Notunterkünfte für Flüchtlinge

30.10.2015

© Gerd Rinas

„Willkommen!“ In drei Sprachen und mit dem Glücksemblem der MeLa wird den Flüchtlingen am Eingang der Notunterkunft ein freundlicher Empfang bereitet.

Der Himmel ist an diesem Tag tiefgrau, und es nieselt ohne Unterlass. Achmed, 25 Jahre alt, stört das nicht. Ich treffe den Biotic-Ingenieur aus dem syrischen Aleppo vor einem Markt in Mühlengeez bei Güstrow. Mit seinen Freunden Malek und Annas, beide 22 Jahre alt, hat er einige Lebensmittel eingekauft. Die drei Syrer sind vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen. „Wir sind sehr froh, hier zu sein“, sagt Achmed auf Englisch und lächelt. Seine beiden Kollegen stimmen ihm zu und nicken heftig mit dem Kopf.

 

Gefährliche Überfahrt


Mitte September, zu der Zeit, als die Agrarschau MeLa in Mühlengeez ihre Tore öffnete, waren die drei jungen Männer schon auf dem Weg nach Deutschland. Achmed hatte nach seinem Studium Arbeit in der Agrarverwaltung in Aleppo gefunden. „Es war eine feste Anstellung, ich bekam aber nur wenig Geld. Es gab nichts zu tun, es war Krieg. Immer wieder fielen Bomben, ganze Stadtviertel wurden zerstört. Es war furchtbar, wir sahen keine Zukunft mehr.“ Er musste damit rechnen, demnächst entweder von der syrischen Armee oder vom IS  oder einer Rebellenmiliz rekrutiert zu werden. Achmed beriet sich mit seiner Frau, Vater, Mutter und Bruder. Schließlich wurde entschieden, dass er sich auf den Weg nach Deutschland machen sollte.


Malek, Student der Agrarwissenschaft, und Chemiestudent Annas erlebten den Bürgerkrieg an der Universität von Damaskus. Als der Krieg in die Vorstädte vordrang und sich die Anschläge auf dem Campus häuften, entschlossen sich die beiden ebenfalls zur Flucht. Über den Libanon kamen sie in die Türkei, ans Mittelmeer nach Izmir. „Dort stiegen wir mit 45 Personen in ein Schlauchboot. Es war sehr gefährlich“, erinnert sich Achmed. Nach weniger als zwei Stunden Überfahrt landeten sie unversehrt an einer griechischen Insel. Über Mazedonien, Serbien, Kroatien und Ungarn gelangten sie ins österreichische Salzburg. Von dort brachte sie ein Zug über Berlin und Schwerin ins Erstaufnahmelager Horst bei Boizenburg. Weil die Kapazitäten dort erschöpft sind, wurden ihnen die MeLa-Zelte in Mühlengeez als Notunterkunft zugewiesen.


 „Wir werden mit Respekt und höflich behandelt“, sagt Achmed, verschweigt aber nicht, dass er sich freuen würde, wenn Regierungsvertreter nach Mühlengeez kämen, damit die Asylverfahren schneller vorangingen.


Die große Zahl von Flüchtlingen und die Tatsache, dass jeden Tag Tausende hinzukommen, sind für Behörden, Hilfsorganisationen und ehrenamtliche Helfer auch in Mühlengeez eine riesige Herausforderung. In den beheizbaren MeLa-Zelten sollen bis zu 1 500 Flüchtlinge unterkommen. „Noch ist die Unterkunft nicht voll belegt“, berichtet Manuela Hamann, Leiterin Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Roten Kreuz, Kreisverband Güstrow. Der Verband betreut das Quartier in Mühlen­geez und hat dazu einen Vertrag mit dem Innenministerium abgeschlossen. Allein 21 DRK-Mitarbeiter sorgen für die Verpflegung der Flüchtlinge, 87 Stellen sind für die soziale Betreuung vorgesehen. „Jeden Tag werden neue Mitarbeiter eingestellt“, berichtet Hamann. Besonders groß ist der Bedarf an Dolmetschern. Da im nahegelegenen Güstrow kaum zehn arabische Muttersprachler zu Hause sind und eine Anstellung suchen, kommen nach Prüfung durch Ausländerbehörde und Arbeitsvermittlung auch Asylbewerber zum Einsatz. Nach Angaben der DRK-Sprecherin sind in Mühlengeez neben Syrern Flüchtlinge aus Eritrea, Iran, Irak und Afghanistan untergebracht.

 

Viele Menschen helfen


Bei deren Betreuung sind ehrenamtliche Helfer unentbehrlich. „300 von ihnen haben sich gemeldet, 132 sind fest im Einsatz, darunter viele DRK-Mitglieder“, berichtet Hamann. Lehrer vom Güstrower Schulzentrum an der Ahornpromenade bieten für die Flüchtlinge Deutschunterricht, Sport und kreatives Gestalten an, auch Dozenten der Fachhochschule für Verwaltung und Öffentliches Recht unterrichten drei Mal in der Woche Deutsch.  Hortkinder von der Fachhochschule und Flüchtlingskinder verbringen gemeinsam Ferientage. Die Pfarrgemeinde Tarnow lädt zu Kaffee und Kuchen ein, und das Tarnower Mandolinenorchester tritt vor Flüchtlingen auf. Nach der Todesangst und den Strapazen der Flucht tut denen die Anteilnahme gut. Doch es gibt auch andere Reaktionen.  Am Abend des Tages, an dem ich Achmed, Malek und Annas treffe, demonstriert etwa ein Dutzend Leute in Mühlen­geez gegen flüchtlingsfreund­liche Asylpolitik. Ihnen stellen sich laut Polizeiangaben 30 Personen entgegen.


„Wenn der Krieg vorbei ist, kehren wir gern wieder nach Hause zurück. Bis dahin wollen wir eine Chance, uns hier in die Gesellschaft zu integrieren. Wir wollen kein Geld fürs Nichtstun“, versichert Achmed. „Es wäre schön, wenn es bald mit dem Deutschkurs klappen und wir eine Arbeit finden würden oder das Studium fortsetzen könnten.“ Wieder stimmen Malek und Annas zu. Die drei wissen, dass es nicht einfach werden wird. Aber sie haben Hoffnung.      

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