Zweifel bleiben

21.11.2013

Siegmar Wendelberger vor den gerissenen Schafen

Zweifel bleiben

Solche Bilder soll es möglichst nicht mehr geben: Im Januar 2008 verlor Schäfermeister Siegmar Wendelberger in Woosmer bei Lübtheen 14 Schafe durch einen Wolf. © Gerd Rinas

Um die Wölfe in Mecklenburg-Vorpommern ist es ruhig geworden. Meldungen über Risse von Weidetieren blieben in den vergangenen Wochen aus. Ist es die Ruhe vor dem Sturm? 

Diplombiologin Kristin Zscheile wollte sich auf dem Schaf- und Ziegentag am vergangenen Wochenende nicht festlegen. „Aus Sicht der Wissenschaft sind die Wölfe, die sich wiederangesiedelt haben, große Unbekannte“, räumte die Mitarbeiterin des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie im vollbesetzten Vortragszentrum des Güstrower Natur- und Umweltparks ein.

 

Weniger Wolfsrisse

Seitdem 2006 der erste Wolf in Mecklenburg-Vorpommern im Gebiet um Lübtheen nachgewiesen wurde, sind weitere Tiere hinzugekommen. Der Lübtheener Altwolf hat seit diesem Frühjahr offenbar eine junge Fähe als Partnerin gefunden. Ein einzeln lebendes Tier aus der Kyritz-Ruppiner Heide, das durch spektakulär-tragische Nutztierrisse in Brandenburg aufgefallen war, wechselt gelegentlich ins Mecklenburgische.  Im Nordosten sind bisher drei Wolfsgebiete mit einzeln und paarweise lebenden Tieren nachgewiesen: Neben der Lübtheener Heide sind dies die Uckermärker und die Kyritz-Ruppiner Heide mit ihren Ausläufern in der südlichen Müritzregion. Weitere Anzeichen für mindestens einen Wolf gebe es in der Region Sternberg-Warin und nördlich vom Schaalsee.

Kristin Zscheile, die auch als Rißgutachterin arbeitet, warb bei den zahlreich angereisten Schäfern um Verständnis für die Wiederansiedlung von Isegrim. Diese Auffassung blieb nicht unwidersprochen. „Welchen evolutionären Auftrag soll der Wolf übernehmen?“, wollte Reinhard Egert wissen. „Einige Biologen wollen doch nur einen Heiligenschein für sich. Hurra, die Natur ist stark, der Wolf ist wieder da“, meinte der Schäfer. 

„Es ist eine natürliche Entwicklung, die wir versuchen zu begleiten“, entgegnete Zscheile. Es sei nicht die Frage, ob er das dürfe oder seine Rückkehr uns nütze. „Der Wolf gehört in das hiesige Ökosystem.“ 

Die Anzahl der Wolfsrisse ist zurückgegangen. Kam es 2007 und 2008 noch zu sechs beziehungsweise vier Vorfällen, waren es danach nur einer bis zwei pro Jahr. Insgesamt hat es im Land bisher 16 Vorfälle mit Wölfen gegeben, bei denen 96 Nutztiere verletzt und 31 getötet wurden. Das Land hat 26.919 Euro für Schadensminderungen ausgezahlt. 

Nils Meier aus dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Westmecklenburg stellte die im März in Kraft getretene „Förderrichtlinie Wolf MV“ vor. Danach können Maßnahmen zur Prävention und Akzeptanzverbesserung mit bis zu 75 % und zur Schadensminderung mit 100 % der zuwendungsfähigen Kosten gefördert werden. Zu den förderfähigen Präventionsmaßnahmen zählen die Beschaffung von Netzzäunen ab einer Höhe von 1,10 m, der Kauf von Weidezaungeräten, Akkus und Ladegeräten mit 4.000 V, Breitbandlitzen sowie Untergrabschutz bei Zäunen über 1,20 m Höhe. Mit 75 % der Kosten kann ebenfalls die Anschaffung und Ausbildung von Herdenschutzhunden gefördert werden. Zur Schadensminderung werden unter anderem Tierarzt- und Tierkörperbeseitigungskosten  sowie Ausgaben für Gutachten bis zu 500 € erstattet. Die Richtlinie deckt nicht alle möglichen Folgekosten der Wiederansiedlung des Wolfes ab. Ab drittem April nächsten Jahres müssen Schäfer in Wolfsgebieten einen Grundschutz ihrer Tiere gewährleisten, wenn sie im Schadensfall Ausgleichsansprüche geltend machen ­wollen. Dazu zählen Netz- oder Litzenzäune, mindestens 90 cm hoch, und Elektrozäune mit mindestens 2.000 V. 

Breiten Raum nahm in Güstrow die Diskussion um den Einsatz von Herdenschutzhunden ein. Knut Kucznik, Vorsitzender der gleichnamigen Arbeitsgemeinschaft, stellte verschiedene Rassen vor und riet zugleich, die Entscheidung sorgfältig vorzubereiten. Bei den Rassen, die als Herdenschutzhund zum Einsatz kämen, gäbe es sehr wohl Unterschiede. Ein ganz entscheidender sei, „wie lang die Zündschnur ist.“ Als besonders geeignet empfahl der Schäfermeister aus dem Brandenburgischen den Pyrenäenberghund und -kreuzungen. 

Angesichts der Kosten, die die Beschaffung, Ausbildung und Haltung  von Herdenschutzhunden verursacht, unterstützte er die Forderung anderer Schäfer, das Futter für die Herdenschutzhunde in die Förderung einzubeziehen. „Wer den Wolf bestellt, muss ihn auch bezahlen“, so ­Kucznik, der für die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Herdenschutzhunde warb.

 

Wer soll das bezahlen?

Dr. Regina Walther, langjährige Zuchtleiterin des Sächsischen Landesschaf- und Ziegenzuchtverbandes, wertete Ergebnisse eines Forschungsprojektes aus, in dem die Sozialisierung und der Einsatz von Herdenschutzhunden und die Optimierung von Elektrozäunen zum Schutz vor dem Wolf untersucht wurden. Fazit: Nach Einführung des Herdenschutzes sind die Verluste deutlich zurückgegangen.  Walther warnte eindringlich davor, die Gefahr zu unterschätzen: „Wölfe kontrollieren die Weiden und bestrafen jede Nachlässigkeit sofort.“ 

In der Diskussion zeigte sich, dass einzelne Maßnahmen für sich offenbar keinen ausreichenden Schutz gewährleisten. So berichtete eine Schäferin aus Brandenburg, dass auf ihrer Weide der Wolf sich auch von einem 110 cm hohen Zaun mit Flatterband nicht abhalten ließ.

Schäfermeister Ingo Stoll aus Langenhagen machte auf die hohen Kosten aufmerksam, die der Herdenschutz in seinem Betrieb verursachen wird. „In der Lammzeit sind meine Tiere in zehn Herden aufgeteilt. Wenn ich für jede zwei Herdenschutzhunde, neue Zäune, Weidegeräte und anderes mehr  beschaffen wollte, würde mich der Herdenschutz wohl 100.000 € kosten.“ Welcher Schäfer im Land soll das bezahlen?

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