MeLa 2014: Debatte um das Tierwohl

18.09.2014

© Gerd Rinas

Im Gespräch: Landwirt Roland Streeb aus Wattmanshagen (vorn) erläutert Mitgliedern des Schwaaner Tierschutzvereins die Situation auf seinem Betrieb.

Anderthalb Stunden vor der Eröffnung der MeLa herrscht reger Betrieb vor dem Messegelände. Es ist ein freundlicher Morgen, die Sonne lacht. Auf einer Fläche an der Zufahrtstraße haben sich Mitglieder des Deutschen Tierschutzbundes, des Netzwerkes „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“, des BUND und anderer Organisationen sowie Vertreter von Bürgerinitiativen mit Transparenten und Plakaten versammelt.  „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ und „Kein Platz, kein Licht, Kein Leben. Stoppt Agrarfabriken“ ist darauf zu lesen.

Über eine Großleinwand flimmern Bilder von schmutzigen und kranken Schweinen und von Mitarbeitern, die achtlos Ferkel töten. „Wer soll in Großanlagen eine artgerechte Tierhaltung durchsetzen?“, fragt Dr. Jörg Gerke, Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) seine Zuhörer. „Mit dem Bauernverband brauchen wir nicht zu reden. Der versucht in Sachen Tierschutz bisher alles auszusitzen und auszuhebeln“.

Ein Landwirt neben mir in einem lindgrünen T-Shirt schüttelt den Kopf. „Wie kann der Mann so etwas sagen? Wir sind mit hundert Leuten hier, Mitglieder aus regionalen Bauernverbänden, darunter mehrere Vorsitzende und Präsidiumsmitglieder des Landesbauernverbandes. Wir suchen das Gespräch“, versichert Klaus Griepentrog, viele Jahre Vorsitzender des Bützower Bauernverbandes. Dann wendet er sich wieder der jungen Frau zu, die ein Transparent mit einem Hahn und der Schlagzeile „Artgerecht statt ungerecht. Bündnis 90/Die Grünen“ hochhält. Griepentrog lädt sie auf seinen Milchviehbetrieb in Steinhagen bei Bützow ein. „Sie haben bestimmt gute Gedanken. Wir auch. Bringen Sie Ihre Kinder mit.“ Seine Einladung wird angenommen. Ein paar Schritte weiter diskutieren Schweinezüchter Ingo Wiechmann aus Pankelow und AbL-Bundesgeschäftsführer Georg Janssen. „Warum demonstriert ihr nicht mal vor einem Supermarkt?“, will Wiechmann wissen. „Der Handel verkauft ein Schwein für 500 bis 600 Euro. Ich kriege 140 bis 150 Euro. Das reicht nicht.“ Auch in einem anderen Punkt sind sich die beiden einig: „Die Schlachtkonzerne müssen mit ins Boot. Selbst die sehen jetzt, dass wir so nicht weiterkommen“, sagt Wiechmann. Allerdings: „Unser Markt liegt nicht in China, sondern vor der Haustür“, beharrt Janssen. „Die Chinesen bezahlen aber pünktlich ihre Rechnung“, entgegnet der Landwirt.

Nebenan sind Ministerpräsident Erwin Sellering und Agrarminister Till Backhaus zu einer Diskussionsrunde gestoßen. „Die Tiere werden so hochgezüchtet, dass sie nicht artgerecht gehalten werden können. Die Tierqual muss ein Ende haben. Wir wollen das Verbandsklagerecht für den Deutschen Tierschutzbund“, fordert dessen Präsident Thomas Schröder. Sellering lehnt dies ab. „Tun Sie nicht so, als brauchten wir das Verbandsklagerecht, um Tiere zu schützen. Landwirte sind keine Tierquäler. Reden sie miteinander“, forderte der Ministerpräsident Schröder auf.

Die MeLa bot dazu mehrfach Gelegenheit. Wenige Stunden nach der Demo trafen sich Landwirte in grünen T-Shirts und Mitglieder des Tierschutzbundes und des BUND im MeLa-Forum in Halle 2 wieder. Dort lud die BauernZeitung zu ihrem Forum zum Tierschutz in der Nutztiehaltung ein (Bericht im nächsten Heft).

