Podiumsdiskussion des Bauernverbandes

24.06.2016

© Detlef Finger

Das Podium (v. l.): Dr. Thomas Tanneberger (Moderator), Eckhard Heuser, Dr. Jörn Uwe Starcke, Hans-Jürgen Schulz, Ludwig Börger, Klaus Schönfeldt, Dr. Christian Bock.

Nach der Krise ist vor der Krise – wie machen wir mit der Milch weiter?“ lautete das Thema einer Podiumsdiskussion, zu der der Bauernverband (BV) nach Bernburg eingeladen hatte.

 

Auf der Bühne in der Hochschulmensa hatten neben Moderator Dr. Thomas Tanneberger, Chefredakteur der BauernZeitung, sechs Experten Platz genommen: Klaus Schönfeldt, Vizechef des Milchfachausschusses des BV, Ludwig Börger, Milchreferent des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Dr. Christian Bock, Leiter Fördergeschäft der Rentenbank, Dr. Jörn Uwe Starcke, Prokurist Landwirtschaft der frischli Milchwerke, Eckhard Heuser, Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbandes (MIV), und Hans-Jürgen Schulz, Abteilungsleiter im Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie.

 

Bedauerlicherweise war kein Vertreter des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) gekommen. Edeka, Aldi und Rewe seien angefragt worden, so die Organisatoren. Die anwesenden Referenten trugen ihre Thesen zu möglichen Lösungsansätzen für die Milchkrise vor und stellten sich Fragen aus dem Auditorium.


BauernZeitungs-Chefredakteur Dr. Tanneberger betonte zu Beginn den positiven Ansatz des Veranstaltungsthemas. So schwer es in der derzeitigen Situation auch fallen möge, so sei es doch wichtig, dass Trauer und Wut allmählich konstruktiven Gedanken Platz machen. Dazu wolle man mit der Diskussion einen Beitrag leisten.

 

Dramatische Situation


Klaus Schönfeldt verwies zunächst auf die dramatische Lage in vielen Milchbetrieben. Im Land hätten etliche Betriebe ihre Tätigkeit bereits eingestellt, ca. 2 000 Kühe seien aus der Produktion genommen worden. Notwendig sei eine synchrone Milchmengenreduzierung in Europa, die aber weder sachlich noch politisch durchsetzbar erscheine. Daher sei an die gemeinsamen Forderungen der ostdeutschen Landesbauernverbände zu erinnern:
● Verlorene Zuschüsse an die Milchbauern als Ausgleich für die Folgen des Handelskrieges mit Russland,
● Umstrukturierungshilfen für ausstiegswillige Milchbauern,
● Nachverhandlungen der aktuellen Verträge mit dem LEH,
● marktorientierte Gestaltung von Lieferverträgen.


Dr. Christian Bock erstaunte viele Teilnehmer mit seinerAussage, die viel gepriesene Milchmengenreduzierung sei nicht so unproblematisch wie angenommen. Leerstand in den Ställen verändere die Rentabilität der Produktion und damit die Kapitaldienstfähigkeit der Landwirte erheblich.  Das sei für die Finanzierung durchaus von erheblicher Bedeutung und der Grund, warum aus Sicht der Banken ein maßvoller Strukturwandel hin zu zukunftsfähigen Betrieben besser sei als ein kurzfristiges Mengenanpassen.


Hans-Jürgen Schulz verwies dar­auf, dass das Ministerium an Varianten der Unterstützung dieses Strukturwandels arbeite. Plausibel sei, hierbei Marktentlastung und Sozialpolitik miteinander zu verbinden. Ludwig Börger allerdings sah sich genötigt, hier Wasser in den Wein zu gießen. Die europaweit diskutierten Ausstiegsprämien für Milchbauern seien keineswegs nur positiv zu beurteilen. Schließlich werde hierbei viel Geld an Betriebe gegeben, die ohnehin vom Markt gehen. Auch sei nicht zu prognostizieren, inwieweit die zunächst verringerte Produktionsmenge nicht alsbald wieder durch aufstockungswillige Bauern ausgeglichen werden wird. Dann hätte man nichts erreicht, aber viel Geld ausgegeben.

