Neue Chance für die Rübe

19.11.2013

Rübenschnitzler-Maschine

Die Rübe als Energieträger

Vorführung auf dem Betriebshof: Das Schnitzeln der Rüben bereitet keine Probleme.

Patrick Mahr hat alles im Blick. Rund um den Maschinenführer des Landtechnischen Lohnunternehmens Alexander Marquardt rattern gleich mehrere Geräte um die Wette. Ein Radlader schaufelt permanent Rüben in den Vorratsbehälter. Von dort geht es über Transportbänder in einen Bunker, in dem Steine heraussortiert werden. Die Rüben landen in einer großen Waschtrommel. Im nächsten Arbeitsschritt werden sie zu Mus zerkleinert, um letztlich über ein Förderband in ein ausgehobenes Erdlager, die Lagune, zu gelangen. „Die Doppstadt-Verarbeitungskette ist ein in sich geschlossenes System. Alle Maschinen sind entsprechend aneinandergereiht. Das läuft wie am Schnürchen. Wir hatten noch nie Probleme“, zeigt sich Klaus Parr begeistert.

 

Verarbeitungskette weiterentwickelt

Nachdem zu Beginn des Biogastages Experten in Vorträgen über neueste Entwicklungstendenzen informiert hatten, lud der Betriebsleiter des Gutes Dummerstorf anschließend die aus allen Landesteilen angereisten Landwirte zu Vorführungen auf den Betriebshof ein. Schon bei der Präsentation vor einem Jahr war Alexander Marquardt mit seiner Anlage dabei. Nun konnte er anschaulich über die Weiterentwicklung der Doppstadt-Verarbeitungskette berichten. Zuvor hatten sich die Teilnehmer bereits über das Leistungsvermögen einer Holaras Rübenschneid- und Bröckelschaufel informieren können. Die Rüben waren zuvor im sogenannten Zupfverfahren geerntet worden, sodass viele noch mit Blatt behaftet waren. Für die Energiegewinnung ist das kein Problem. In Dummerstorf werden jedoch gemuste Rüben bevorzugt.

 

Zehn Punkte für Rübenplus

Für Thomas Pitschmann, Geschäftsführer der Landgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern und des Gutes Dummerstorf, bietet die Zuckerrübe zahlreiche Vorteile bei der Biogasgewinnung gegenüber anderen Früchten. Mit der Erfahrung von inzwischen zwei Jahren führte Pitschmann dafür zehn Punkte an. So gibt es hierzulande keine andere Frucht, die über ein besseres Gasbildungsvermögen verfügt. Zuckerrüben reagieren schneller als Mais. Zugleich mindert deren Einsatz die Substratkosten. Auf Getreide wird in Dummerstorf inzwischen völlig verzichtet. Das bedeutet eine Ersparnis, orientiert an den schwankenden Weltmarktpreisen, von aktuell um die 20 Euro pro Tonne Substrat. Auf dem Gut wird die Biogasanlage neben Rüben zuallererst auch mit Stallmist „gefüttert“, der zuvor mit derselben Zerkleinerungsmaschine gehäckselt wird, die auch bei der Zuckerrübenschnitzelproduktion zum Einsatz kommt. Auch das spart Kosten und erhöht zugleich die Wirkung in der Anlage. So konnten die „Futterkosten“ innerhalb nur eines Jahres von 560 auf knapp 500 Euro gesenkt werden.

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es nach Angaben von Horst Ludley etwa 400 Biogasanlagen. Ständig kommen neue hinzu. Der Sprecher des Fachverbandes Biogas in Mecklenburg-Vorpommern bietet regelmäßig Schulungen an, mit dem Ziel, die Anlagen professionell zu betreiben. Dabei stehen neben der Gasbiologie vor allem Sicherheitsfragen im Mittelpunkt.

Auch für Horst Ludley ist die Rübe, neben nutzbaren Rückständen aus der landwirtschaftlichen Produktion wie Gülle oder Stallmist, das Material zum Betreiben von Biogasanlagen schlechthin. Positiv hinzu kommt noch, dass die Zuckerrübe als Hackfrucht in der Fruchtfolge unersetzlich ist. Nach dem Abriss der Zuckerfabrik in Güstrow vor ein paar Jahren hatten jedoch nicht wenige Landwirte den Anbau eingestellt. „Mit dem Bau immer neuer Biogasanlagen bietet sich eine sinnvolle Alternative, zur Zuckerrübe zurückzukehren“, warb Horst Ludley.

Gleichwohl verwies der Fachverbandssprecher auf die ungeklärte Situation hinsichtlich der Fortschreibung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Eine Novellierung steht für das kommende Jahr an. Mit welcher Ausrichtung, ist nach wie vor offen.

 

Lagune mit 3 000 t Mus in zwei Tagen voll

Für Betriebsleiter Parr steht unterdessen außer Frage, am Rübenanbau festzuhalten. Innerhalb von zwei Tagen war die Lagune des Gutes mit 3 000 t Mus randvoll. Material, das ausreicht, die Biogasanlage ein ganzes Jahr lang zu betreiben. Auch für die Rinderfutteraufbereitung fällt noch der benötigte Anteil ab. In diesem Jahr standen im Gut auf rund 55 ha Zuckerrüben. Mehr als die Hälfte des Ertrages floss jetzt in die Lagune. Weil das Material binnen weniger Stunden siliert, liegt der pHWert anschließend bei lediglich 3 bis 3,4. Das wiederum garantiert eine lange Haltbarkeit ohne nennenswerte Qualitätsabstriche. Mit rund 700 dt/ha fällt die Zuckerrübenernte in Dummerstorf – trotz Sommertrockenheit – gut aus. Aus den jetzt noch zu erntenden Rüben wird Zucker gewonnen.

 

Gas und Zucker – beides, aber ausgewogen

Tank oder Teller? Diese zuletzt sehr intensiv diskutierte Frage stellt sich für Thomas Pitschmann nicht. „Wir brauchen Energie. Der Ausstieg aus der Atomenergie ist beschlossene Sache. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als verstärkt auf nachwachsende Rohstoffe zu setzen. Und wenn für Biogasanlagen sich zuallererst die Zuckerrübe eignet, dann sollten wir sie auch nutzen. Aber stets im ausgewogenen Verhältnis mit der Zuckergewinnung“, gibt der Geschäftsführer die Marschrichtung vor. Die in Dummerstorf gewonnene Energie wird ins Netz von E.ON edis eingespeist. Die anfallende Wärme geht ins benachbarte Leibniz-Institut für Nutztierbiologie. So schließt sich auch hier der Kreislauf.

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