Auch der Landesbauerntag stand im Zeichen der Tierwohldebatte. Landesbauernpräsident Rainer Tietböhl hatte im Vorfeld Tierschutzverbände und Bürgerinitiativen eingeladen. „Wenn wir öffentlich gegen die Argumente der Tierschutzverbände auftreten, kann der Eindruck entstehen, wir sind gegen den Tierschutz. Das ist falsch“, stellte Tietböhl klar. „Wir haben den Umgang mit Tieren von der Pike auf gelernt. Er ist Teil unserer Ausbildung, von der Geburtshilfe bis zum leider manchmal notwendigen Töten aus Tierschutzgründen.“ Es gebe keinen Grund, die moderne Tierhaltung in Sachen Tierschutz unter Generalverdacht zu stellen. „Wenn jemand die Regeln aber nicht einhält, muss er zur Verantwortung gezogen werden“, so der Präsident. Die Landwirte seien zu einem fachlichen und sachlichen Dialog mit den Tierschutzverbänden bereit. Dabei sei aber stets zu beachten, dass sie mit der Tierhaltung ihren Lebensunterhalt verdienten. Sowohl die Existenzsicherung als auch mehr Tierschutz machten Investitionen in neue Ställe notwendig.

Tietböhl dankte den Verbandsmitgliedern, die sich bei der Aktion am Vortag zur Demo eingebracht und das Gespräch mit den Tierschützern gesucht hatten. Den Dialog wolle man fortsetzen. Er nahm eine Einladung des BUND zur Bio-Landpartie an.  

Agrarminister Dr. Till Backhaus will mehr Solidarität zwischen der Landwirtschaft und den Verbrauchern. „Unsere Landwirtschaft sorgt dafür, dass hochqualitative Lebensmittel in ausreichenden Mengen jeden Tag zur Verfügung stehen. Es kann aber nicht sein, dass man gegen die Landwirtschaft demonstriert und die Lebensmittelkonzerne außer Acht lässt. An der Ladentheke wird abgestimmt. Hier muss demonstriert werden, für mehr regionale Produkte, um unsere Unternehmen zu unterstützen.“

Er erinnerte daran, dass Mecklenburg-Vorpommern das erste Bundesland war, das seine Agrarförderung an deutlich mehr Tierschutz gebunden hat. Diese Strategie würde fortgesetzt. Dazu müssten Tierhalter, Tierschützer und Verbraucher weiter den Dialog führen. „Wir wollen mehr flächengebundene Tierhaltung, mit weniger Antibiotikaeinsatz und einen verantwortungsvolleren Umgang mit Gülle.“ Der Minister erneuerte seine Forderung an den Bund, einen Tierschutz-TÜV einzuführen und einen wissensbasierten Dialog für Tierbestandsobergrenzen zu eröffnen.

Die Größe der Bestände spiele für die tiergerechte Haltung keine Rolle, unterstrich Dr. Albert Hortmann-Scholten, Fachbereichsleiter an der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (siehe auch Heft 36, S. 30). „Der Strukturwandel in der Landwirtschaft wird weitergehen. Das Wachstum ist notwendig, damit Landwirte in Zukunft von der Landwirtschaft leben können.“ Weil die Gesellschaft die Entwicklung zu immer größeren Tierbeständen offenbar ablehne, befinde sich die Tierschutzdebatte in einem Zielkonflikt.

Ein Ansatz für eine Lösung könnte die Initiative Tierwohl sein. Allerdings müsse das Mehr an Haltungskomfort, das über die gesetzlichen Bestimmungen hinausgeht, den Landwirten bezahlt werden. Die bisher vom Einzelhandel zugesagten 65 Mio. € würden aber nicht für alle tierhaltenden Betriebe ausreichen. Deshalb würde über die Teilnahme an der Initiative wahrscheinlich in einem „Windhundverfahren“ entschieden.

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