewächshauskomplex eine Fläche von 68 Hektar einnehmen. Diese Maximalvariante ist in der Lutherstadt jedoch nicht unumstritten. Forst- und Umweltexperten verweisen darauf, dass dann weite Teile eines vorhandenen Waldareals abgeholzt werden müssten. Dieses war dereinst als Schutz der Siedlung vor Lärm und Emissionen des Stickstoffwerkes angelegt worden. Bei 40 Hektar Gewächshausfläche bliebe davon nur ein kleiner Reststreifen übrig. Und die Entfernung zur Wohnbebauung würde sich auf gut 100 Meter halbieren.

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr