Schweineproduzenten vor ungewisser Zukunft

25.10.2017

© Sabine Rübensaat

Die Schweineproduzenten des Landes haben im Wirtschaftsjahr 2016/2017 ihre Leistungen weiter gesteigert. Wie Dr. Dorothea Lösel vom Institut für Tierproduktion in Dummerstorf auf dem Schweinetag in Güstrow mitteilte, stiegen die täglichen Zunahmen in den Mastbetrieben durchschnittlich um 30 auf 897 g pro Tier und Tag.  Auch bei den Erlösen erlebten die Produzenten nach immer neuen Preistälern eine Erholungsphase: Im laufenden Jahr lagen die Erzeugerpreise nach Angaben von Lösel um 20 % über dem Durchschnittspreis von 2016. Auch die Ferkelerzeuger erwirtschafteten mit Erlösen von über 60 €/Tier in den vergangenen Monaten im Durchschnitt Gewinn. Allerdings sind die guten Zeiten offenbar schon wieder vorbei: Die Preise in der Mast haben mittlerweile von über 1,80 auf 1,50 €/kg Schlacht­gewicht nachgegeben. Auch die Ferkelpreise sind derzeit nur noch kostendeckend, so Dr. Lösel in Güstrow.


Der starke Wettbewerb hat bundesweit zu einer weiteren Konzentration der Produktion geführt. Die Zahl der Ferkelerzeuger ging 2016 um 7 % zurück. In den vergangenen zwei Jahren nahm ihre Zahl um 15 % ab. Mecklenburg-Vorpommern sei von dem Strukturwandel derzeit weniger betroffen. Das könnte sich, trotz guter struktureller Voraussetzungen und stetigen Leistungswachstums aber bald ändern.


Wie für die gesamte Branche ist auch für die Produzenten hierzulande der 1. Januar 2019 ein einschneidendes Datum: Mit Inkrafttreten des geänderten Tierschutzgesetzes dürfen Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden. In Güstrow wurde deutlich: Vierzehn Monate vor dem „Beginn einer neuen Zeitrechnung in der Ferkelproduktion“, so ein Landwirt, verfügen die Ferkelerzeuger über kein anwendungsbereites Verfahren, das anstelle der bisherigen Praxis treten könnte. Weder der Gesetzgeber noch die Marktpartner haben bisher eine gemeinsame praktikable Strategie entworfen, wie die neue Gesetzeslage ohne gravierende Strukturbrüche in die landwirtschaftliche Praxis umgesetzt werden soll.


Hintergrund: Da Deutschland das einzige Land in der EU ist, das die betäubungslose Ferkelkastration bis 2019 abschafft, befürchten viele Erzeuger massive Wettbewerbsnachteile und stark zunehmende Ferkelimporte vor allem aus Dänemark und den Niederlanden. Schon jetzt kommen jährlich 6,2 Millionen bzw. 4,6 Millionen Mastferkel pro Jahr aus beiden Ländern nach Deutschland.


Die neue Gesetzeslage zwingt die Ferkelerzeuger, unter drei Alternativen zu wählen: Möglich ist die Mast unkastrierter Jungeber, die Betäubung der Ferkel vor der Kastration mittels Narkosegas oder die Impfung gegen den Ebergeruch.


Die Landwirte selbst, das zeigte sich auf dem Schweinetag deutlich, lehnen alle drei Alternativen mehr oder weniger ab. Entweder, weil das Verfahren die Kosten enorm in die Höhe treibt und die ohnehin schon vorhandenen Wettbewerbsnachteile der deutschen Schweineproduzenten wegen der hohen Umweltauflagen und Produktionsstandards sowie der wuchernden Bürokratie weiter verstärkt.


