Schnuppertag im Agrarbetrieb

10.11.2016

© Detlef Finger

Zörbiger Sekundarschüler waren Mitte Juni in der Milchviehanlage der Ostrauer Agrar GmbH im Saalekreis.

Bereits seit der zurückliegenden Förderperiode 2007 bis 2013 wird in Sachsen-Anhalt das Projekt BRAFO (Berufswahl Richtig Angehen Frühzeitig Orientieren) zur Berufsorientierung an den Schulen der Sekundarstufe I angeboten. In dessen Rahmen haben alle Siebtklässler an Sekundar-, Gesamt- und Förderschulen die Möglichkeit, Inhalte und Anforderungen verschiedener Berufsfelder durch praktisches Ausprobieren außerhalb der Schule kennenzulernen. Das Projekt wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds des Landes und der Bundesagentur für Arbeit gefördert.

 

Vorbildfunktion


Seit vergangenem Jahr sind auch landwirtschaftliche Berufe unter dem Berufs-/Tätigkeitsfeld „Pflanzen anbauen/Tiere züchten“ explizit mit in das Projekt einbezogen. Darauf gedrängt hatte insbesondere das Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten (ALFF) Anhalt in Dessau, unterstützt von der Agentur für Arbeit Dessau-Roßlau-Wittenberg. Mithin ist es der die Landkreise Wittenberg und Anhalt-Bitterfeld sowie die kreisfreie Stadt Dessau-Roßlau umfassende Amtsbereich Anhalt, in dem dieses Projekt im Agrarbereich seit dem Vorjahr gezielt und in Gänze umgesetzt wird.


Die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe in dieser Region, die sich an BRAFO beteiligen (Voraussetzung ist eine Ausbildungsberechtigung) hat seither zugenommen. Es sind vor allem Agrargenossenschaften mit Viehhaltung, die sich im Projekt engagieren. Sie sind, wie andere Rechtsformen landwirtschaftlicher Betriebe auch, vom Fachkräftemangel betroffen,  können Ausbildungsplätze nicht oder in nur unzureichender Anzahl mit geeigneten Schulabgängern besetzen, vor allem in der Tierproduktion. Neben eingetragenen Genossenschaften beteiligen sich auch Agrargesellschaften und GbR am Projekt zur Berufsorientierung. Mit der Blumen Möbius GmbH, Wittenberg, ist nun auch ein erster Gartenbaubetrieb dabei, erklärte Amtsleiterin Friedegund Müller gegenüber der BauernZeitung. Weitere Gartenbaubetriebe würde man gern einbeziehen, Voraussetzung sei aber, dass diese auch ausbilden, „ansonsten wecken wir falsche Hoffnungen bei den Schülern“, so die engagierte Amtsleiterin. Die Berufsorientierung der Schüler vor Ort in den Betrieben soll das Interesse für eine landwirtschaftliche Ausbildung wecken und gleichzeitig der Imageverbesserung der Branche dienen, sagt Müller. Eine gezielte Nachwuchsgewinnung sei eine unverzichtbare Voraussetzung für die Erhaltung der Leistungsfähigkeit der landwirtschaftlichen Unternehmen.

 

Schülerzahl verdoppelt


Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler der siebten Klassen, die im zurückliegenden Schuljahr an einem Schnuppertag im Berufs-/Tätigkeitsfeld „Pflanzen anbauen/Tiere züchten“ teilgenommen haben, ist im Zuständigkeitsbereich des Amtes Anhalt im Vergleich zum Jahr zuvor deutlich gestiegen. Gleichzeitig legte die Zahl der beteiligten Betriebe und die der Veranstaltungstage insgesamt zu. Waren es 2015 elf Unternehmen mit zusammen 39 BRAFO-Tagen und 268 Schülern, so wurden in diesem Jahr bis Ende September in den nunmehr 33 Betrieben bereits 70 Schnuppertage mit 498 Schülern organisiert.


Schwerpunkt war weiterhin der Landkreis Wittenberg, aber auch im Landkreis Anhalt-Bitterfeld und in der Stadt Dessau-Roßlau konnten deutlich Zuwächse verzeichnet werden. Eine Auswertung zum Stichtag 23. September 2016 mit den Betrieben, den Bildungsträgern und dem ALFF Anhalt zeigt, dass sich die Berufsorientierung im Agrarbereich in diesem Jahr in allen Teilen des Amtsbereiches positiv entwickelt hat.


