Wahlbauerntag in Neubrandenburg

13.04.2016

© Gerd Rinas

Führungswechsel: Der scheidende Präsident Rainer Tietböhl (r.)übergab seinem Nachfolger Detlef Kurreck einen Pferdezügel – als Erinnerung und Motivation.

Der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern hat auf dem Bauerntag in Neubrandenburg einen neuen geschäftsführenden Vorstand gewählt und damit die personellen Weichen für seine Zukunft  gestellt. 125 Delegierte aus 15 regionalen Mitgliedsverbänden wählten Detlef Kurreck, Landwirt aus Körchow, Landkreis Rostock, einstimmig zum neuen Verbandspräsidenten. Kurreck war der einzige Kandidat. Er folgt auf Rainer Tietböhl, der den Verband mehr als zehn Jahre geführt hatte und aus Altersgründen nicht wieder antrat.
Als Vizepräsidenten bestimmten die Delegierten in geheimer Wahl Dr. Heike Müller, Gessin, (119 Stimmen) und Dr. Manfred Leberecht, Grabow, (67 Stimmen). Gerd Göldnitz aus Lübesse wurde mit 94 Stimmen als Vizepräsident bestätigt. Den Sprung in den Vorstand verpassten die Kandidaten Stefan Wille-Niebuhr, Plate, und Kurt Springorum, Roggenhagen. Detlef Kurreck dankte beiden Landwirten für ihre Kandidatur und lud sie zu einer engen Zusammenarbeit im Verband ein.


Vor der Wahl hatte der scheidende Präsident Rainer Tietböhl ein letztes Mal Rechenschaft über die Arbeit der Verbandsspitze abgelegt und die Mitglieder aufgefordert, die Reihen zu schließen. Die größte Herausforderung für die Bauern und den Verband als ihre Interessenvertretung sei die derzeitige Marktkrise. „Die Preise für Getreide, Milch und Fleisch sind seit über einem Jahr rapide gesunken, sodass heute kein Bereich den anderen stützen kann. Diese Situation hat es in den letzten 25 Jahren nicht gegeben“, so Tietböhl. Nun stehe viel auf dem Spiel: „Wir haben hervorragende Betriebe aufgebaut. Ich sehe nicht ein, dass die nun in die Hände von Investoren übergehen.“ Tietböhl erinnerte daran, dass ein Teil der Schwierigkeiten an den Märkten wie das russische Embargo für Lebensmittel aus der EU von der Politik zu verantworten sei. „Jetzt brauchen wir Landwirte die Hilfe der Politik“, so Tietböhl. Zugeich wandte er sich bei seinem letzten Auftritt als Verbandschef noch einmal eindringlich an seine Berufskollegen. „Wir müssen uns den Markterfordernissen anpassen“, so Tietböhl mit Blick auf den Angebotsüberhang auf den Märkten. Längst überfällig seien zeitgemäße Veränderungen in den Rahmenbedingungen, z. B. im Genossenschaftsgesetz, und neue Regelungen in den Lieferbeziehungen zu den Marktpartnern. „Wenn wir nicht klar festlegen, welche Milchmenge wir in welchem Zeitraum zu welchem Preis vermarkten, werden viele die Krise nicht durchhalten“, warnte Tietböhl. Er legte den Delegierten den neuen Verbund „Pro Natur“ ans Herz, in dem sich der Bauernverband mit den Verbänden von Jägern, Waldbesitzern, Anglern und anderen für eine nachhaltige Interessenvertretung zusammengeschlossen hat. Tietböhl forderte EU-Agrarkommissar Hogan zu entschlossenen Schritten beim Bürokratieabbau auf. „Auch in der Marktkrise erwarten wir mehr Unterstützung aus Brüssel.“


Der Bauerntag dankte dem scheidenden Präsidenten für seine Standfestigkeit und für seinen Beitrag zur Entwicklung des Verbandes stehend mit Applaus. Respekt und Anerkennung für seine intensive und erfolgreiche Verbandsarbeit zollten die Delegierten ebenfalls dem scheidenden Vizepräsidenten Marco Gemballa.


