Milchgipfel: Wie geht es weiter?

12.02.2015

© Gerd Rinas

Zukunftsorientierte Milchproduzenten haben sich auf die Zeit nach der Quote vorbereitet und in neue Ställe investiert. Sie hoffen nun auf steigenden Milchabsatz.

Wenige Wochen vor dem Auslaufen der Quotenregelung Ende März zeigen sich Milchbauern im Land von der Situation am Milchmarkt zunehmend beunruhigt. Wurden im Jahresmittel 2014 durchschnittlich über 37 Cent pro Kilogramm Milch erlöst, sanken die Auszahlungspreise zum Jahresende unter die 30 ct/kg-Schwelle.

Stark unter Druck

„Mit Preisen von 26–28 ct/kg Milch ist der Milchsektor so stark unter Druck wie schon seit Jahren nicht mehr“, bestätigte Agrarminister Dr. Till Backhaus am Montag auf einem „Milchgipfel“ im Schweriner Landwirtschaftsministerium. Vertreter von Molkereien, Verbänden, Milcherzeugern, Agrarberatung und der Landesforschungsanstalt diskutierten mit Minister Backhaus über die Lage und Perspektiven am Milchmarkt nach dem bevorstehenden Quotenaus.

Nach Einschätzung von Backhaus hat der Preisrückgang mehrere Ursachen. Einerseits ist das Milchangebot 2014 bundesweit um 3,8 % gestiegen. Den Ausschlag dafür hätten neben den vergleichsweise guten Auszahlungspreisen die überdurchschnittlichen Ernten und die sehr gute Grundfutterversorgung gegeben. Zugleich ist die Nachfrage nach Milchprodukten auf den internationalen Märkten zurückgegangen. Neben dem Importstopp Russlands nach den Sanktionen der EU im Zuge der Ukrainekrise wirkten sich der Rückgang chinesischer Importe aufgrund großer Vorräte aus. Außer dem  Preisverfall sorgt die wegen der Quotenüberlieferung drohende Superabgabe bei Milcherzeugern für schlechte Stimmung. Viele Landwirte hätten ihre Produktion deshalb bereits gedrosselt, so Backhaus. Etwas zuversichtlich stimme, dass die Preise für Butter und Milchpulver sich stabilisiert hätten und nicht weiter fielen. Ob die Prognose der EU von durchschnittlich 35 ct/kg Milch in den nächsten zehn Jahren eintreffen werde, bleibe aber abzuwarten. Er forderte die Landwirte auf, das betriebliche Management, insbesondere die Risikovorsorge, zu stärken und sich auf Marktschwankungen einzurichten.

Ungeachtet des aktuellen Preisverfalls biete das Quoten-ende neue Chancen, darunter die Möglichkeit einer „geregelten“ Zusammenarbeit in Erzeugerorganisationen. Es gehe darum, die Kräfte zu bündeln, mehr Kompetenz und Erfahrung auf Seiten der Erzeuger zu konzentrieren. „Hier muss der Weg hinführen“, unterstrich Backhaus.  Andererseits stünde die Politik in der Pflicht. EU-Kommission und Bundesregierung seien gefordert, damit der Übergang in die Zeit nach der Quote funktioniere. „Darüber werden wir auf der nächsten Agrarministerkonferenz reden müssen“, kündigte Backhaus an.

Moderate Anlieferung

Sönke Voss, Mitglied der DMK-Geschäftsführung, berichtete in Schwerin über die DMK-Vorbereitungen auf das Ende der Milchquote und die Ergebnisse einer Befragung der Milchproduzenten zu den künftigen Liefermengen. „Daraus geht hervor, dass die Milcherzeuger wachsen wollen. Unsere Aufgabe ist es, neue Märkte zu suchen. „Daran arbeiten wir“, versicherte Voss nach der Tagung gegenüber der BauernZeitung.

Er räumte ein, dass derzeit Druck im Markt sei. „Durch das Preistal müssen wir durch“, so Voss. Das ändere nichts an den mittel- und langfristig guten Perspektiven für die Milchproduktion im Nordosten. Die Sorge vor einem drastischen Anstieg der Milchanlieferung nach dem Quotenaus teilt der DMK-Geschäftsführer Landwirtschaft/Rohstoff nicht. „Nach bisherigen Erkenntnissen bleibt die Milchanlieferung im ersten Halbjahr moderat. Wir registrieren derzeit eine verhaltene, aus Mecklenburg-Vorpommern eine konstante Anlieferung“, so Voss. Mit schwankenden Marktpreisen sei auch künftig zu rechnen. Allerdings erwarte er, dass sich die Preise viel schneller einpegeln werden als bisher, weil die Milcherzeuger mittlerweile deutlich flexibler auf Marktschwankungen reagierten.

