Nur noch 30 Brutpaare

12.04.2017

© Volker Günther

Den Feldstecher im Anschlag, die Augen zusammengekniffen – so scannt Volker Günther (Foto) an diesem frühen Abend ein Getreidefeld bei Parchim ab. Seinem scharfen Blick entgeht selten etwas: Schließlich ist er ein geübter Artenschützer. Jetzt nach Ostern durchkämmt er im Auftrag der Deutschen Wildtier Stiftung Felder in Mecklenburg-Vorpommern. Er sucht nach Wiesenweihen und ihren Brutrevieren. Sein Ziel: Die Nester der seltenen Greifvögel zu finden, bevor die Getreideernte beginnt! Denn zu diesem Zeitpunkt sind die Jungvögel noch nicht aus dem Bodennest ausgeflogen. Ihnen droht der Tod, wenn gemäht wird.


„Gerade die Wiesenweihe als Bodenbrüter ist im freien Feld nur schwer auszumachen. Oft stehe ich Stunden an einem Ort und beobachte die Landschaft. Manchmal ist das echte Detektivarbeit“, sagt der hauptberufliche Diplom-Forstingenieur. Denn geht eine Wiesenweihe irgendwo runter, heißt das nicht automatisch, dass sie dort ihr Nest hat. Da muss Günther erst mal hin – und ganz genau nachschauen.


Früher brütete der grazile Greifvogel in Feuchtwiesen, doch nun ist er sehr oft in Getreidefelder umgezogen. Ihm blieb nichts anderes übrig, denn seinen ursprünglichen Lebensraum gibt es kaum noch. Auch Brachen, die dem geschützten Vogel früher als Deckung dienten, sind heute fast überall verschwunden. Für die Wiesenweihe, die sich von Heuschrecken und Wühlmäusen ernährt, ist es heute nahezu unmöglich geworden, sichere Nistplätze zu finden und im nahen Umfeld ihre Beute zu jagen. Bald, das heißt im Mai, beginnt ihre Brutzeit – und damit die entscheidende Phase für wirkungsvolle Schutzmaßnahmen.


„Ihren Nistplatz wählt das Wiesenweihen-Weibchen innerhalb eines Brutreviers aus, das vom Männchen ab April besetzt wird“, erklärt Vogelkenner Günther. Das Gelege aus vier bis sechs Eiern wird dann etwa einen Monat lang vom Weibchen bebrütet. Nach dem Schlüpfen dauert es einen weiteren Monat, bis die Küken gut fliegen können. Auch in dieser Zeit betreut das Weibchen ununterbrochen das Nest. Über 60 Tage lang bleibt das Weibchen so am Boden beim Nachwuchs. Was es nicht ahnt: Sobald die Eier im Nest liegen oder die Jungvögel geschlüpft sind, rollen die schweren Maschinen an. Experte Volker Günther erklärt das Dilemma: „Wenn der Mähdrescher kommt, haben weder die Wiesenweihe-Jungen noch der Bauer eine Chance zum Handeln. Die Küken nicht, weil sie nicht ausweichen können, der Landwirt nicht, weil er das Nest nicht rechtzeitig entdecken kann.“ Wiesenweihen-Nester, nur rund 40 cm groß, liegen perfekt getarnt zwischen den Getreidehalmen. „Selbst wenn man direkt davor steht, kann man das Nest leicht  übersehen.“


Hier setzen die Schutzmaßnahmen der Deutschen Wildtier Stiftung an. Die Strategie: bodenständig, relativ kostengünstig und einfach. Schutzzäune, die es in jedem Baumarkt zu kaufen gibt, werden einfach sofort nach dem Sichten eines Nestes rund um den Brutplatz aufgestellt. Dann sind die Vögel vor dem unbeabsichtigten Tod durch Mensch und Erntemaschine gerettet. „Der Schutzzaun signalisiert dem Landwirt: Stopp, hier ist das Gelege! So können die Eier sicher ausgebrütet werden. Haben die Küken das Nest verlassen, wird der Zaun wieder abgebaut, und der Landwirt erntet die Restfläche ab“, sagt Volker Günther. Seinen Mehraufwand kann der Landwirt vom Land erstattet bekommen – Volker Günther berät hierzu gern. Die Erfahrung hat gezeigt: Ziehen Vogelschützer und Landwirte über den Sommer hinweg an einem Strang, ist das Wiesenweihen-Schutzprojekt ein toller Erfolg. Volker Günther: „Durch das Projekt konnten wir in Mecklenburg-Vorpommern bereits viele Jungvögel vor dem Tod bewahren. Das Einzige, was fehlt, sind noch mehr ehrenamtliche Unterstützer, denen die Wiesenweihe so am Herzen liegt, dass sie gerne etwas Zeit opfern, um mitzuhelfen.“

 

 

 

So erkennen Sie den grazilen Vielflieger:
Im Flug ist die Wiesenweihe sehr beweglich und lebhaft und durch die typische v-förmige Flughaltung gut zu erkennen. Auffällig ist auch, dass sie ihre Beutetiere im niedrigen Suchflug über Äcker oder Wiesen jagt. Prägnant sind die schwarzen Flügelspitzen. Im April und Mai balzen Wiesenweihen mit spektakulären Flugmanövern.

 

Wiesenweihen gesucht! Die Deutsche Wildtier Stiftung bittet um Ihre Mithilfe. Haben Sie Beobachtungen gemacht, die auf eine Wiesenweihe hinweisen? Melden Sie sich unter Wiesenweihe@DeWiSt.de. Mehr Informationen unter www.DeutscheWildtierStiftung.de/Wiesenweihe.

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