Berufsnachwuchs – Fachkräfte werden knapp

05.08.2013

Moderator Jürgen Barth (M.), agrarpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag, mit den Referenten: Ehrenfried Kühn, Susanne Winge, Prof. Dr. Dieter Orzessek und Dieter Heyde (v. l.). © Detlef Finger



Der Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt droht in den nächsten Jahren ein akuter Mangel an Fachkräften. Von 2010 bis 2020 scheiden hierzulande etwa 5.500 Arbeitskräfte altershalber aus der Branche aus. Bei derzeit etwa 18.500 ständig Beschäftigen und einem Arbeitskräfteanteil von fast 30 % über 55-Jährigen besteht unter Berücksichtigung von Marktanpassung, Strukturwandel, Technisierung und Rationalsierung bis 2020 ein Ersatzbedarf von rund 3.300 Arbeitskräften. Diese Zahlen nannte Susanne Winge vom Zentrum für Sozialforschung (zsh), Halle, kürzlich auf einem Werkstattgespräch der SPD-Landtagsfraktion in Magdeburg zur zukünftigen Entwicklung ländlicher Räume und speziell zur Thematik „Grüne Berufe - Berufe mit Zukunft“.

Belegschaften überaltert

Nach Schätzungen des bei der Martin-Luther-Universität angesiedelten An-/Institutes bedarf es für den Erhalt des Status Quo in den Agrarberufen im Land einer jährlichen Zahl von Auszubildenden von etwa zwei Prozent, bezogen auf die Gesamtbeschäftigtenzahl in der Landwirtschaft. Den Soll-Werten in der Dekade von 2010 bis 2020 von jährlich 369 (2010) bis 320 (2020) neuen Ausbildungsverträgen stünden jedoch nur Ist-Zahlen von 268 (2010) bis 224 (2020) gegenüber. Somit kämen in diesem Zeitraum nur etwa 2.650 neue Arbeitskräfte hinzu, sodass sich ein Fehlbetrag von zirka 650 Arbeitskräften ergebe. Berücksichtige man dann noch die Auflösungsquote bei den Lehrverträgen in den Agrarberufen (2010: ca. 20 %), erhöhe sich die Lücke auf deutlich über 1.000 Nachwuchskräfte. Bei Abwanderung in andere Branchen, etwa vor- und nachgelagerte Bereiche, würde sich das Problem noch weiter verschärfen, zeichnete Susanne Winge auf.


Sie ging ferner auf die Ergebnisse einer Fachkräftestudie des zsh aus dem Jahr 2009 ein, die die Entwicklung der Jahre 2001 bis 2007 in der Landwirtschaft Sachsen-Anhalts analysierte. Danach hat sich die Altersschere in den Betrieben weiter geöffnet und der Anteil älterer Arbeitnehmer weiter erhöht. Von den Betriebsleitern war zu jener Zeit fast ein Drittel älter als 54 Jahre.


 

In Fortschreibung der Zahlen bis 2010 zeige sich, dass insbesondere die Gruppe der 55- bis 64-jährigen Beschäftigten weiter zugenommen hat (siehe Kasten). Winge zufolge gibt es dabei zwischen den Rechtsformen teils deutliche Unterschiede. So seien die juristischen Personen durch personelle Wechsel nach der Wende besonders betroffen. Hier sei der Anteil der 55- bis 64-Jährigen mit 29 % besonders hoch und habe zugenommen. Anteilig kämen hier „auf zwei Ältere nur ein Jüngerer“. Besser schnitten die Einzelunternehmen ab. Hingegen sei bei ihnen mit fast elf Prozent über 65-Jährige „der Spagat zwischen Hof-aufgabe und gesicherter Nachfolge“ erkennnbar. Am ausgewogensten sei die Altersstruktur in den Personengesellschaften.

Nach Ansicht der Diplomsoziologin ist die Sicherung des Fachkräftenachwuches in der Landwirtschaft allein durch die Ausbildung eher unwahrscheinlich. Zwar habe sich der Arbeitskräfteabbau zuletzt verlangsamt, doch konnte die Entwicklung hin zum Fachkräftemangel nicht aufgehalten werden. Hinzukomme, dass sich die Auszubildendenzahlen seit 2007, bedingt durch geburtenschwache Jahrgänge, verringert haben. Dabei sei das Interesse an den grünen Berufen sogar leicht gestiegen. Winge empfahl der Landwirtschaft daher, bei der Lösung des Nachwuchsproblems auch andere Wege zu suchen.


Wie sich in der Diskussion der Workshopteilnehmer herauskristallisierte, könnte die Gewinnung von Quereinsteigern eine Möglichkeit sein, weitere Fachkräfte für die Landwirtschaft zu generieren. Diese könnten zum Beispiel über Ausbildungsnetzwerke von Betrieben fachlich qualifiziert werden.

Netzwerke als Lösung?

Ein Ausbildungsnetzwerk für angehende Land- und Tierwirte sowie Fachkräfte Agrarservice, das als Pilotprojekt des Landes Brandenburg seit August 2008  erfolgreich im Landkreis Elbe-Elster arbeitet und derzeit von 25 Agrarbetrieben verschiedener Rechtsformen mit zusammen 51 Lehrlingen getragen wird, stellte Dieter Heyde, Vorstandsvorsitzender der Agrargenossenschaft Werenzhain eG, in der Runde vor (die BauernZeitung berichtete darüber ausführlich in Ausgabe 44/2011 auf den Seiten 18/19). Positive Aspekte solcher Netzwerke für die Auszubildenden – in Brandenburg gab es Ende 2012 mittlerweile sechs Netzwerke mit 140 Lehrlingen aus 102 Betrieben – sieht der Betriebsleiter in der Leistungsmotivation der Gruppe, der Vertiefung sozialer Kontakte, im Kennenlernen verschiedender Betriebe und in der Nutzung eines riesigen Pools von speziellem Fachwissen.