Regelmäßige Abfragen

Manfred Remus, Mitglied der Geschäftsführung von Arla Deutschland, ließ durchblicken, dass man schon länger gemeinsam mit den Milchproduzenten an einer „Milchmengensensibilisierung“ arbeite. „Künftig werden wir uns noch intensiver mit der Milchanlieferungsmenge auseinandersetzen“, betonte Remus. Regelmäßige Abfragen bei den Milcherzeugern sollen dazu beitragen, die Rohstoffplanung zu optimieren. „Mit dem Wegfall der Quote brauchen wir neue Instrumente für das Zusammenwirken mit den Milchproduzenten“, so Remus. Arla sehe für sich weiterhin die Verpflichtung, die von den Genossenschaftsmitgliedern produzierte Milch zu vermarkten.

Dem BDM-Landesvorsitzenden Christian Karp gingen die Aussagen der Molkereivertreter nicht weit genug. „Die Genossenschaftsmolkereien wollen offenbar so weitermachen wie bisher. Wenn ich höre, dass weiterhin alle Milch, die geliefert wird, vermarktet werden soll, ist das sehr ernüchternd. Wenn man diese Milch nicht zu einem ordentlichen Preis verkaufen kann, wäre es besser, sie gar nicht erst zu produzieren“, so Karp nach dem Treffen in Schwerin.

Bisher sei überhaupt nicht klar, über welche Mengen man nach dem Wegfall der Quote rede. „Die Molkerei muss ihren Lieferanten sagen, für welche Menge sie einen Markt hat – und zu welchem Preis. „Wir wollen Lieferverträge, die neben der Liefermenge auch den Preis enthalten, zu dem die Milch aufgekauft wird“, betonte der Landwirt aus Karp im Landkreis Ludwigslust-Parchim.

Notwendig sei mehr Transparenz bei der Vermarktung. „Immer wieder betonen die Molkereien die große Bedeutung des Exports für den Milchauszahlungspreis. Welche Rolle der Export bei den Vermarktungserlösen der Molkereien tatsächlich spielt, liegt aber weitgehend im Dunkeln.“ Alle Marktpartner, Molkereien und Lebensmittelhandel, sicherten sich ordentliche Margen. „Nur die Milcherzeuger haben auf ihren Vermarktungsgewinn praktisch keinen Einfluss. Das muss sich ändern“, argumentierte Karp.

Peter Guhl, Vorsitzender der MEG Milch Board, zeigte sich ebenfalls enttäuscht. „Ich hoffe, dass Genossenschaftsmolkereien für die Zeit nach dem Quotenausstieg einen Plan in der Tasche haben. Bisher ist davon nichts zu erkennen“, so der Milchbauer aus Teldau im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Das bisherige Modell mit der hundertprozentigen Andienungspflicht und der vollständigen Abnahmeverpflichtung für die Milch der Genossenschaftsmitglieder führe bei schwankender  Marktnachfrage unweigerlich zu sinkenden Preisen.

Auch ein Modell mit A- und B-Preisen für die Milch, ähnlich wie bei Zuckerrüben, sei nicht empfehlenswert, weil der geringere B-Preis den höheren Preis der A-Milch beeinflussen, „verwässern“ würde, gab Guhl zu bedenken. Die großen Erwartungen der Milcherzeuger, dass die fusionierten Genossenschaftsmolkereien ihre größere Marktmacht bei den Preisverhandlungen mit den Lebensmitteldiscountern nachhaltig  zum Ausdruck bringen, habe sich bisher nicht erfüllt.

Klaus Griepentrog, Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft „Qualitätsmilch“, Bützow, warnte davor, die Wettbewerbsfähigkeit der Milchviehbetriebe im Land bei anhaltender Talfahrt der Auszahlungspreise aufs Spiel zu setzen. „Viele Unternehmen haben sich mit hohen Investitionen in die Milchproduktion auf das Ende der Milchquote vorbereitet. Diese Betriebe, die Arbeitsplätze sichern, Innovationen in die Produktion einführen und das Tierwohl fördern, gilt es zu stärken. Sowohl vonseiten der Politik als auch der Vermarktungspartner“, betonte Griepentrog. Eine Debatte um Tierbestandsobergrenzen trage nicht dazu bei, die Attraktivität der Milchproduktion zu steigern.

Politik in der Pflicht

„Mit Milchauszahlungspreisen von 25 und 28 Cent pro Kilogramm kann kein Milchbauer Geld verdienen. Wie die Molkereien brauchen auch die Milchproduzenten Planungssicherheit. Milcherzeuger und Molkereien müssen sich intensiver als bisher abstimmen. Dafür brauchen wir ein praktikables Verfahren“, forderte Landesbauernpräsident Rainer Tietböhl. Die Politik sei in der Pflicht, Rahmenbedingungen für eine wettbewerbsfähige Milchproduktion zu sichern. „Für ein besseres Risikomanagement wäre eine Risikoausgleichsrücklage hilfreich. Diese Forderung liegt schon lange auf dem Tisch, bisher ohne Resonanz“, erinnerte Tietböhl

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