 

Mengenreglung fraglich


Zudem seien Zweifel angebracht, ob sich der Weltmarkt in der beschriebenen Weise beeinflussen lässt. Das sei wichtig, denn der Inlandspreis sei zu 80 % vom Weltmarkt getrieben. Er selbst glaube nicht daran, dass eine Mengenregulierung praktisch funktionieren könnte. Einfache Lösungen für das Problem gäbe es nicht. Kurzfristig könne nur die Liquiditätssicherung im Vordergrund stehen. Längerfristig seien Politik und vor allem Wissenschaft gefragt, sich mit den Strukturfragen zu befassen. Der Molkereisektor mit über 100 Betrieben sei wenig einig und strukturell nicht optimal aufgestellt. Seinem Eindruck nach haben die Molkereien auch wirtschaftlich noch erhebliche Reserven. Gerade sie müssten beim LEH Druck für höhere Preise machen, unterböten sich jedoch stattdessen ständig gegenseitig.  


Nein, an der Struktur liege die Krise nicht, widersprach Eckhard Heuser vom MIV seinem Vorredner. Italien habe nicht 100, sondern 1 400 Molkereien, und der Milchpreis dort sei trotz dessen mehr als 10 Cent besser als im Rest Europas. Wie man nun verfahren sollte, da legte sich Heuser jedoch nicht fest: Ja, man könne einfach die Konkurrenz walten lassen, das wäre dann der Weg in die Dauerkrise. Agrarorganisationen? Die kosten unser Geld, so Heuser, gerade jetzt, wo wir alle keines haben! Bliebe der Versuch einer Marktregulierung: Bitte, so Heuser, wir machen alles mit. Die Landwirtschaft habe zwei Milliarden in die Milchquote gesteckt, nicht die Molkereien. Lösungen sah Heuser am ehesten  in der Senkung von Produktionskosten, der Exportsteigerung und der Steigerung des Bioanteils im Sortiment. Kontorenbildung sei allerdings keine Lösung, denn das Kartellamt wache mit Argusaugen.


Dieser Interpretation widersprach Klaus Schönfeldt. Immerhin seien die Bauern das schwächste Glied in der Kette, daher müssten sie das Recht haben, sich zu vereinigen. Das müsse auch das Kartellamt einsehen. Erzeugergemeinschaften seien bisher und zukünftig ausdrücklich erlaubt, auch wenn die Milchindustrie das vielleicht nicht so gut finde. Zumindest die Privatmolkerei frischli habe damit kein Problem, so Dr. Starcke. Allerdings dürfe, welche Lösung auch immer zu suchen sei, keine Insellösung in Europa herauskommen. Auf einen weiteren Aspekt machte Katrin Seeger, Geschäftsführerin der Erzeugergemeinschaft für Milchproduzenten w. V. in Haldensleben, aufmerksam. Sie forderte mehr Wachsamkeit und Kollegialität unter den Landwirten. „Ein Teil des Problems ist doch, dass sich die EZG untereinander das Wasser abgraben“, so die Fachfrau.

 

Differenzierte Preise?


Dr. Matthias Löber, Geschäftsführer RinderAllianz, unterstützte die Meinung, dass Struktur allein auch nicht helfe (DMK ist zwar groß, hat aber den kleinsten Preis) und die Landwirte zu eigenverantwortlichem Handeln angeregt werden müssen. Gut geeignet seien hier differenzierte Preismodelle (A-Preis, B-Preis), wie sie in der vorigen Ausgabe der BauernZeitung vorgestellt worden seien. Vielleicht ergäbe sich für die Molkerei gar kein großer Unterschied, aber die Landwirte bekämen klare Signale für die Gestaltung ihrer Produktionsmenge. Eckhard Heuser bemühte sich alsbald, auch diese Hoffnung zu zerstreuen – in Frankreich gebe es das A/B-Modell schon lange, die Preise seien aber auch nicht besser. Wenig Hoffnung habe er auch bezüglich der Warenterminbörsen, denn es nütze nichts, Preise abzusichern, die nicht kostendeckend seien.


Und so kam es, wie es kommen musste: Nachdem alle Varianten heiß und hitzig diskutiert waren, räumten die über 60 Gäste den Saal, ohne dass irgendein Weg hätte vorgezeichnet werden können. Wie sagte doch Herr Börger: Es gibt keine einfachen Lösungen. So langsam aber muss man sich fragen: Gibt es überhaupt welche?

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