Viele Kirschen und nur wenige Stare

20.07.2018

© Jürgen Drewes

Steffen Schönemeyer mag es immer noch nicht richtig glauben. Nach etlichen „Katastrophenjahren“ hängen die Kirschbäume auf seinem Obsthof in Eschenhörn bei Gnoien in diesem Sommer endlich mal wieder voller Früchte. Und das in einem Farbspektrum wie es breiter nicht geht; von gelb bis fast schwarz. Nach den Süßkirschen ist seit Anfang Juli auch die Sauerkirschenernte in vollem Gange.

 

Alles hat gestimmt


„Im Frühjahr hat einfach alles gestimmt. Als die Bäume blühten wurde es endlich warm, die Sonne schien, es hat nicht mehr geregnet und es gab kaum Wind. So mögen es die Bienen. Und die haben ganze Arbeit geleistet. Das Ergebnis hängt jetzt in Hülle und Fülle an den Ästen“, freut sich der engagierte Obstbauer.


„Das passt mal wieder“, stimmt Johannes Eggert, Seniorchef auf dem Stralsunder Obstgut Eggert GbR „Am Borgwallsee“ in Lüssow vor den Toren der Hansestadt, zu. Gemeinsam mit seinem Sohn Sylvio bewirtschaftet der 75-Jährige 240 ha Ackerland und 160 ha Obstbaufläche. Bei Beeren wird nahezu die gesamte Palette geboten; von Erdbeeren über Brom- und Johannisbeeren bis hin zu Stachelbeeren. Hinzu kommen Hunderte Kirschbäume.


„Ich denke, wir sind der größte Anbauer in Mecklenburg-Vorpommern. Manch anderer hat die Produktion mittlerweile eingestellt. Es hat sich einfach nicht mehr gerechnet. Wiederholt ging im Frühjahr durch Spätfröste die Blüte kaputt, was dennoch gewachsen ist, haben zumeist die Stare geholt“, erinnert sich Joannes Eggert. Und erklärt zugleich, unbedingt am Kirschanbau festhalten zu wollen. Nach diesem Jahr erst recht.


Überall in der Plantage sind Selbstpflücker unterwegs. Leitern braucht hier keiner. Die Bäume sind so gewachsen und geschnitten, dass man jederzeit vom Boden aus ernten kann. Da aber bekanntlich die schönsten Kirschen immer in der Spitze hängen, stehen Pflückböcke bereit, um auch die am höchsten hängenden Früchte zu erreichen.


In Eschenhörn sieht das anders aus. Hier sind die Bäume über die Jahre mächtig in die Höhe gewachsen. 20 Hektar wurden in den vergangenen Jahren komplett gerodet. „Es hat sich einfach nicht mehr gelohnt. Die viele Arbeit und am Ende nur wenige, oder wie im vergangenen Jahr, keine einzige Kirsche“, macht Steffen Schönemeyer seine Rechnung auf.

 

Gern Selbstpflücker


Zumal der Einzelhandel komplett auf Lieferungen verzichtet. „Unsere Kirschen sind denen zu klein, auch wenn sie mitunter so groß wie eine Zwei-Euro-Münze sind. Aber die zumeist aus Osteuropa stammenden Früchte sind durch die klimatischen Bedingungen dort einfach noch größer und angesichts der Lohnverhältnisse zudem billiger. Da können wir einfach nicht mithalten“, zeigt sich der Obsthofchef resignierend. Und ärgert sich zugleich, dass statt Kirschen aus der Region nur solche in den Regalen liegen, die über Hunderte, wenn nicht Tausende Kilometer herbeigeschafft wurden. So bleibt ihm nur die Vermarktung im eigenen Hofladen oder auf Wochenmärkten. Zudem wird auch in Eschenhörn auf Selbstpflücker gesetzt. „Unsere Kirschen sind Spitze“, wirbt Marlies Sprung. Sie kassiert am Ende ab. „Ich finde diese Möglichkeit, sich die schönsten Kirschen selbst auszusuchen, Klasse. Zumal man sich ordentlich satt essen kann“, freut sich Hans Joachim Fazius, der seinen mitgebrachten Eimer randvoll gefüllt hat. „Mehr geht nicht. Sonst schimpft meine Frau, dass der Kühlschrank so voll ist“, sagt der Mitachtziger und steigt zufrieden von der Leiter.


„Ich denke, wir schaffen es in diesem Jahr gar nicht, alle Kirschen abzuernten. Ich habe nur wenige Mitarbeiter und ein paar Helfer aus Polen im Einsatz. Das reicht für die Menge, die wir ausschließlich selbst vermarkten. Da ist jeder Selbstpflücker willkommen“, argumentiert Steffen Schönemeyer und freut sich zugleich, dass sich Stare als unerwünschte Erntehelfer in diesem Jahr fast gar nicht haben blicken lassen. „Ornithologen haben mir erzählt, dass sich wohl eine Krankheit unter den Vögeln breit gemacht hat“, so die Erkenntnis.

 

Nur die Jungvögel


Johannes Eggert hat eine andere Erklärung. „Die Vögel überwintern in der russischen Tundra. Da war es in diesem Frühjahr extrem kalt, sodass erst spät mit dem Brutgeschäft gestartet wurde. Anschließend sind die Altvögel gar nicht mehr zu uns auf Tour gegangen, gekommen sind nur die Jungvögel“, zeigt Johannes Eggert auf ein angrenzendes Waldstück am Krummenhagener See. Dort, in einem 260 ha großen Feuchtgebiet, wachsen auch Vogelkirschen. Deren knallrote Farbe hat die Stare in Scharen angelockt. Ein kurzes Klatschen und Tausende fliegen in die Luft. Um sich Sekunden später auf den nächstgelegenen Bäumen niederzulassen.


Weil Johannes Eggert in diesem Jahr von seiner Plantage kaum Stare vertreiben muss, bleibt an diesem Tag Zeit, sich einen Überblick über den Zustand auf den Gemüsefeldern zu verschaffen. Nach Wochen der Trockenheit waren trotz Beregnung Kohl, Gurken, Tomaten, Zwiebeln, Kartoffeln und allerlei mehr nicht so wie gewünscht vorangekommen. „Erst der Regen Mitte des Monats hat den gewünschten Schwung gebracht“, freut sich der Gutschef. Und beobachtet etliche Kunden, Frauen und Männer, wie sie selbst Gurken und Tomaten ernten und auch Kartoffeln für daheim ausbuddeln.

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