Landesschäferkonferenz: Den Tatsachen ins Auge sehen

08.05.2014

© Detlef Finger

Die Vorsitzenden der Landesschafzuchtverbände Sachsen-Anhalt und Berlin-Brandenburg, Dirk Papendieck (r.) und Knut Kucznik (l.), im Gespräch mit Agrarminister Dr. Hermann Onko Aeikens.

Bauernverband und Schafzuchtverband (LSV) hatten am Montag voriger Woche zur 2. Landesschäferkonferenz nach Bernburg-Strenzfeld eingeladen. Themenschwerpunkte der gut besuchten Veranstaltung waren Stand, Entwicklung und Perspektiven der Schafhaltung, die Kulturlandschafts- und die Deichpflege mit Schafen sowie aktuelle Probleme der schafhaltenden Betriebe in Sachsen-Anhalt.

Thomas Prüfer, Geschäftsführer des Landgutes Krosigk und Vorsitzender des Fachausschusses Schafhaltung beim Bauernverband, richtete den Blick sofort auf die prekäre wirtschaftliche Situation der Schafhalter mit ihren drastisch gesunkenen Einkommen sowie auf die Überalterung der Zunft und den fehlenden Berufsnachwuchs. „Die Politik muss ein Zeichen setzen. Wir brauchen dringend Signale für den Erhalt der Schafhaltung“, so sein eindringlicher Appell.

Am staatlichen Tropf

Karsten Siersleben, Kontroll- und Beratungsring (KBR) Lämmermast beim Landeskontrollverband (LKV), untersetzte Prüfers verbale Einschätzung zur Ökonomie der Schafhaltung mit Zahlen aus der Praxis. Anhand von Ergebnissen aus Betriebsvergleichen zurückliegender Jahre (2010/2011) von nahezu 50 KBR-Mitgliedsbetrieben aus Sachsen-Anhalt und Brandenburg rechnete er vor, dass von den Einnahmen von knapp 250 € je Mutterschaf (MS) nur etwa ein Drittel aus der tierischen Produktion kommen (Lamm, Altschaf, Wolle) und etwa 20 % aus sonstigen Erlösen (Wert organischer Dünger, Deichpflege u. ä.). Mehr als die Hälfte der Einnahmen (55 %) sind Direktzahlungen bzw. staatliche Zuwendungen wie die Betriebsprämie oder über Förderprogramme gezahlte Entgelte für die Kulturlandschaftspflege.

Die Aufwendungen für die Schafhaltung, einschließlich eines kalkulatorischen Personalkostenansatzes für die Entlohnung des Schäfers, erreichen demnach nahezu die gleiche Höhe. Mit fast 40 % schlagen dabei die Direktkosten zu Buche (vor allem für das Grund- und Kraftfutter), 20 % machen die Arbeitserledigungskosten aus.

Zwar hätten sich die Ergebnisse des Betriebszweiges in den vergangenen Jahren – von einem niedrigen Niveau ausgehend – leicht verbessert, sagte Siersleben. Einbezüglich der Entlohnung des Schäfers fielen sie jedoch im Mittel negativ aus. Siersleben räumte jedoch ein, dass es im Einzelfall betriebliche Reserven gebe, wie der Vergleich erfolgreicher mit weniger guten Unternehmen zeige.

Die besseren Betriebe generieren mehr Betriebsprämie und Landschaftspflegegelder sowie höhere Mastlämmerpreise und erzeugen ihr Futter günstiger. Der Gewinn je Mutterschaf nach Abzug der kalkulatorischen Personalkosten differiere zwischen + 58 € und – 72 €/MS, vergleicht man die „Top 10“ und die 10 % schlechtesten Betriebe. Doch selbst die besten Schafhalter reichten nicht an die durchschnittlichen Ergebnisse spezialisierter Futterbaubetriebe heran – und das trotz bislang bester eigener Ergebnisse im Mehrjahresvergleich. „Die Wettbewerbsfähigkeit der Schafhaltung ist nicht gegeben“, fasste Siersleben seinen Vortrag zusammen.