Viele Erzeuger sehen regelrecht eine Kostenlawine auf sich zurollen, wenn beispielsweise ausschließlich Tierärzte die Impfung gegen den Ebergeruch vornehmen dürfen. Andere Landwirte führen an, dass die Zahl der Tierärzte generell nicht ausreichen würde, um flächendeckend Ferkel zu impfen. Wieder andere weisen auf die erhebliche Verunsicherung bei Verbrauchern und Marktpartnern über öffentlich publizierte unerwünschte Wirkungen des Impfstoffs hin, die der Hersteller allerdings als frei erfunden zurückweist.
Auch die Betäubung der Ferkel mittels Gas vor der Kastration ist aus Sicht der meisten Landwirte vor allem ein Kostentreiber mit ­gesundheitlichen Risiken für die Anwender und nicht praxistauglich. Praxistauglichkeit kann das Verfahren der Mast unkastrierter Eber durchaus für sich in Anspruch nehmen. Stefan Wille-Niebuhr, Schweinehalter aus Plate, berichtete auf dem Schweinetag über Erfahrungen. Sein Zwischenfazit: „Es funktioniert. Aber es gibt eine Menge Nachteile.“


Dazu zählt, so Wille-Niebuhr, dass die Tiere untereinander aggressiver seien, es mehr Verletzungen vor allem durch Aufreiten und Penisbeißen gebe. Zudem sei es schwierig, auszuschließen, dass Fleisch mit dem typischen Ebergeruch in den Handel komme. Der Landwirt hat sich für das Verfahren eher notgedrungen entschieden, um beim Stopp der betäubungslosen Kastration 2019 nicht ohne wirtschaftliche Perspektive dazustehen. Seine erste Wahl ist die Ebermast nicht, die aufgrund der begrenzten Absatzmöglichkeiten ohnehin nur für maximal jeden dritten, eventuell auch nur für jeden siebten Produzenten eine Chance bietet. Wie die meisten seiner Berufskollegen streitet Wille-Niebuhr, der auch Vorsitzender des Fachausschusses Vieh und Fleisch beim Bauernverband MV ist, für den „vierten Weg“:  Die lokale Betäubung der Ferkel gegen Schmerzen vor der Kastration durch den Landwirt selbst.


Dann folgt wohl die Erkenntnis des Schweinetages 2017: Mit dieser Forderung stehen die Landwirte nicht allein. Immer mehr Marktpartner sehen in diesem Verfahren offenbar den gangbarsten Weg. Dr. Heinz Schweer, bei der Vion Food Group zuständig für den Kontakt zu den Landwirten, stellte klar, dass sein Unternehmen „den vierten Weg“ favorisiert. Auch der Lebensmitteleinzelhändler Kaufland hält diese Variante für den praktikabelsten Weg. „Wir drängen darauf, dass zügig Entscheidungen fallen“, versicherte Stefan Gallmeier, Chef des Zentraleinkaufs bei der Kaufland Fleischwaren SB in Güstrow. „Nach welchem System wollen Sie sonst im August nächsten Jahres Schweine aufstallen?“ fragte Gallmeier in die Runde.


Diese Zuversicht in den „vierten Weg“ teilte Landestierarzt Dr. Dirk Freitag in Güstrow nicht. Der Hauptgrund: Bisher ist kein Medikament für die sichere Schmerzausschaltung vor der Kastration von Ferkeln zugelassen. Zudem sind bisher nur Tierärzte und nicht Landwirte zu lokaler Betäubung bei Ferkeln berechtigt. „Selbst wenn die Tierhalter es können, ein entsprechendes Tierarzneimittel muss zugelassen sein“, gab Freitag zu bedenken. Zudem gebe es in der Fachliteratur unterschiedliche Beurteilungen zur schmerzstillenden Wirkung der beiden für diesen Zweck ins Auge gefassten Präparate. „Es stehen drei Alternativen zur Verfügung. Aus unserer Sicht scheidet ein vierter Weg wegen der rechtlichen Rahmenbedingungen aus“, so der Tierarzt. Auch aus tierethischer Sicht könne die Lösung nur ein vollständiger Verzicht auf die chirurgische Kastration von unter acht Tage alten männlichen Ferkeln sein.
Marktpartner und Landesregierung haben in Güstrow Position bezogen. Eine Entscheidung auf Bundesebene zur Ferkelerzeugung ab 2019 ist offenbar nicht in Sicht. Mehrere Landwirte äußerten auf der Veranstaltung Zweifel, ob Schweinehaltung  in Deutschland noch erwünscht sei.

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