Ringelschwänze müssen dran bleiben

02.11.2015

© Gerd Rinas

Alle Versuche zeigen: Wer Schweine ohne kupierte Schwänze halten will, muss einen höheren Aufwand treiben. Der ist in den derzeit noch nicht einmal kostendeckenden Erzeugerpreisen nicht berücksichtigt.

Die Maslowsche Bedürfnispyramide zeigt in ihrem Sockel die Grundbedürfnisse des Menschen: Essen, Trinken und Schlafen, Sicherheit sowie soziale Akzeptanz. In der Spitze der Pyramide steht die Selbstverwirklichung des Einzelnen. Hier siedelt Prof. Robert Hoste von der Universität Wageningen das Bedürfnis der Europäer nach mehr Tierwohl an und gibt zu bedenken: „Solange in Europa kein Krieg ausbricht und der Wohlstand so hoch bleibt, wie er jetzt ist, wird das Thema Tierwohl in unserer Gesellschaft eine Rolle spielen“. Damit bestätigte er Dr. Dorothea Löse von der  Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV (LFA) in der Themenwahl für den „Schweinetag 2015“ am Mittwoch voriger Woche in Güstrow: durch alle Vorträge und Diskussionen zog sich das Thema Tierwohl.


Für Landestierärztin Dr. Maria Dayen ist der Begriff „Tierschutz“ stärker als „Tierwohl“. „Es geht darum, das Tier zu schützen, um die Verantwortung für das Mitgeschöpf Tier, wie es in unserem Tierschutzkonzept heißt“, sagte Dayen. Dabei stehe der Schutz des Einzeltieres im Vordergrund. Sie plädierte für eine engere Zusammenarbeit von Aufzucht und Mast. „Ich habe schon oft gehört, dass Mäster Schweine ohne kupierte Schwänze nicht abnehmen. Das geht nicht, da muss Hand in Hand gearbeitet werden, und die Schwachstellen im eigenen Betrieb müssen aufgedeckt werden.“ Moderator Dr. Jörg Brüggemann nutzte die Gelegenheit, um Dayen zu verabschieden. Sie geht ab Dezember in Ruhestand. Nachfolger wird ihr Kollege Dr. Dirk Freitag.


Prof. Thomas Blaha von der Tierärztlichen Hochschule Hannover bestätigte Dayens Aufruf. Aus verschiedenen Untersuchungen ist laut seiner Aussage hervorgegangen, dass 80 % des Schwanzbeißens bereits in der Aufzucht stattfindet. Kann dies in den Zuchtbetrieben verhindert werden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Problem auch in den Mastställen vorkommt, geringer. Nichtsdestotrotz sind die Gründe für das Ringelschwanzbeißen multifaktoriell und sehr individuell. „Jede Suboptimalität führt bei den Tieren zu Frust, und dieser äußert sich dann unter anderem im Schwänzebeißen“, sagte Blaha. Der Landwirt müsse wieder lernen, seine Schweine „zu lesen“ und früh zu erkennen, welche Signale am Tier auf baldiges Fehlverhalten hindeuten könnten. Dazu wird mehr Zeit pro Tier benötigt. Blaha ist wie Hoste der Meinung, dass es keine Alternative dazu gibt, den Schwanz der Tiere nicht zu kupieren. Die Landwirte müssten vorangehen und aus eigenem Antrieb Versuche starten, um dann der Gesellschaft und der Politik gegenüber deutlich zu machen: So geht es, und so geht es nicht. Die wohlhabenden Bürger in Europa würden die Forderungen nach mehr Tierwohl nicht aufgeben, so Blaha.


Landwirt Michael Kühling reagierte auf die Forderung nach mehr Tierwohl: „Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern hervorragende Leistungen in der Schweinezucht und -mast. Das wäre ohne gesunde und gute Bestände gar nicht möglich!“ Er ist der Meinung, dass die Probleme nicht im Stall anzusiedeln sind, sondern außerhalb. Die gesellschaftliche Akzeptanz für die moderne Landwirtschaft sinkt, weil die Landwirte verpasst haben, den direkten Bezug zum Verbraucher zu erhalten und nicht, weil es den Tieren schlechter geht als früher. Kühling rief seine Berufskollegen dazu auf, aktiv zu werden: in der Kommunalpolitik, Kindergärten und Schulklassen (mit Lehrern!) einzuladen und als Tierhalter sichtbar zu sein. Der Landwirt räumte ein, dass es Verbesserungsbedarf in der Schweinehaltung gibt. Er zeigte aber auch durch eigene Betriebszahlen, dass, nachdem sich der Landwirt durch einen Dschungel an Verordnungen und Vorschriften gearbeitet hat, bei aktuellen Preisen und Bedingungen am Ende des Jahres finanziell nicht allzu viel übrig bleibt, um beispielsweise mehr Personal einzustellen oder von Kasten- auf Gruppenhaltung im Deckbereich umzustellen. „Ganz konkret: Wie sollen wir Landwirte am Ende mehr Tierwohl bezahlen?“, fragte Kühling und ließ damit ein Fragezeichen im Raum stehen.

 

Der Schweinetag wurde veranstaltet von der LMS Agrarberatung GmbH, SKBR MV e. V., der LFA und dem Hybridschweinezuchtverband Nord/Ost e. V.

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