Teure soziale Sicherung

Dr. Jan Ole Schroers, Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e. V., informierte über ein gemeinsames Projekt des KTBL mit der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL) zur Erarbeitung und Bereitstellung einer Datensammlung mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen für verschiedene biotopspezifische Verfahren der Landschaftspflege mit Schafen. Auch Schroers kam zu dem Schluss, dass die am Markt erzielbaren Erlöse die Kosten nur zu etwa 40 % decken. Es bedürfe also zusätzlicher Einnahmen für die Schafhalter.

Andreas Dietze, Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG), informierte über Stand und Entwicklung der Beiträge in der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft (LBG) und Landwirtschaftlichen Krankenkasse (LKK). „Die steigenden Beiträge machen den Schäfern zu schaffen“, merkte Moderator Thomas Prüfer an. Dietze stellte klar, die Schafhalter sind per ­Gesetz Teil der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung (LSV). Das agrarsoziale Sicherungssystem trage sich aber leider nicht mehr selbst und sei auf staatliche Zuschüsse angewiesen, die nach Haushaltlage gezahlt und mithin stetig geringer würden.

Er erläuterte die komplizierten, für die Schäfer kaum nachvollziehbaren Berechnungsgrundlagen und -modalitäten in der LBG samt der Neuerungen wie Bildung von Risikogruppen und Ausgleichsfaktoren. Dietze räumte ein, dass es für viele Schafhalter immense Beitragssteigerungen gebe. Er verwies darauf, dass eine Zahlung der Jahresbeiträge in drei Raten möglich sei; Voraussetzung sei eine der SVLFG erteilte Einzugsermächtigung. Dieser Antrag sollte sofort gestellt werden, um die Liquidität zu sichern. Laut Dietze könne auch die Veranlagung zur LKK zu besonderen Härten führen, dies aber nicht nur für Schafhalter. Bereits ab 301 ha Fläche komme man in die höchste Beitragsklasse 20, was vor allem die ostdeutschen Betriebsstrukturen treffe.

Knut Kucznik kritisierte als Vertreter des Bundesverbandes der Berufsschäfer, dass Halter von kleinen Schafbeständen, die nicht angemeldet sind und nicht in die LBG einzahlen, bei Krankenhausaufenthalten nach Arbeitsunfällen aus diesem System entschädigt werden. „Das ist eine Solidargemeinschaft mit Nichtzahlern. Wir Berufsschäfer finanzieren die Hobbyhalter mit. Das vermisse ich bei Ackerbauern und Schäfern“, erregte er sich.

Dietze bestätigte, es gebe einen gesetzlich festgelegten Anspruch auf Entschädigung. In solchen Fällen würden rückwirkend für bis zu vier Jahre Beiträge erhoben. Den Leistungsaufwand decke dies freilich nicht.

Beklemmende Zahlen

Einen Überblick über die Entscheidungsprozesse und Eckwerte zur Umsetzung der Reform der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik (GAP) gab der Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes, Prof. Fritz Schumann. Die Zahlen zur Schafhaltung seien „beklemmend“, sagte er. Die Abhängigkeit von Zahlungen der öffentlichen Hand bedeute, dieser agrare Wirtschaftszweig lebe davon, dass ihm die Politik wohlgesonnen sei. Schumann sieht in der Honorierung der Landschafts- und der Deichpflege, die „Marktleistungen im übertragenen Sinne“ darstellten, den Schlüssel für die Entlohnung der Schäfer. „Ohne diese Gelder werden wir uns von der Schafhaltung verabschieden müssen.“

Als für Schafhalter relevante Punkte der GAP-Reform stellte er u. a. heraus, dass sämtliche in 2015 von Betriebsleitern beantragte Flächen, auch Streuobstwiesen und Hutungen, neue Zahlungsanprüche erhalten. Für Betriebe mit mehr als 70 % Grünland gebe es keine Vorgaben zum Greening. Interessant sein könnte die mögliche Nutzung (Hutung) von Winterzwischenfrüchten, deren Anbau mit dem Faktor 0,3 bei den ökologischen Vorrangflächen angerechnet wird. Zur Entwicklung der Direktzahlungen in Sachsen-Anhalt rechnete er vor, dass die Prämien für dieses Jahr bei ca. 344 €/ha (bis zum 30. ha), 324 €/ha (bis zum 46. ha) bzw. 294 €/ha (ab dem 47. ha) liegen.