Ehrenfried Kühn, Landwirt in Seegrehna im Landkreis Wittenberg, zeigte für den Amtsbereich Anhalt auf, dass von 345 Unternehmen im Haupterwerb 78

als Ausbildungsbetrieb anerkannt sind. Derzeit bildeten aber nur 47 Betriebe aus. 25 Lehrstellen blieben deswegen im Vorjahr unbesetzt. Nach Ansicht des Praktikers bestehe die Gefahr, dass in der Folge arbeitsintensive Bereiche in den Unternehmen, vor allem die Veredlung, wegbrechen, an denen viele weitere Arbeitsplätze hängen.

Für die Betriebe und die Berufsverbände sieht Kühn drei Arbeitsschwerpunkte: das Image der Landwirtschaft verbessern, die Ausbildungsqualität sichern und entsprechende Weiterbildung organisieren.


Beispielhaft zeigte der Landwirt anhand gemeinsamer Initiativen vom Bauernverband Wittenberg und vom Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten (ALFF) Anhalt auf, wie diese Aufgaben angegangen werden können. So berichtete er über die Erfolge von auf freiwilliger Basis durchgeführten betriebsübergreifenden Lehrunterweisungen von Auszubildenden nach dem Unterricht unter Einbeziehung der Fachlehrer.


Darüber hinaus forderte Kühn ein frühzeitiges Heranführen von Kindern und Jugendlichen an die Landwirtschaft, eine öffentlichkeitswirksamere Durchführung von Zeugnisübergaben, eine angemessene Entlohnung von Lehrlingen und Beschäftigten in der Landwirtschaft sowie eine praxisorientierte Weiterbildung von Fachlehrern der Berufsschulen in der landwirtschaftlichen Praxis.


Während der Tagung wurde deutlich, dass es hinsichtlich Öffentlichkeitsarbeit und Ausbildung noch enormer Anstrengungen insbesondere der landwirtschaftlichen Betriebe selbst bedarf, um das Image der Branche zu verbessern und zu einer nachhaltigen Sicherung des Berufsnachwuchses zu kommen.

Auch Lehrer fortbilden

Prof. Dr. Dieter Orzessek, Präsident der Hochschule Anhalt (FH), verwies etwa darauf, dass mit zunehmender Technisierung der Landwirtschaft nicht nur die Anforderungen an die Facharbeiter, sondern auch an die Lehrkräfte steigen. Bis 2020 scheide etwa die Hälfte der Lehrer an den Berufsschulen aus dem aktiven Dienst aus. Eine Ausbildung zum Berufsschullehrer im Bereich der grünen Berufe gebe es hierzulande nicht. Orzessek regte daher an, auch im Bereich der Lehrerausbildung Qualifizierungsmöglichkeiten für Quereinsteiger zu entwickeln. Denkbar sei, dass Masterabsolventen eines agrarischen Studiengangs von Hoch- und Fachhochschulen zusätzlich eine pädagogische Ausbildung absolvieren bzw. eine Lehrbefähigung für Berufsschulen erlangen. Orzessek forderte außerdem von der Politik, Verbindlichkeiten für die Fortbildung von Berufsschulpädagogen festzulegen. Auf freiwilliger Basis funktioniere das nicht.


Die Leiterin des Amtes für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten Anhalt, Friedegund Müller, zeigte einige Probleme aus ihrer Sicht auf. So sei die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe, die tatsächlich ausbilden, zu gering. Zudem gebe es immer mehr Schüler mit schlechten Zugangsvoraussetzungen für eine Ausbildung. Das könnten die Betriebe nicht ausgleichen. Auch seien die landwirtschaftlichen Berufsbilder in den Agenturen für Arbeit zu wenig bekannt. Die auf dem Workshop umfassend vorgestellte und diskutierte Verbundausbildung – als Ergänzung zur überbetrieblichen Ausbildung – hält Müller für „das Nonplusultra“. Der Freistaat Sachsen sei hier Vorreiter. Die in Sachsen-Anhalt für die Verbundausbildung bestehende Förderrichtlinie hält die Amtsleiterin für kaum praktikabel und nicht vergleichbar zum Beispiel mit dem Förderprogramm in Brandenburg.


Der agrarpolitische Sprecher der gastgebenden SPD-Fraktion, Jürgen Barth, der die Veranstaltung moderierte, zeigte sich überzeugt davon, dass die Landwirtschaft und die grünen Berufe eine Zukunft haben. Die Landwirtschaft sei, insbesondere in Sachsen-Anhalt, ein wichtiger Wirtschaftszweig, der qualifizierte Fach- und Führungskräfte brauche. Gemeinsam gelte es, die durch den demografischen Wandel erschwerte Nachwuchsgewinnung zu meistern.


 

Entwicklung der Altersstruktur*

Beschäftigte   Anteil (in %)

nach Alter      2007    2010

 >65 Jahre       6,3         5,0

 55–64 J.       19,4       24,5

 45–54 J.       32,4       33,5

 35–44 J.       25,6       19,5

 25–34 J.         8,7       10,5

 <25 Jahre      7,6         7,0


* der ständig beschäftigten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft Sachsen-Anhalts

Quelle: zsh, Agrarstatistik

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