Agrarminister Dr. Till Backhaus stellte auf dem Bauerntag die aktuelle Marktkrise in den Mittelpunkt. „Die existenzielle Not der Milch- und Schweinebauern birgt die Gefahr, dass sich noch mehr außerlandwirtschaftliche Kapitalgeber in die Betriebe einkaufen.“ Um der Krise zu begegnen, habe die Landesregierung Sofortmaßnahmen von etwa 20 Mio. € auf den Weg gebracht. Dazu zählen kostenlose und umfassende sozioökonomische Beratungsangebote und ein zugunsten der Bauern überarbeitetes Bürgschafts- und Flächenrückkaufprogramm zur Stärkung der Liquidität. Dabei wird u. a. der Zeitraum für den Landrückkauf von sechs auf zwölf Jahre gestreckt. Zugleich bekräftigte der Minister, dass Milchbauern und Vermarkter Wege zur Mengenreduzierung am Markt finden müssten. Auch Backhaus forderte in der Krise „klare Signale aus Brüssel und Berlin“. Eine Antwort könnte eine „Qualitätsoffensive“ in der Landwirtschaft sein. „Dafür muss jetzt Geld in die Hand genommen werden.“


Auf der Festveranstaltung zum 25-jährigen Verbandsbestehen zeichnete Gründungs-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Jaeger die Entwicklung des Verbandes nach. In einem Film zum Jubiläum waren zuvor Zeitzeugen und verdiente Verbandsmitglieder zu Wort gekommen.

 

Fragen an Präsident Detlef Kurreck: Vorpommern im Blick

Herr Kurreck, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl. Was hat für Sie und den neuen Vorstand jetzt Vorrang?
■ Eindeutig die Marktkrise. Die Märkte für Milch, Schweinefleisch und Getreide sind übervoll, die Preise im Keller. Erst wenn die Übermengen vom Markt sind, werden die Preise steigen. Allerdings handelt es sich um ein internationales Problem. Einseitige regionale Maßnahmen helfen nur begrenzt.

Agrarminister Backhaus hat auf dem Bauerntag 20 Mio. Euro Hilfen vom Land angekündigt. Ist das genug?
■ Wer Hilfe in diesem Umfang angeboten bekommt, wäre dumm, sie gering zu schätzen. Es ist ein erster Schritt. Wir brauchen aber eine konzertierte Aktion von Land, Bund und EU. Ein Teil der Einbußen, z. B. der weggebrochene russische Markt, ist politisch verursacht. Ziel muss es sein, die Betriebe so viel und so schnell wie möglich zu entlasten.

Das Land hat auch ein Flächenrückkaufprogramm für Betriebe mit schwacher Liquidität aufgelegt. Ein guter Vorschlag?
■ Jeder Bauer muss das für seinen Betrieb prüfen und entscheiden. Der Vorteil: Wer seine Flächen zeitweilig an die Landgesellschaft verkauft und sie später zurückkaufen kann, erhält zwischenzeitlich frische Liquidität. Der Nachteil: Bei dem Programm wird zwei Mal Grunderwerbsteuer fällig.

Stichwort innerverbandliche Arbeit. Was wollen Sie zuerst angehen?
■ Der Bauerntag hat zwar einen neuen Verbandsvorstand gewählt, aber die Herausforderungen sind die gleichen geblieben: Wir wollen unsere Mitgliederbasis und die Öffentlichkeitsarbeit stärken. Wir kommen in der Öffentlichkeit zu schlecht weg. Das muss sich ändern.  

Vorpommern ist im neuen Vorstand nicht vertreten. Ein Handicap?
■ Ich hätte mir einen Vertreter aus Vorpommern gewünscht. Aber wir sind nicht bei „Wünsch dir was“. Alle Mitglieder aus den Regionalverbänden hätten kandidieren können. Kandidatenliste und Wahlausgang sind bekannt. Die Delegierten des Bauerntages haben entschieden. Ich versichere Ihnen, dass der Vorstand Vorpommern nicht vergessen wird. Wir vertreten die Interessen der Bauern im ganzen Land.                     
Die Fragen stellte Gerd Rinas

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