Neue Risikobewertung zur Geflügelpest

23.03.2017

© Heike Mildner

Nach vielem Hin und Her und einer Einigung nach der Krisensitzung des Landwirtschaftsministers mit Vertretern der Landkreise am Donnerstag vergangener Woche in Schwerin darf Geflügel privater Halter in MV fast überall wieder ins Freie. Agrarminister Till Backhaus sprach von einem „tragfähigen und fachlich fundierten Konsens“.


„Richtig freuen kann ich mich über die Entscheidung nicht“, sagt Wolfgang Grimme, Chef auf Gut Wardow im Landkreis Rostock, und deutet auf seine Zweinutzungshühner der Rasse Les Bleus, die sichtbar zerrupft nur zögerlich ins Freie treten. „Bei Freilandhaltung sind die Tiere zu Höchstleistungen fähig. Doch nach gut vier Monaten staatlich verordneter Stallpflicht sind sowohl die Legeleistung als auch die Fleischqualität im Keller. Diese Tiere werden sich nie wieder erholen“, deutet Wolfgang Grimme auf fast federlose und erkennbar verstörte Tiere in seinen Herden. Viele sind angesichts der monatelangen Stallpflicht zwischenzeitlich bereits verendet.  Die finanziellen Verluste durch die Aufstallpflicht vermag der Biolandwirt nicht zu beziffern. „Wir bleiben ja ohnehin auf den Verlusten sitzen, Ausgleichszahlungen? – Fehlanzeige!“, so Grimme.

 

40 Mio. € Schaden


Der Geflügelwirtschaftsverband beziffert den bundesweit entstandenen Schaden im Zuge der Vogelgrippe auf über 40 Mio. €. „Für viele Halter ist die Situation existenzbedrohend“, so Verbandspräsident  Friedrich-Otto Ripke. Mehr als eine Million Hühner, Puten, Gänse und Enten wurden im Zuge des seit November grassierenden Virus H5N8 getötet. Das Gros davon vorsorglich in großen, hermetisch abgeschlossenen Stallanlagen, in denen einzelne Tiere trotz Seuchenschutzes vom Virus befallen worden waren. Über die Ursachen des Befalls gibt es unterschiedliche Meinungen. Detaillierte Erkenntnisse stehen noch aus.


Nach zuletzt scharfer Kritik sowohl von Landwirtschaftsbetrieben als auch von Rassegeflügelhaltern an der vom Schweriner Landwirtschaftsministerium verfügten Aufstallpflicht haben sich Ministerium und die Veterinärämter der Landkreise am 16. März, nach zahlreichen Ungereimtheiten unmittelbar zuvor, auf einen Erlassentwurf über die risikobasierte Aufstallpflicht geeinigt. Damit ist die Auslaufhaltung des Geflügels ab sofort in weiten Landesteilen wieder möglich. Jedoch zumeist nicht ohne Genehmigung. Die getroffene Regelung sieht vielmehr vor, dass für gewerbliche Geflügelhalter das Aufstallgebot weiter besteht. Erst nach schriftlichem Antrag wird durch die Veterinärämter im Einzelfall darüber entschieden, ob dem Antrag stattgegeben wird oder nicht. Halter in Risikogebieten rund um große Wasserläufe und Seen sowie an der Küste müssen ihr Geflügel nach wie vor grundsätzlich im Stall lassen. Gleiches gilt für zoologische Einrichtungen.

 

Matthias Haase, Chef im Vogelpark Marlow, kann diese Entscheidung nicht nachvollziehen. „Wir schreiben Seuchenschutz grundsätzlich besonders groß, arbeiten permanent mit Tierärzten zusammen. Krankheitsfälle werden sofort festgestellt und dann reagieren wir auch entsprechend. Geflügelhalter rund um uns herum dürfen ihre Tiere längst wieder im Freien halten. Warum wir weiterhin der Aufstallpflicht unterliegen ist mir ein Rätsel. Antwort auf unsere Fragen bekommen wir nicht“, kritisiert Haase. Gleichwohl ist das Gros der 1.300 Tiere von nahezu allen Kontinenten im größten Vogelpark Ostdeutschlands zu sehen. Betroffen von der Stallpflicht sind allein einige Enten und Gänse.


Ähnlich ergeht es auch dem Haustierpark in Lelkendorf. Dort, vor den Toren Teterows, hält Jürgen Güntherschulze ausschließlich Tiere, die weltweit akut vom Aussterben bedroht sind. „Inzwischen ist die Brutzeit angelaufen. Doch solange die Tiere im Stall bleiben müssen, tut sich diesbezüglich gar nichts. Dürfen die nicht endlich wieder raus, kann ich für den Fortbestand der Rassen nicht mehr garantieren“, sagt der erfahrene Zoologe.


Unterdessen warten nach wie vor Hunderte Halter auf eine schriftliche Zusage aus den Ämtern mit Hinweis darauf, ihre Tiere tatsächlich wieder ins Freie lassen zu dürfen.

 

Warten auf Bescheid


„Bevor ich das Schreiben nicht in der Hand habe, will ich nichts
riskieren. Zumal Landwirtschaftsminister Backhaus ja wiederholt erklärt hat, rigoros bei Verstößen gegen das von ihm verhängte  Aufstallgebot zu reagieren. Wenn damit auch Bußgelder oder Ähn­liches gemeint sein sollten, woher soll ich das Geld nehmen, nachdem ich bereits Tausende Euro durch den Aufstallerlass verloren habe“, argumentiert Legehennenhalter Hubertus Heinemann vom Hofgut Rosengarten im Landkreis Rostock. Andere Bundesländer hätten längst andere Entscheidungen zugunsten der Geflügelhalter getroffen, fügt er hinzu.


Wie schnell die Behörden die eingegangene Antragsflut auf Aufhebung der Stallpflicht in gewerblichen Geflügelhaltungen in MV bewältigen, dazu gibt es noch keine Aussagen.

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