Veranstaltung zum Thema "Rückkehr des Wolfes"

26.05.2017

© Gerd Rinas

Über solche Bilder schauen manche Wolfsbefürworter gern hinweg. Schäfermeister Siegmar Wendelberger gehörte zu den ersten Tierhaltern im Land, deren Schafe 2007 und 2008 Opfer von Wolfsübergriffen wurden.

Keine Woche vergeht ohne neue Hiobsbotschaft: 30 Schafe, darunter 23 Lämmer, sind bei einem nächtlichen Wolfsangriff auf eine Herde gerissen worden. Der Wolf habe vermutlich einen 90 cm hohen Zaun, der unter Strom stand, übersprungen, meldeten am vergangenen Samstag regionale Zeitungen.

 

40 Prozent Zuwachs – pro Jahr


Dass der „Tatort“ dieses Mal das brandenburgische Kummersdorf war, ist für die Weidetierhalter hierzulande kein Trost. Auch in Mecklenburg-Vorpommern nehmen Wolfsübergriffe zu. Mittlerweile werden sogar Rinder angefallen, wie der jüngste Fall aus Ramin im Altkreis Uecker-Randow belegt. Die öffentliche Debatte um Isegrim hält unvermindert an: „Die Rückkehr des Wolfes  – Bedrohung oder Bereicherung?“ lautete kürzlich der Titel einer Veranstaltung, zu der die Konrad-Adenauer-Stiftung nach Güstrow eingeladen hatte.


Deutschlandweit wurden im vorigen Jahr 46 Wolfsrudel, 15 Paare und vier Einzeltiere gezählt, insgesamt 450 bis 500 Tiere, berichtete Dr. Norman Stier von der Technischen Universität Dresden,  in MV als Rissgutachter tätig. Fünf  bis sechs Welpen pro Wurf ließen einen Bestandszuwachs von 40 % erwarten – pro Jahr.


In Mecklenburg-Vorpommern sind drei Rudel in der Lübtheener, Ueckermünder und Kalißer Heide nachgewiesen. Von den beiden erstgenannten Rudeln sind 15 bzw. 17 Welpen bekannt. In der Nossentiner/Schwinzer Heide und den Brohmer Bergen gibt es Hinweise auf ein weiteres Einzeltier sowie ein Paar.
Wölfe seien Großraubtiere, Übergriffe auf Menschen mit tödlichem Ausgang international selten, aber nicht ausgeschlossen, erläuterte Rissgutachter Stier. Problematisch seien Wölfe mit nur noch geringer Scheu vor Menschen. Jungtiere würden dieses Verhalten übernehmen. „Verhaltensauffälige Tiere müssen entnommen werden“, betonte der Experte.

 

Tierhalter fühlen sich   allein gelassen


Die Frage, ob die Rückkehr des Wolfes Bedrohung oder Bereicherung sei, spalte derzeit das Land, sagte Beate Schlupp, Artenschutzpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion. Für ein Nebeneinander reiche es nicht aus zu fordern, dass der Mensch wieder lernen müsse, mit dem Wolf zu leben. „Der Wolf muss lernen, unter welchen Bedingungen der Mensch dazu bereit ist“, so Schlupp. Viele Tierhalter fühlten sich mit den immer noch ungewohnten Nachbarn  alleingelassen. Empfehlungen, sicher einzuzäunen, würden von den Wölfen regelmäßig ad absurdum geführt, so die Politikerin. „Wölfe gehen dazu über, im Rudel zu jagen. Jede zusätzliche Sicherung bei Schaf- und Ziegenhaltern erhöht den Druck auf Rinder- und Pferdehalter“, so Schlupp. Sicherungsmaßnahmen hier seien weder ökonomisch sinnvoll noch leistbar. „Dadurch wird die Weidetierhaltung, von der Mehrheit der Verbraucher gewünscht,  zunehmend in Frage gestellt.“


Tatsächlich wirkt sich die Rückkehr des Wolfes nicht nur auf das Zusammenleben mit Menschen und Weidetieren aus. „Ist der Wolf im Revier, ist das Wild auffälliger in Bewegung“, erläuterte Wilfried  Röpert, Vizepräsident des Landesjagdverbandes MV. „Wenn 80 bis einhundert Stücken Rotwild in Unruhe versetzt durch einen Rapsschlag kurz vor der Reife ziehen, ist der Schaden beträchtlich. Dafür müssen dann die Jäger aufkommen“, machte Röpert deutlich. Er stellte klar, dass der Verband nicht dafür eintrete, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. „Dann wären die Jäger auch für die Hege und Pflege sowie den Schaden verantwortlich, den Wölfe anrichten. Das wollen wir uns nicht aufladen“, so Röpert.


Joachim Schüffler vom Zaunbauer Patura KG informierte über Aufwand, Nutzen und Erfolg wolfssicheren Zaunbaus. Er wies darauf hin, dass im benachbarten Brandenburg, wo sich schon mehr Wolfsrudel angesiedelt haben, die Übergriffe auf Rinder zunehmen. Für den Schutz der Tiere seien deutlich höhere Aufwendungen erforderlich. Unterschiedliche Förderrichtlinien in den Bundesländern erschwerten die Präventionsberatung.   

 

De-minimis-Regel als Handicap


Die Rückkehr des Wolfes führe zu „unkalkulierbaren Risiken“, mahnte Jürgen Lückhoff, Vorsitzender des Landesschaf- und Ziegenzuchtverbandes MV und der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL). Schon wenige Tiere, die durch einen Wolf auf Autobahnen oder Bahngleise getrieben werden, könnten zu Unfällen mit tödlichem Ausgang und großen Sachschäden führen.
Lückhoff berichtete über Zaunbau- und Hütehundseminare, Informationsflyer und Exkursionen mit Behördenmitarbeitern zu Schafhaltern. Er forderte, die Förderrichtlinie, die bis 2018 befristet ist, umgehend anzupassen. Weil völlig offen sei, wie Rinder- und Pferdehalter bei ihrer umfänglichen Weidehaltung die Schutzanforderungen erfüllen sollen, müsse der Wolfsmanagementplan des Landes modifiziert werden. Notwendig seien mehr Rissgutachter, um schnell vor Ort zu sein.


Als echtes Handicap bei der Prävention stellt sich zudem die De-minimis-Regelung heraus, die den Gesamtwert von Beihilfen für landwirtschaftliche Unternehmen auf 15 000 € in drei Steuerjahren beschränkt. Schäfermeister Ingo Stoll legte dar, dass unter diesen Voraussetzungen für Schafhalter eine effektive Prävention kaum leistbar ist. „Wenn ich für meine 1 200 Mutterschafe die empfohlenen Schutzmaßnahmen umsetzen will, dann bin ich bei 60 000 € Kosten. Damit wäre die gesamte Förderung aufgebraucht, die ich aus der 1. und 2. Säule bekomme. Dieser Schutz ist schlicht nicht finanzierbar“, so Stoll, dem andere Schäfer und Tierärzte zustimmten. Wolfsschützer im Saal zeigten Verständnis für die missliche Lage der Schäfer, sahen aber keinen Grund, in die Bestandsentwicklung beim Wolf einzugreifen.

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