Konzept des Landes

2019 werde nach erfolgter Angleichung die bundeseinheitliche Prämie bei 173 €/ha Basisbeitrag und 85 €/ha Greeningaufschlag liegen. Das bedeute, die von den erfolgreichen Schafhaltungsbetrieben jetzt noch erzielten 50 € Gewinn je Mutterschaf „sind dann auch weg“.

Der agrarpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Bernhard Daldrup, bekräftigte, die Landschaftspflege mit Schafen stelle eine Dienstleistung für die Gesellschaft dar. Diese müsse sagen, ob sie diese Leistung wolle und was sie dafür zu zahlen bereit sei. „Die Politik will das“, betonte er. Er verwies auf einen Antrag vom Herbst 2013 im Landtag, in dem das Parlament die Landesregierung aufforderte, ein Konzept zur Schafhaltung im Land zu erarbeiten.

Landwirtschafts- und Umweltminister Dr. Hermann Onko Aeikens sagte, es sei Ziel der Landesregierung, die Konzeption bis zum Sommer vorzulegen und die Schafhaltung hierzulande zu deren Stabilisierung „mit weiteren Instrumenten neben den Märkten“ zu unterstützen. Welche das sein könnten, wollte er jedoch noch nicht preisgeben. Nach seinen Angaben waren bei der Tierseuchenkasse zum Jahreswechsel rund 113 000 Schafe gemeldet. Ziel sei es, „im sechsstelligen Bereich zu bleiben“, sagte Aeikens, der eine Umstrukturierung in der Schafhaltung im Land erkannt haben will – weg von ganz großen Herden und hin zu einem größeren Anteil Hobbyhaltungen. Einen Ausgleich beim Schafbestand erhofft er sich durch den Neueinstieg von Betrieben in die Schafhaltung sowie Nebenerwerbler und eben Hobbyhalter.

Der Minister informierte ferner über die für die neue EU-Förderperiode bis 2020 geplanten Agrarumweltmaßnahmen für Schafhalter im Land. Dazu gehören Freiwillige Naturschutzleistungen (FNL-A) auf Flächen in Gebietskulissen (Natura-2000, Biotope) mit 180 bis 300 €/ha (Mahd) plus 150 €/ha (Hutung) sowie für extensive Grünlandnutzung im Rahmen von MSL bis 280 €/ha. Die Ausgleichszahlungen für Bewirtschaftungsbeschränkungen infolge von Naturschutzauflagen werden gestrafft, Maßnahmen sind kombinierbar.

Als weitere unterstützende Maßnahmen zählte er die Förderung des Erhalts gefährdeter Nutztierrassen und der Arbeit des Schafzuchtverbandes und der KBR sowie das Vorhalten der Leistungsprüfung und überbetrieblichen Ausbildung an der LLFG in Iden auf. Aeikens appellierte an die Schafhalter, die Beratungsangebote der Landesanstalt und des KBR Lämmermast beim LKV effektiver zu nutzen.

Zum Hochwasserschutz sagte der Minister, derzeit würde ein Viertel der Deichfläche hierzulande mit Schafen gepflegt, etwa 3 000 ha seien jedoch noch offen. Es gebe momentan 46 Verträge mit 36 Schäfern im Land.

Zum vorbeugenden Herdenschutz vor dem Wolf berichtete der Ressortchef, im Vorjahr seien 59 Schafhalter mit rund 120 000 € Zuschüssen für die Anschaffung von Elektroweidenetzen samt Zubehör bedacht worden. In diesem Jahr sei das Förderprogramm neu aufgelegt worden. Es werde weiterentwickelt und angepasst. Expertenschätzungen zufolge gebe es derzeit landesweit eine Population von etwa 35 bis 40 Wölfen.

Auf der Tagung meldeten sich auch Schäfer zu Wort. Ronald Gericke aus Schelldorf beklagte z. B. den enorm gestiegenen Aufwand in der Praxis, etwa für die ordnungsgemäße doppelte Tierkennzeichnung, die Cross-Compliance-relevant ist, und für das Einzäunen der Tiere zum Schutz vor dem Wolf. Sein Kommentar dazu: „Wir Schäfer sind jetzt Tag und Nacht angreifbar!“

Rüdiger Kassuhn aus Iden zeigte die Probleme bei der Deichpflege auf: große Entfernungen zwischen dem Betrieb und den Hochwasserschutzanlagen, damit zeit- und kostenintensive Anfahrten sowie eine erschwerte Kontrolle der Herden, fehlende Ausweichflächen vor Ort am Deich. Seines Erachtens müsse aber zuvorderst „Nachwuchs her“, um die Schafhaltung langfristig zu sichern.

