Malz ist noch nicht verloren

10.07.2015

© Jürgen Drewes

28 Körner je Ähre – das passt. Wilfried Lenschow freut sich über den guten Körneransatz

Wilfried Lenschow lehnt sich zurück und lässt es zischen. Sein Feierabendbierchen hat sich der Chef der Agrargenossenschaft Bartelshagen I bei Ribnitz-Damgarten redlich verdient. Der Mittfünfziger ist einer der wenigen verbliebenen Braugerstenanbauer in Mecklenburg-Vorpommern. Hunderte Brauereien haben einst auf den wichtigen Rohstoff aus der Region zur Bierproduktion zurückgegriffen. Inzwischen lassen sich die Anbauer im Land fast an den Fingern einer Hand abzählen. Damit ist auch der Braugerstenanbau deutlich zurückgegangen. Hiesige Mälzereien greifen mittlerweile auf Importe aus Frankreich, Skandinavien oder England zurück.

Viel Fingerspitzengefühl erforderlich

Hopfen, Malz, Hefe und Wasser, das sind die vier zugelassenen Rohstoffe fürs Bier, und so will es das Deutsche Reinheitsgebot seit 1516. In jedem Jahr wird auf dieser Basis seit nunmehr 500 Jahren Bier gebraut. Allein bei der Braugerstenproduktion für das Malz hat sich vor allen in den letzten zwei Jahrzehnten ein grundlegender Wandel vollzogen: Braugerste aus Mecklenburg-Vorpommern ist mittlerweile eine Rarität.

„Ich weiß auch nicht, woran es genau liegt, aber der Anbau erfordert schon viel Fingerspitzengefühl. Düngung und Ertrag stehen in einem besonders engen Abhängigkeitsverhältnis. Entscheidend ist der Eiweißgehalt im Getreide. Da spielen die Stickstoffgaben die nahezu alles entscheidende Rolle. Andere Kulturen lassen sich weit weniger risikovoll produzieren. Und letztlich geht es auch ums Geld“, sucht Wilfried Lenschow nach Ursachen für den Anbaurückgang. Landesweit wächst Braugerste nur noch auf rund 6 000 ha heran. Das sind deutlich weniger als ein Prozent der gesamten Ackerfläche. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Winterbraugerste.

„Über Generationen wurde in Deutschland konsequent Sommergerste ins Feld gestellt. Wintergerste für Brauereien spielte keine Rolle“, verweist Dr. Joachim Vietinghoff auf eine weitere grundlegende Veränderung. Der  Vizedirektor des Landesamtes für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei und Leiter des Pflanzenschutzdienstes in Rostock steht auch dem Verein zur Förderung des Braugerstenanbaus in MV vor. „Aktuell sind es nur noch ein Dutzend Mitglieder, die sich engagieren. Neue sind in den vergangenen Jahren kaum hinzugekommen“, bilanziert Vietinghoff.

„Ich werde auf die Braugerste auf keinen Fall verzichten“, hält Wilfried Lenschow dagegen. Die Genossenschaft hat auf 250 ha Winterbraugerste der Sorte Joy angebaut. Eine wesentliche Rolle spielt dabei, dass Braugerste als erste unter allen Getreidearten bereits zumeist im Juli druschreif ist. „Ich brauche das Stroh für meine Tiere. Je früher, desto besser. Und ich habe rechtzeitig Flächen für die Wiederbestellung – beispielsweise mit Raps – frei. Zudem habe ich einen Direktliefervertrag mit einer der weltweit führenden Mälzereien abgeschlossen. Malteurop im Rostocker Überseehafen hat mir stets eine hohe Qualität meiner Lieferungen bescheinigt und zahlt deshalb auch einen guten Preis. Weil der Handel nicht zwischengeschaltet ist, rechnet sich das für mich durchaus“, gewährt der Agrargenossenschaftschef Einblicke in seine Strategie.

Nur noch Winterbraugerste

Entscheidendes Qualitätsmerkmal für die Mälzereien ist der Eiweißgehalt in der Braugerste. Lange Zeit hieß es – neun Prozent Protein ist die absolute Höchstgrenze. „Das hinzubekommen ist zugegebenermaßen schwierig, zumal mit Sommergerste. Da spielte in der Vergangenheit vor allem auch die zunehmende Frühjahrstrockenheit eine unangenehme Rolle“, erklärt Lenschow seine Entscheidung, nur noch Winterbraugerste anzubauen. Dank der Züchtung sind zuletzt Sorten entwickelt worden, die den hohen Ansprüchen der Bierhersteller gerecht werden. Da sind jetzt auch durchaus elf Prozent Proteingehalt erlaubt. Das erleichtert die Bestandesführung erheblich. Trotzdem gibt es kaum Neueinsteiger bzw. auch keine „Rückkehrer“. Denn mittlerweile habe sich wohl die Meinung festgesetzt, dass mit anderen Kulturen wesentlich unaufwendiger und sicherer Geld zu verdienen sei. Zudem gehe da auch die Angst um, sich den spezifischen Herausforderungen einer qualitätsgerechten Baugerstenproduktion zu stellen. Wenn am Ende nur Futterqualitäten erreicht werden, hat der Landwirt nichts gekonnt.

Optimales Fruchtfolgeglied

Gabriele Pienz begleitet die Entwicklung wissenschaftlich. Die Pflanzenbauexpertin von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei in Gülzow  betrachtet die Situation sowohl aus pflanzenbaulicher als auch aus ökonomischer Sicht. „ Es bestehen in Mecklenburg-Vorpommern durchaus Möglichkeiten, erfolgreich Braugerste anzubauen. Wir stehen mit Beratung jederzeit zur Verfügung“, wirbt Gabriele Pienz um neue Mitstreiter. Auch Wilfried Lenschow will sich gern als Wissensvermittler einbringen. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Braugerste optimal in eine ausgewogene Fruchtfolge passt“, so der Landwirt. Und nippt weiter genüsslich an seinem Feierabendbier. Gut möglich, dass das auf Basis von Braugerste von den Feldern rund um Bartelshagen gebraut wurde.

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