Werden unsere Milchkühe "verheizt"?

07.08.2015

© Edgar Offel

In der Rinderzucht Augustin KG in Neuendorf bei Greifswald werden derzeit 300 Milchkühe gehalten. Die durchschnittliche Milchleistung liegt bei 10 500 kg pro Kuh und Jahr.

Der Stachel sitzt tief. Eigentlich sollte es im Gespräch mit Klaus-Dieter Augustin um die neuen Ställe zur Optimierung seiner Milchproduktion gehen. Aber der 50-jährige Betriebsleiter der Rinderzucht Augustin KG in Neuendorf bei Greifswald schweift ständig ab. Immer wieder gehen seine Gedanken zu der ARD-Dokumentation, die am Montag vorvergangener Woche den Landwirten pauschal vorwarf, ihre Milchkühe zu verheizen. Das verletzt nicht nur die Berufsehre des erfolgreichen und engagierten Milchbauern. Es verhöhnt auch seine jahrelangen Bemühungen, Stallhaltung und Zucht tiergerechter zu gestalten.


„Die Bilder aus dem Brandenburger Stall waren nicht schön“, erregt sich Augustin. „Aber man kann das doch nicht pauschal auf alle übertragen. Man muss doch auch am Beispiel anderer Ställe zeigen, dass Hochleistungszucht und Massenhaltung nicht automatisch Tierquälerei bedeuten.“ Sein Betrieb wäre so ein Gegenbeispiel. Seine Kühe lieferten in den letzten
zwölf Monaten im Durchschnitt 10 500 Liter Milch, seine Spitzenkühe kommen auf bis zu 20 000 Liter. Dennoch betrage die durchschnittliche Nutzungsdauer 50 Monate und die ­Lebensleistung über 50 000 Liter. „Das ginge nicht, wenn es meinen Kühen nicht gut gehen würde.“ Wie wohl sie sich im angeblich so tierfeindlichen „Massenstall“ fühlen, würde beispielsweise daran deutlich, dass die trocken stehenden Tiere selbständig von der Weide wieder zum Stall auf dem Berg ziehen. „Anfangs freuen sie sich zwar über die Weide. Aber es dauert nicht lange, dann stehen sie wieder vor der Tür“, lacht er.

 

Einseitige Fehlersuche weckt Zweifel


Eine der Hauptthesen der Reportage war, dass das Kraftfutter die Kühe krank machen würde. „Eine Ferndiagnose ist schwierig“, sagt Augustin. „Aber Kraftfutter an sich als Krankheitsursache halte ich für widersinnig.“ Wenn nicht gar eine andere Erkrankung wie beispielsweise Botulismus vorliegt, würde er viel mehr auf Managementfehler tippen. So könnte das verwendete Kraftfutter nicht zum Grundfutter passen. „Man muss natürlich auch sicherstellen, dass das Kraftfutter dem Leistungsbedarf angepasst verabreicht wird. Zu viel Kraftfutter wird den Bedürfnissen von Wiederkäuern nicht gerecht. Entscheidend für die Gesundheit der Kühe ist die Qualität der Silage.“ Indes: Andere Ursachen als das Kraftfutter als Grund für die Erkrankung einer ganzen Herde wurden in der Reportage nie in Erwägung gezogen. Selbst vom interviewten Tierarzt nicht.


Besonders ärgert Augustin, dass die Reporter die gewandelten Zuchtziele ignorierten. „In den 1980er-Jahren ging es tatsächlich nur um die Milchleistung. Aber heute sind funktionale Merkmale und die Lebensdauer in den Mittelpunkt gerückt“, sagt Augustin. „Dafür stehen Lebensleistungen von bis zu 100 000 Litern.“ In dieser Frage ist er kompetent. Augustin ist einer der erfolgreichsten Züchter von Hochleistungskühen des Landes. Bundesweit haben Kühe seiner Zuchtlinien schon viele Preise gewonnen. In Anerkennung dieser Leistungen hatte ihn der Zuchtausschuss des Deutschen Holstein-Verbandes (DHV) zum Preisrichter bei der jüngsten nationalen Leistungsschau in Oldenburg berufen, von der auch die Reportage berichtete.


Die Diskussion aufnehmen


Augustin findet es allerdings bedenklich, dass in vielen Ställen die Tiere nur halb so alt werden wie in seiner Herde. Deshalb kann er der Reportage auch eine „gute Seite“ abgewinnen. „Die Sendung sollte auch uns Milchviehhalter aufrütteln. Wir als Landwirte sind gefordert, die Diskussion aufzunehmen.“ Insbesondere müsse man den Verbrauchern zeigen, dass Haltung in großen Ställen und Hochleistung durchaus tiergerecht sein können. Erschüttert ist Augustin von der Szene, als im Schlachthof ein kurz vor der Geburt stehendes Kalb aus der Gebärmutter gezogen wurde. Das sei ethisch untragbar. Als Vorstandsmitglied des Landeskontrollverbandes für Leistungs- und Qualitäts­prüfung (LKV) kenne er die diesbezüglichen Zahlen der Schlachthöfe. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe von LKV, Landesbauernverband und Rinderzuchtverband mache sich deshalb Gedanken, wie man die Kuhhalter in dieser Frage sensibilisieren könne.

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