Viele offene Fragen

Franz Bust aus Leuna forderte Prämien für alle Schafrassen, da die Schäfer vor dem Aussterben bedroht seien – wohlwissend, dass es in Deutschland keine gekoppelten Tierprämien mehr geben werde, wie der Minister unterstrich. Bust forderte zudem schnelle Klarheit über die Möglichkeit, Zwischenfrüchte zu beweiden, was helfen könnte, Futterkosten zu sparen. Nötig sei ferner Rechtssicherheit für die Schäfer in Sachen Haftung für Schäden, die durch Unfälle mit Schafen infolge von Wolfsangriffen auf Bahntrassen oder Autobahnen entstehen könnten.

Wolfgang Hedel aus Walbeck regte an, feste Einzäunungen in den Förderkatalog für den Herdenschutz aufzunehmen. Karl-Heinz Eggert aus Bebertal forderte, den Schäferberuf bei der Werbung für die Grünen Berufe nicht zu vernachlässigen.

„Wir sind bemüht, der Schäferei Perspektiven zu geben“, versicherte Agrarminister Aeikens. Er warnte zugleich vor einer andauernden negativen Sicht auf diesen Wirtschaftszweig. „Ständiges Klagen führt nicht dazu, dass der Schäferberuf als attraktiv wahrgenommen wird.“

Prämie wird geringer

Wolfram Krocker, GUBB Halle, rechnete betriebswirtschaftlich nüchtern vor, dass den Schäfern von der Betriebsprämie u. a. infolge von Modulation, Pachtpreissteigerungen durch Flächenkonkurrenz und Wegfall der Mutterschafprämie unterm Strich immer weniger bleibe und der verbliebene „Gewinn“ aus der Prämie durch die GAP-Reform künftig gegen Null tendieren werde. Demgegenüber steige der Vorsorgeaufwand für LBG, LKK und LAK beträchtlich an und könne sich bis zum Jahr 2017 auf über 10 000 € je Betrieb verdoppeln, wie der Berater an Beispielrechnungen aufzeigte. Bei einem durchschnittlichen Betriebsgewinn von 20 000 €, von dem noch die Entlohnung des Betriebsinhabers zu bestreiten ist, sei das kaum zu bewerkstelligen. „Es muss sich grundsätzlich etwas ändern“, forderte Krocker. Die Agrarsozialpolitik müsse stärker berücksichtigen, was die Betriebe zu leisten imstande seien, sagte Minister Aeikens, der hier auch die Berufsverbände gefordert sieht.

„Wir sind mit Herzblut Schäfer, müssen aber der Wahrheit, sprich: den betriebswirtschaftlichen Zahlen, ins Auge sehen“, sagte Knut Kucznik. Gegebenenfalls müsse auch über eine „Sterbehilfe“ für die Schäfer nachgedacht werden, wenn die Landschaftspflegegelder nicht ausreichen, um ein angemessenes Einkommen zu sichern. Schließlich könnten die Betriebe auch keine Rücklagen für schlechte Jahre bilden, sagte er.

Ausschussvorsitzender Thomas Prüfer sagte, die Landschaftspflege bleibe die wichtigste Einkommensposition. Es gelte, den Blick der Schäfer dafür zu schärfen, wenngleich es hier kein Patentrezept für alle Standorte und Betriebe gebe.

Dr. Hans-Jörg Rösler, Geschäftsführer des LSV Sachsen-Anhalt, sagte zum Schluss, „wir sollten positiv in die Zukunft schauen“. Die Nutztierhaltung habe generell einen schweren Stand in der Gesellschaft, die Schafhaltung aber die größte Akzeptanz und ein gutes Image. „Schafherden gehören einfach in die Natur“, unterstrich er. Die Kulturlandschaftspflege müsse jedoch besser honoriert werden, anderenfalls verlören die Einkommen der Schäfer im Vergleich weiter an Boden.

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