Im Landkreis Wittenberg entschieden sich bis dato 240 Jugendliche, das waren immerhin 41 % der Gesamtschülerzahl an den entsprechenden Bildungseinrichtungen, zur Teilnahme an einem der bislang 32 Berufsorientierungstage in den 15 beteiligten landwirtschaftlichen Unternehmen. Im Vorjahr waren es 210 Schüler (37 %) an 29 Tagen in sechs Agrarbetrieben im Kreis.


Im Landkreis Anhalt-Bitterfeld und in der kreisfreien Stadt Dessau-Roßlau wurden im Vorjahr die ersten zehn Berufsorientierungstage in fünf Unternehmen mit rund 60 Schülern durchgeführt. Die Beteiligungsquote der Schüler lag hier bei gut vier Prozent bzw. elf Prozent. In diesem Jahr konnten die nunmehr zwölf Betriebe im Landkreis an 27 Tagen bereits 194 Schüler begrüßen, die sechs Betriebe im Stadtgebiet an elf Tagen 64 Jugendliche. Die Beteiligungsquoten erhöhten sich damit hier auf fast 35 % bzw. knapp 21 %. Das Ziel der beteiligten Akteure, das Projekt BRAFO in diesem Jahr auch in diesen beiden Regionen in einem größeren Rahmen umzusetzen, wurde damit erreicht.


Das Projekt BRAFO war laut einer Vereinbarung zwischen der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt/Thüringen der Agentur für Arbeit und dem Land Sachsen-Anhalt zunächst bis Februar 2017 verlängert worden, soll aber dem Vernehmen nach bis zum Ende der laufenden Förderperiode im Jahr 2020 fortgesetzt werden. „Es wäre schön, wenn sich BRAFO zu einem Selbstläufer entwickeln würde“, wünscht sich Agraramtsleiterin Friedegund Müller. Die Einbeziehung der Landwirtschaft in das Projekt seit 2015 ist ihrer Ansicht nach ein „echter Fortschritt“ und sollte unbedingt von landwirtschaftlichen Unternehmen in allen Regionen genutzt und für die Zukunft eingefordert werden. Ist die Landwirtschaft bei der Berufsorientierung in dieser Form nicht dabei, werde es wesentlich schwieriger, Jugendliche für einen landwirtschaftlichen Beruf zu begeistern, die sich erst einmal anders orientiert haben.

 

 

 

So funktioniert BRAFO grundsätzlich:
Modul 1 (Kompetenz-/Interessenerkundung)
1. Schritt: Die Schüler analysieren ihre Interessen, Stärken, Neigungen in der Schule, unterstützt von einem Sozialpädagogen, an einem Tag (sechs Unterrichtsstunden). Berufs-/Tätigkeitsfelder werden vorgestellt.
2. Schritt: Praktisches Ausprobieren in mehreren Berufs-/Tätigkeitsfeldern. Die Schüler wählen dazu im Vorfeld vier von zwölf Feldern aus, in denen sie sich an vier Wochentagen (pro Berufs-/Tätigkeitsfeld ein Tag mit jeweils sechs Stunden) ausprobieren können. Ein Berufs-/Tätigkeitsfeld ist „Pflanzen anbauen/Tiere züchten“.
3. Schritt: Hilfestellungen und Empfehlungen für die weitere Berufswahl. Die Interessenerkundung für die meisten Berufs-/Tätigkeitsfelder findet in Werkstätten des Bildungsträgers statt. Das Feld „Pflanzen anbauen/Tiere züchten“ wird in ausgewählten Landwirtschafts- und Gartenbaubetrieben der Region vorgestellt. Im Betrieb muss dazu eine Fachkraft mit Ausbildereignung ganztägig zur Verfügung stehen und das praktische „Ausprobieren“ erklären und begleiten.

Modul 2 (Betriebserkundung)
Fünftägiges Betriebspraktikum mit sozialpädagogischer Begleitung und betrieblicher Praktikumseinschätzung (fünfmal ein Tag zu je sechs Stunden).

Mehr Infos: http://www.ms.sachsen-anhalt.de/themen/arbeit/berufsorientierung-ausbildung/brafo/was-ist-brafo/

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr