Protestdemo in Teterow gegen Ramschpreise

09.09.2015

© Gerd Rinas

Kuh am Galgen, Plakate mit bösen Sprüchen an Traktoren – vor allem Milchvieh- und Schweinehalter machten in Teterow unter dem Motto „Uns steht das Wasser bis zum Hals!“ auf ihre Lage aufmerksam. Im Visier der Bauern: Die Politik und die Discounter, die mit immer neuen Niedrigpreisen bei Milch und Fleisch Kunden locken. „Ohne höhere Einnahmen droht die bäuerliche Tierhaltung kaputtzugehen“, so der Tenor bei den Landwirten.

Freitag voriger Woche, 10 Uhr, im Teterower Gewerbegebiet „Am Kellerholz“. Ohrenbetäubender Motorenlärm erfüllt die Luft. Langsam setzen sich einhundert Traktoren und Pick-ups in Richtung Stadtring in Bewegung. Der Bauernverband Güstrow hat zu einer Protestdemonstration gegen die Ramschpreise bei Milch, Fleisch und Eiern aufgerufen. 200 Landwirte sind nach Teterow gekommen. Plakate an ihren Fahrzeugen machen auf die Misere aufmerksam: „Schleuderpreise zerstören unsere Landwirtschaft“ und „Verbraucherpreise minimal, Erzeugerpreise ein Skandal“ steht auf den Schildern.


Als die ersten Trecker den Aldimarkt in der Pogge-Straße erreichen, stoppt der Konvoi. Passanten drehen sich erstaunt um, Leute, die gerade ihre Einkäufe erledigen wollen, bleiben stehen. Bauernpräsident Rainer Tietböhl und der Güstrower ­Verbandschef Matthias Hantel sprechen zu den Verbrauchern.   „Die Einnahmen der Bauern bei Fleisch, Milch und Eiern decken schon seit Monaten die Kosten nicht mehr. Wir fordern faire Preise.“ Auch vor dem Lidlmarkt macht der Konvoi halt.


„Mit den Schleuderpreisen muss Schluss sein. Sie bringen uns um unsere Existenz“, bangt Jörg Dobbertin, Vorstandsvorsitzender der Acker & Rind „Mecklenburger Schweiz“ eG in Langhagen. „Wir haben im vorigen Jahr 1,2 Mio. Euro in einen Abkalbestall und die Kälberhaltung investiert. Jetzt machen wir jeden Tag einen Tausender Verlust. Bei uns hängen sechs Familien an der Milchproduktion“, sagt Dobbertin beim Halt vor dem Discounter.


„Mäster binden jedem Schwein, das sie verkaufen, 20 Euro an den Schwanz. Die Preise sind ruinös“, beschreibt Landwirt Torsten Roder die Lage. Fünf Berufskollegen hätten ihm in den letzten Tagen mitgeteilt, dass sie die Schweineproduktion einstellen werden. „Die Situation ist elendig“.


In der DDR haben sich die Bauern in Schwetzin bei Teterow gegen den Eintritt in die LPG zur Wehr gesetzt. Bis zuletzt haben sie ihr Vieh privat bewirtschaftet. Jetzt geben drei Familienbetriebe die Milchproduktion auf. „Sie kommen mit den
Erlösen nicht mehr klar“, berichtet Siegfried Martinmaas, der in Schwetzin Bullen und Färsen im Nebenerwerb mästet. „Von den Schleuderpreisen sind die
Nebenerwerbslandwirte genauso betroffen“, so der Landwirt, bevor die Fahrzeuge sich wieder in Bewegung setzen.


An der Gabel eines Stall­traktors weit vorn im Konvoi baumelt eine Plastikkuh an einem Strick. Den Traktor lenkt Dirk Seemann, Landmaschinenhändler aus Groß Roge. „Wenn die Landwirte kein Geld verdienen, schlägt das auf meine Branche durch. Dann wird es auch für unsere Firma eng. Deshalb sind wir hier.“ Nach zwei Runden um den Stadtring nähern sich die Traktoren dem Teterower Schlachthof. Dort nimmt Bauernpräsident Tietböhl noch einmal das Wort. „Allein durch die Sanktionen gegen Russland büßen wir bei jedem Liter Milch vier Cent und bei jedem abgelieferten Schwein acht Euro ein. Die Politik muss den Verlust ausgleichen“, so Tietböhl, bevor er an Agrarminister Till Backhaus einen Forderungskatalog übergibt. Der Minister soll sich bei Bund und EU für ein Ende der Rabattschlacht bei Milch- und Fleischprodukten, für faire Preise und den Abbau bürokratischer Auflagen stark machen.


Er könne die Wut der Bauern gut verstehen, entgegnet der Minister. „Es ist ein Unding, dass Aldi, Lidl und Co. 30 Prozent Gewinn aus den Lebensmittelrohstoffen ziehen, die Bauern aber noch nicht ei­nmal fünf Prozent. Die Monopolisierung des Lebensmitteleinzelhandels muss auf den Prüfstand.“ Ohne kostendeckende Preise sei der Rückgang der Veredlung programmiert. „Wir wollen aber keine Landwirtschaft, in der es nur noch Ackerbau gibt.“ Backhaus sagt zu, die Direktzahlungen auf Anfang Dezember vorzuziehen. Er will sich dafür einsetzen, dass die Einnahmen aus der Superabgabe – in Deutschland 300 Mio. € – als Ausgleich für das Preisdumping in die Veredlungswirtschaft zurückfließen.

 

Fotos: Gerd Rinas

 

 

 

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